RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 100 vom 4. August 2002 (Deutsche Ausgabe)

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IN DIESER AUSGABE

Grund zum Feiern – 100 Ausgaben des Rationalist International Bulletins

Entdeckung: Fossile Sensation - der Mensch ist 7 Millionen Jahre alt!

Richard Wiseman wird Ehrenmitglied von Rationalist International

Südafrika: Blutige Saison der Grausamkeit

Pakistan: Ein Dorf steinigt einen “Gotteslästerer” zu Tode

USA: Die Kirche darf sich nicht mehr hinter dem Schutzschild des First Amendment verstecken

Indien: Feuerprobe der Keuschheit

Deutschland: Der Hintern des Schicksals

 

Grund zum Feiern – 100 Ausgaben des Rationalist International Bulletins

Wir laden Sie ein, unser Archiv zu besuchen und Geschichte im Entstehen zu beobachten. Seit seinen bescheidenen ersten Anfängen im November 1998 hat das Rationalist International Bulletin einen langen Weg hinter sich gebracht. Heute feiern wir seine hundertste Ausgabe (in englischer Sprache). “Das Rationalist International Bulletin ist weithin als das beste Internet Magazin seiner Art anerkannt”, schreibt Dr. Bill Cooke in Open Society, der Zeitschrift der New Zealand Association of Rationalists and Humanists, die seit 1927 der nicht-religiösen Gemeinschaft Neuseelands dient.

Inzwischen hat das Bulletin seine Flügel über den größten Teil des Globus gebreitet. Über alle Barrieren zwischen Rationalismus, Atheismus, Humanismus, Säkularem Humanismus, Freidenkertum und Skeptizismus hinweg, erreicht es viele tausend Organisationen und Individuen und wird von einer weltweit wachsenden Gemeinschaft fortschrittlicher Denker und mutiger Kämpfer für eine bessere Zukunft gelesen, diskutiert und bedacht. Wir haben, soweit identifiziertbar, direkte Bezieher in 98 Ländern zwischen China und den USA und zwischen Norwegen und Ghana – und es gibt viele andere, deren Standort uns unbekannt ist. Viele Bezieher leiten das Bulletin an die Mitglieder ihrer Organisation weiter oder an Freunde und Kollegen, nehmen es in ihre Website auf und drucken seine Artikel und Reporte in ihren Zeitschriften ab. Gelegentlich stößt man auf dänische, finnische, japanische, russische oder arabische Übersetzungen von Artikeln. Es besteht wachsendes Interesse und dringender Bedarf an Rationalismus ohne Grenzen und ohne Sprachbarrieren, um den zerstörerischen Einfluß von Irrationalismus, Traditionalismus, Fanatismus, Religion und Aberglauben zu bekämpfen.

Im Jahre 2001 haben wir die Spanische Ausgabe des Bulletins ins Leben gerufen und damit seine direkte Wirkung nach Südamerika ausgedehnt. Bald folgte die Deutsche Ausgabe. Heute tun wir den nächsten Schritt:

Voilà! Rationalist International freut sich, hiermit die Französische Ausgabe des Bulletins präsentieren zu können!

Wenn Sie französisch lesen, sind Sie herzlich eingeladen, die neue Ausgabe regelmäßig zu beziehen. Senden Sie einfach eine textlose Email an Rationaliste-subscribe@yahoogroups.com.

Als ihm der fromme Sturm so kalt ins Gesicht schlug, ordnete der 79-jährige Richter Goodwin gleich am nächsten Tag Aufschub der Rechtsgültigkeit für sein eigenes Urteil an, bis Kollegen desselben Gerichtshofes entschieden hätten, ob der Fall eventuell neu verhandelt werden müsse. Das Justizministerium hat inzwischen eine Überprüfung durch den gesamten, elfköpfigen Gerichtshof gefordert. Es wird erwartete, daß Goodwins Urteil keinen Bestand haben wird. Selbst wenn es überlebt, wird es noch die Hürde des Höchsten Gerichtshofes zu nehmen haben.

Obwohl nun bis auf weiteres alles beim alten zu bleiben scheint und amerikanische Schulkinder wie zuvor unter Stars & Stripes dazu ermutigt werden, an Gott zu denken: der von Michael Newdow angestrengte Prozeß hat zumindest die Selbstverständlichkeit erschüttert, mit der dies geschieht. Und er hat eine gründliche und allgegenwärtige Diskussion über die Beziehung von Staat und Kirche in den Medien und in einer weiten Öffentlichkeit entfacht.

Michael Newdow gibt sich damit jedoch nicht zufrieden. Er kämpft weiter, obwohl er Beschimpfungen und ernstzunehmende Todesdrohungen geerntet hat. Er nennt sich "Gründungsministrant" der "First Amendment Church of True Science", FACT, (der Ersten-Verfassungseränzungs-Kirche der wahren Wissenschaft) und ist voller Energie, Selbstverstauen und Pläne, wie der Einfluß von Religion im öffentlichen Leben beschnitten werden kann. Er hat bereits einige andere interessante Prozesse laufen. Mit einem versucht er, den Kongreß zur Unterlassunger religiöser Anspielungen in seinen öffentlichen Resolutionen zu zwingen, mit einem anderen will er Bushs christliche Gebete aus seinen präsidentialen Eröffnungsveranstaltungen verbannen. Er will auch dafür sorgen, daß die Inschrift "In God We Trust!" (Wir vertrauen auf Gott) vom Dollar verschwindet.

Neben all diesen Aktivitäten führt er einen Prozeß um das Sorgerecht für seine Tochter gegen seine frühere Ehefrau. Er überlegt, ob er als Anwalt für Familienrecht praktizieren sollte, das er - neben Religion - als das "mysteriöseste, nutzloseste und schädlichste System in der Gesellschaft" betrachtet.

 

Entdeckung: Fossile Sensation - der Mensch ist 7 Millionen Jahre alt!

Die französischen Wissenschaftler, die seinen nahezu vollständigen Schädel in der zentralafrikanischen Tschad-Region ausgruben, nannten ihn Toumai, ein Name, der Kindern gegeben wird, die in der Trockenzeit geboren werden. Sie fanden bald, daß sie eine fossile Sensation entdeckt hatten. Toumai hatte hier vor ungefär 7 Millionen Jahren gelebt – viel früher also, als bisherige Schätzungen den Beginn menschlichen Lebens ansetzten!

Die Entdeckung des Sahelanthropus Tschadensis (Toumais formaler Name) bedeutet eine Revolution in der jungen Wissenschaft der Palaeoanthropologie und wird als wichtigster Fossilfund seit Menschangedenken eingestuft. Der kleine Schädel weist eine erstaunliche Mischung primitiver affenartiger und hochentwickelter menschlicher Züge auf. Da er sich klar von Affen und Hominiden, von Menschen und ihren Vorfahren unterscheidet, wurden ihm sowohl ein neuer Gattungsname als auch ein neuer Artname zugesprochen. Sahelanthropus Tschadensis ist ungefär eine Million Jahre älter als die ältesten bisher bekannten Mitglieder der menschlichen Familie und gewährt Einsicht in menschliches Leben nahe der Auseinanderentwicklung von Mensch und Schimpanse. “Die Divergenz von Mensch und Schimp muß weit älter sein, als wir bisher angenommen haben”, sagt Professor Michel Brunet von der Universität Poitiers, der das Entdeckerteam leitete.

Molekular-biologische Studien bestätigen, daß die Divergenz sich im Zeitraum von vor 5 bis 7 oder 8 Millionen Jahren ereignet haben muß.

 

Richard Wiseman wird Ehrenmitglied von Rationalist International

Wir freuen uns, mitteilen zu könne, daß Dr. Richard Wiseman jetzt Ehrenmitglied von Rationalist International ist.

Dr. Wiseman ist ein renomierter Spezialist für die Psychologie des Übersinnlichen, der Magie und des Betrugs. Während der vergangenen zehn Jahre hat er Hellseher, Medien, Feuerwandler und sogar angeblich hellseherische Tiere getestet. Dr. Wiseman hat vier Bücher und über 60 wissenschaftliche Artikel über seine Forschung veröffentlicht und wird regelmäßig in den Medien präsentiert. Er hat einige von Englands berühmtesten Spukfällen aufgedeckt.

Richard Wisemann began sein Arbeitsleben als preisgekrönter Zauberer und leitet heute die Perrott Warrick Research Unit der Universität Herfordshire in England. Dieses Institut führt skeptische Forschung in Verbindung mit angeblichen Beweisen für paranormale Erscheinungen durch und fördert das öffentliche Wissenschaftsverständnis. Im November 1999 wurde Wiseman Englands erste Dozentur zur Förderung des Öffentlichen Verständnisses der Psychologie verliehen.

 

Südafrika: Blutige Saison der Grausamkeit

Wieder einmal ist sie vorüber, die Saison der grausigen und blutigen Rituale im Namen alter Tradition. Am Sonntag, dem 14 Juli, war der letzte Tag der Initiations-Periode, die in vielen Teilen des ländlichen Südafrika immer noch von der schwarzen Bevölkerung “gefeiert” wird. Die schockierende diesjährige Bilanz nach Angaben der Polizei: 24 Jugendliche starben an der Schwelle der “Mannwerdung” an verpfuschten Beschneidungen und brutalen Schlägen. Für viele andere ist der Alptraum noch nicht zu Ende. Über hundert Opfer mußten mit Wundbrand und Blutvergiftungen hospitalisiert werden. Ein Junge verlor mit Wundbrand seinen Penis, ein anderer mußte die Amputierung seines Penis erleiden, ein dritter die Amputierung seiner beiden Beine. Aber selbst all jene, die dem Gemetzel ohne größeren physischen Schaden entkamen, dürften bis an ihr Lebensende die psychischen Narben ihres “großen Tages” tragen.

Die Initiations-Schulen öffnen in jedem Jahr Anfang Juni. Wenn nach sechs Wochen Teilnahme am Vorbereitungsunterricht alle Gesänge und alle Einzelheiten der Rituale einstudiert sind, naht der Tag des barbarischen Aktes. Die Initianden, in der Regel zwölf- bis sechzehnjährige Jungen, die gezwungen werden, sich dem grausamen Ritual der Mannwerdung zu unterwerfen, sind den Beschneidern total ausgeliefert. Diese können sie durch Unvorsichtigkeit und mangeldes Wissen über das hohe Infektionsrisiko töten, indem sie stumpfe und unsterilisierte Messer für die rohe Operation benutzen. Aber in diesen Tagen regiert nicht nur Unvorsicht. Es ist die Saison der Grausamkeit, der Unterdrückung und Unterwerfung, des sadistischen Triumphes der Macht der Tradition. Oft pflegen die Beschneider ihren Opfern absichtlich Schmerz zuzufügen, sie zu schlagen und gar zu foltern, um sie zur Unterwerfung zu zwingen oder sie zu strafen für ein vergessenes Wort in den Gesängen oder einen kleinen Fehler in den Ritualen.

In diesem Jahr berichtete die Polizei einen merkwürdigen und markabren Fall aus dem Dorf Mafikeng im Norden des Landes: ein 77-jähriger Mann war offensichtlich gezwungen worden, am Initiationsunterricht teilzunehmen und sich der Beschneidung zu unterziehen. Während des Prozesses wurde er zu Tode gefoltert.

 

Pakistan: Ein Dorf steinigt einen “Gotteslästerer” zu Tode

Möglichweise hat Zahid Mehmood überhaupt nicht verstanden, was ihm geschah. Eines schönen Abends wurde er aus seinem kleinen Haus gezerrt und vor den Augen von 300 Dorfbewohnern zu Tode gesteinigt. Seine “Hinrichtung” erfolgte auf Befehl eines muslimischen Geistlichen, der ihn der Blasphemie gegen den Koran und den Propheten Mohammed für schuldig befand. Der Geistliche behauptete, Zahid habe seinen eigenen Namen in Koranausgaben an die Stelle des Namens des Propheten Mohammed geschrieben. Nach Angaben der Polizei war Zahid bereits früher offiziell auf der Grundlage des drakonischen pakistanischen Blasphemie-Gesetzes angeklagt worden. Sein Fall war jedoch einer der ganz wenigen gewesen, die mit Freispruch enden, denn es gab ein medizinisches Gutachten, das ihn für geistesgestört erklärte.

Ort des grauenvollen Mordes im Namen Allahs war ein Dorf in Pakistans zentraler Provinz Punjab. Die Polizei eröffnete ein Untersuchungsverfahren gegen alle 300 Dorfbewohner, die während des grausamen Aktes anwesend waren, und verhaftete schließlich 29 von ihnen wegen direkter Teilnahme an dem Mord.

Erst kürzlich wurde Yousaf Ali, ein ehemalige Captain der Pakistanischen Armee, von einem fundamentalistischen Mitgefangenen im Gefängnis von Lahore erschossen, nachdem er Widerspruch gegen sein Todesurteil in einem Blasphemie-Prozeß eingelegt hatte [siehe Bulletin Nr. 99]. Letzte Woche befahl ein Geistlicher seinen Anhängern ganz offen, den US-Marine-Ingenieur Faraz Jawed zu ermorden, der sich gerade im Lande aufhielt. Jawed, ein geborener Pakistani, soll den Geistlichen während einer Gebetsversammlung für dessen Angriffe auf die USA und die pakistanische Regierung kritisiert haben. Jahwed entkam.

 

USA: Die Kirche darf sich nicht mehr hinter dem Schutzschild des First Amendment verstecken

In einem historischen Urteil wurde der römisch-katholischen Kirche jetzt der Schutzschild des First Amendment entzogen, hinter dem sie Priester, schuldig des Kindesmißbrauchs, vor dem Zugriff des Gestzes versteckt zu halten pflegte.

Das First Amendment (berühmte Erste Ergänzung der Amerikanischen Verfassung, die u.a. Religionsfreiheit sowie Trennung von Staat und Kirche garantiert) gewährt religiösen Gemeinschaften zum Schutze der Religionsfreiheit ein Recht auf Vertraulichkeit. Sich auf dieses Recht berufend, hat sich die Diözese Providence in Rhode Island nahezu ein volles Jahrzehnt lang geweigert, belastende Dokumente über Rev. James Silva herauszugeben, die während der Ermittlungen und unabhängigen Gerichsverfahren angefordert wurden, die 9 frühere Mitglieder seiner Gemeinde angestrengt hatten, die in ihrer Kindheit von Silva mißbraucht worden waren. In gleicher Weise wurden Gerichtsverfahren von 40 Opfern anderer Priester der Diözese Providence blockiert. Die Gerichte pflegten den bequemen Fluchtweg zu akzeptieren. Aber das scheint nun anders geworden zu sein.

“Bei keiner noch so elastischen Dehnung einer höchst fruchtbaren Vorstellungskraft kann man vernünftigerweise darauf kommen, daß eine solche Information oder irgendeine diesbezügliche Kommunikation als Ausdruck religiöser Freiheit den Schutz der Vertraulichkeit in Anspruch nehmen oder verdienen könnte”, schrieb Richter D Krause in seinem Urteil.

Richter Krauses Entscheidung wurde in den ganzen USA begrüßt. Sie markiert eine Wasserscheide im Fall Leland White gegen Rev. James Silva und die Diözene Providence, einem der langwierigsten und härtesten Gerichtskämpfe, die bisher gegen einen priesterlichen Kindesmißbraucher geführt wurden. Rechtsanwalt Leland White kämpfte 9 Jahre lang, um die Verbrechen des Rev. Silva nachzuweisen, der ihn 1970, damals ein 14-jähriger Junge, als Gemeindepriester von Newport, Rhode Island, mißbraucht hatte.

 

Indien: Feuerprobe der Keuschheit

In Indore, der Handelshauptstadt des indischen Staates Madhya Pradesh, nahm die Polizei 10 Leute fest, die eine junge Frau gezwungen hatten, sich Agni Pariksha zu unterziehen, der Feuerprobe der Keuschheit. Das ganze mittelalterliche Verfahren liegt als Videoclip vor, aufgenommen vom Ehemann des Opfers, Videophotograph von Beruf, der auch unter den Festgenommenen ist.

Während der Hindu Priester unablässig seine Mantras singt, wird die 26-jährige Sangeeta der Menge vorgeführt. Zur Vorbereitung auf das “Gottesurteil” war sie zuvor gebaded, mit dem indischen Gewürz Turmerik eingerieben und in einen speziellen rosa Saree mit weißen Streifen gesteckt worden. Nun beobachten die Zuschauer, wie ihre Hände mit gelber Turmerik-Paste bestrichen und in frische, hellgrüne Peepal-Blätter gewickelt werden, die als heilig gelten. Der Priester greift zwei lange Zangen und nimmt einen rot-glühenden Eisenstab aus dem Feuer, wo er eineinhalb Stunden lang erhitzt worden ist. Die Zuschauer halten den Atem an, als er in Sangeetas Hände gelegt wird. Alle Augen ruhen auf ihr, während sie den glühenden Stab 15 endlos erscheinende Minuten lang umklammert hält. Ihr Gesicht ist unbeweglich wie das einer Statue. Schließlich gibt der Priester ein Signal; sie läßt den Stab fallen, und die Menge beginnt wieder zu atmen. Ihre Hände werden von den Anführern der Gemeinschaft geprüft. Sie hat die Feuerprobe bestanden und wird als “rein und unschuldig” erklärt, sobald diese sich überzeugt haben, daß sie keine Brandwunden und Blasen hat.

Sangeeta war von ihrer eigenen Mutter und anderen Familienmitgliedern dazu gezwungen worden, sich dem Feuertest zu unterziehen, nachdem sie sich allein zu einer Pilgertour an einen heiligen Ort in der Nachbarschaft aufgemacht hatte, ohne ihren Ehemann vorher um Erlaubnis zu bitten.

Die primitive Zeremonie, die direkt aus den dunklen Zeiten der Hexenjagd im europäischen Mittelalter entlehnt sein könnte, ist hier keine seltene Ausnahme. Feuer-Prozesse sind verbreitet unter den Kanjars, einem Stamm, dessen Gemeinschaften in mehreren Städten Madhya Pradeshs und in Mumbai (Bombay) leben. Jedes Jahr finden zwei bis drei Feuerproben statt. Der Priester, der den “Gottesprozeß” in Sangeetas Fall durchführte, hatte vorher bereits 31 ähnliche Prozesse abgehalten, den letzten 6 Monate zuvor in der nahen Tempelstadt Ujjain.

In Ujjain war Sunni, ein junger Mann von 18 Jahren, eines illegitimen Verhältnisses mit einer verheirateten Frau bezichtigt worden. Die örtliche Gemeinschaft der Kanjars beschloß, die “Wahrheit” über Sunnis Schuld oder Unschuld per Feuerprobe herauszufinden. Diese Feuerproben sind nicht geschlechtsspezifisch, Männer und Frauen können ihnen gleichermaßen zum Opfer fallen. In diesem Fall bediente sich der Priester einer anderen Methode: Er warf 10 Puris (in Fett auszubackende Weizenküchlein) in einen großen Topf voll brodelnden Öls und befahl dem jungen Mann, sie mit bloßen Händen herauszufischen. Sunni verbrannte sich nicht die Finger und wurde für unschuldig erklärt.

Obwohl in Indore 10 Leute für die Durchführung der Feuerprobe verhaften wurden, ist es zweifelhaft, ob am Ende irgendjemand rechtsgültig verurteilt werden wird. In religiöser Verpackung pflegen Verbrechen und Grausamkeiten bekanntlich sehr widerstandsfähig gegen Gesetze zu sein. Und Opfer wie Sangeeta und Sunni würden in den meisten Fällen unter dem Druck der Gemeinschaft versichern, daß sie sich der Feuerprobe nicht gezwungenermaßen, sondern auf eigenen Wunsch unterzogen hätten.

In einer öffentlichen Aufklärungskampagne unter Leitung von Sanal Edamaruku haben Aktivisten der Indian Rationalist Association kürzlich die Techniken vorgeführt und wissenschaftlich erklärt, die es ermöglichen, rotglühende Eisenstangen und brodelndes Öl zu berühren, ohne sich zu verbrennen.

 

Deutschland: Der Hintern des Schicksals

Im norddeutschen Dorf Melldorf bei Hamburg wurde eine bisher unbekannte Form des Hellsehens entdeckt. Der Vater und bisher einzig Praktizierende der neuen delikaten Art, die Zukunft zu enthüllen, ist Ulf Buck, ein 39-jähriger blinder Mann im purpurnen Mönchsgewand, der gerne einen Hauch von mittelalterlichem Christentum in seinem kandelabergeschmückten Arbeitsraum verbreitet. Der Hintern, sagt er feierlich, zeigt Schicksalslinien wie die Innenflächen der Hand, ist jedoch von viel stärkerer Ausdrucksmacht als diese. Wenn Buck die Schicksalsspuren an den Hintern seiner Klienten mit den Fingerspitzen abfühlt, kann er diesen angeblich alles über ihren Charakter und ihre Zukunft sagen, über Erfolg und Kariere, Familien- und Sexualleben, Gesundheit und Zufriedenheit und sogar über ihre schlummernden künstlerischen Talente. Seine Klienten, gibt der blinde Hellseher an, kommen aus allen Schichten der Bevölkerung, Unter ihnen sind Putzfrauen, Sekretärinnen, und auch prominente Mitglieder der örtlichen Gemeinschaft. Und alle schätzen seine Blindheit, denn sie ermöglicht es ihnen, anonym zu bleiben, wenn sie ihm die Geheimnisse ihrer Leben und Seelen, eingraviert in ihre nicht-so-öffentlichen Körperteile, zur Inspektion vorlegen.

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