RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 103 vom 9. Oktober 2002 (Deutsche Ausgabe)

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IN DIESER AUSGABE

Die indischen Rationalisten stellen Mutter Teresas Eierstock-Wunder in Frage
Von Sanal Edamaruku

 

Die indischen Rationalisten stellen Mutter Teresas Eierstock-Wunder in Frage

Von Sanal Edamaruku

Wurde der Eierstock-Tumor der Monica Besra tatsächlich durch die übernatürlichen Kräfte des Bildnisses der verstorbenen Mutter Teresa geheilt, das ihr auf den Unterleib aufgelegt worden war? Mutter Teresas Orden, die "Missionaries of Charity", bestehen darauf. Der Vatikan hat die Geschichte offiziell als Wunder erster Klasse anerkannt. Die Indische Rationalisten Assoziation fordert gerichtliches Vorgehen gegen solch absurde und gefährliche Behauptungen.

Die Rationalisten, die die Kontroverse um Mutter Teresas posthume Wundertat ins Rollen gebracht haben, fordern, daß die Regierung des Staates West-Bengalen die "Missionaries of Charity" wegen Verbreitung falscher und volksverdummender Behauptungen vor Gericht stellt. Die Sache der Wundermacher dürfte vor keinem Gericht bestehen können: Ihre Zeugen haben gelobt zu schweigen, um sich nicht gegenseitig zu widersprechen. Ihre Gutachter sind anonym und unauffindbar. Ihr Beweis ist offensichtlich gefälscht. Und um das Maß vollzumachen: ihre Kronzeugin ist verschwunden!

Nach Angaben des Vatikan wurde Monica Besras Tumor durch die Macht des Bildnisses der Mutter Teresa auf ihrem Unterleib geheilt. Aber die medizinische Fallgeschichte beweist, daß es nichts als konventionelle medizinische Behandlung war, die das Leben der Patientin rettete. "Wie können Sie im 21. Jahrhundert von Wunderheilung sprechen?" sagt Bengalens Gesundheitsminister Suyrya Kanta Nishra. Die "Wunderdokumentation" behauptet, mehrere Ärzte hätten bestätigt, daß die Heilung "wissenschaftlich unerklärlich" sei, aber kein einziger dieser anonymen Zeugen konnte bisher ausfindig gemacht werden. Minister Nishras Amtsvorgänger, der frühere Gesundheitsminister Partho De, enthüllte, daß Agenten des Vatikan seinerzeit mit der Bitte an ihn herangetreten waren, ihnen einen Arzt zu nennen, der bereit war, zu bestätigen, daß Monica Besras Heilung ein Wunder sei. Der Minister lehnte es ab, zu kooperieren. Nachdem er im Februar 2000 die medizinische Dokumentation des Falles zur Überprüfung ins Gesundheitsamt Kolkata (vormals Calcutta) geordert hatte, war er überzeugt, daß die Zurückbildung des Tumors nach langer medizinischer Behandlung nichts Ungewöhnliches an sich hatte.

Unermüdlich an ihrer Heiligenkutte strickend, haben die Wunderagenten des Vatikan mehrere hundert Beispiele für Mutter Teresas übernatürliche Fähigkeiten zusammengeklaubt. Ordentlich abgeheftet, klassifiziert und ausführlich dokumentiert in einem Dossier von mehr als 34.000 Seiten, sollen sie gerade per Luftfracht in den Vatikan gesendet werden. Auf dieser Grundlage, hoffen ihre Fans, ist ihre Kannonisierung nur noch eine reine Formsache. Es wird erwartet, daß der Papst das schwere Gepäck noch im Dezember einchecken wird und daß die albanische Nonne vielleicht schon im Frühjahr in die Annalen der Heiligen aufgenommen werden kann - als die schnellste Heilige in der Geschichte der Katholischen Kirche.

Das allerwichtigste unter all den gebündelten Wundern ist dasjenige, das Teresa am ersten Jahrestage ihres Todes vollbracht haben soll. Jeder Heilige muß nämlich nach den offiziellen Regeln zumindest ein posthumes Wunder vorweisen. Teresas Manager haben für diesen Zweck die "Heilung der Monica Besa" ins Feld geführt, und der Vatikan hat sie bereits offiziell als geeignete Eintrittskarte zur Heiligkeit akzeptiert. Nun ist das Wunder unerwartet mit einer harten Herausforderung konfrontiert. Den Schleier der Heilgkeit weggezogen, sieht es plötzlich aus wie ein recht grobschlächtiger Betrug.

Dr. Manju Murshed, der Superintendent des staatlichen Krankenhauses in Balurghat, gab bekannt, daß Monica Besra seinerzeit mit heftigen Schmerzen dort eingeliefert worden war. Sie litt unter tuberkulöser Menengitis, und während einer Ultraschall-Untersuchung wurde ein Tumor an ihrem Eierstock gefunden. Sie wurde in der Folge von Dr. Tarun Kumar Biwas and dem Gynäkologen Dr. Ranjan Mustafi behandet. Nachdem sie das Belurghat Krankenhaus verließ, wurde die Behandlung im Hospital der Nordbengalischen Medizinischen Hochschule fortgesetzt und endete erfolgreich im März 1999. Eine abschließende Ultraschall-Aufnahme zeigte, daß der Tumor verschwunden war.

Herzstück des "Beweises" der Vatikan-Agenten ist die Aussage der Kronzeugin Monica Besra. Sie sickerte trotz äußerster Geheimhaltung zur Presse durch. In ihrer Aussage beschreibt Monica Besra, daß sie wegen eines riesigen Tumors im Bauch unter schrecklichen Schmerzen litt und nicht ein noch aus wußte. Sie verließ ihre Familie, um bei den "Missionaries of Charity" in Kolkota Hilfe zu suchen. Am 5. Oktober 1998, Mutter Teresas erstem Todestag, betete sie besonders inbrünstig zu ihr. Zwei Nonnen, Schwester Bartholomea und Schwester Ann Sevika, nahmen das Silbermedallion mit Mutter Teresas Bildnis von der Wand und banden es mit einem schwarzen Faden auf Monicas Unterleib fest, genau an der Stelle des Tumors. Der Schmerz verschwand noch in der selben Nacht und kam niemals wieder. Ihr Bauch wurde flacher und flacher, und am Morgen fühlte sie, daß der Tumor verschwunden war. Sie war durch ein Wunder der Mutter Teresa geheilt!

Die inzwischen 30-jährige Monica Besra aus dem Dorf Dulidnapur ist Angehörige eines Stammes. Sie ist Analphabetin und spricht nur ihre Stammessprache, versetzt mit ein paar Brocken gebrochenem Bengalisch. Bis vor kurzem war sie keine Christin. Ihr Bericht ist in fließendem Englisch verfaßt und verrät Vertrautheit mit dem katholischen Glauben. Es ist offensichtlich, daß sie diesen Text nicht selbst geschrieben und auch nicht diktiert haben kann. Aber Monica Besra steht nicht zur Verfügung, Licht in die trübe Geschichte zu bringen: sie ist verschwunden. Sie muß wohl "unter dem Schutz der Kirche" sein, vermuten die, die ihr nahestehen. Sie wurde nicht mehr gesehen, nachdem ihr Name trotz aller Geheimhaltungsbemühungen bekannt wurde.

Die zur Zeit des Wunders anwesenden Nonnen halten ihre Lippen versiegelt. "Ein objektives Wunder ist geschehen", erklärt Erzbischof D'Souza von Kolkatta. "Die Schwestern wollen keine unterschiedlichen Versionen geben, denn das würde die Sache verderben."

Wenn dieser offensichtliche Betrug nicht gerichtlich dingfest gemacht wird und wenn die Idee der Wunderheilung Glaubwürdigkeit gewinnt, hat das gefährliche Konsequenzen für die Ungebildeten und Armen. Die Indische Rationalisten Assoziation hat das Ziel, Vertrauen in moderne Medizin und Wissenschaft zu entwickeln und zu stärken und die Menschen zu ermutigen, sich die vorhandenen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten zu Nutze zu machen, anstatt Zuflucht zu Aber- und Wunderglauben zu nehmen. Unsere Bemühungen müssen der Ausdehnung der modernen medizinischen Versorgung in alle Schichten der Bevölkerung gelten.

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