RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 104 vom 29. Oktober 2002 (Deutsche Ausgabe)

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IN DIESER AUSGABE

Bewußtsein außerhalb des Körpers - Entstehung einer Illusion

Belgien: Das neue Sterbehilfe-Gesetz tritt in Kraft

Australien: Aufstand der Jedis

Sibirien: Wie man einen toten Lama frisch hält

Indien: Götter hinter Gittern

 

Bewußtsein außerhalb des Körpers - Entstehung einer Illusion

Viele tun es im Traum; einige erleben es unter Drogeneinfluß. Am sensationellsten jedoch erscheinen die Fälle derer, die diese Erfahrung an der Schwelle des Todes gemacht haben: Ins Leben zurückgeholt, sind sie fest davon überzeugt, sich außerhalb ihrer sterblichen Hülle bewegt zu haben. Sie erinnern sich, wie sie ruhig, frei und schwerelos über ihrem eigenen Körper in der Luft geschwebt und aus der Höhe auf ihn hinabgeblickt haben. Einige behaupten, sie hätten sich selbst auf dem Operationstisch liegen sehen und die hektischen Versuche der Chirurgen beobachtet, sie wiederzubeleben. Andere glauben, die Szene des Verkehrsunfalls von oben gesehen zu haben, der sie "vorübergehend getötet" hatte.

Derartige Erfahrungen des Selbst als außerhalb des eigenen Körpers befindlich ("out-of-body experiences”) wurden bisher als starke Beweise dafür angeführt, daß der menschliche Geist in der Lage sei, nach dem Tode fortzuexistieren. Die Vorstellung, daß das Bewußtsein unabhängig von der Hardware des Körpers existieren und funktionieren könnte, öffnet die Tür in die weite Phantasiewelt von Geistern und unsterblichen Seelen, Seelenwanderung und Wiedergeburt.

Ein Team von schweizer Wissenschaftlern in Genf und Lousanne ist jetzt dem Geheimnis auf die Spur gekommen. Es hat die Stelle im Gehirn identifiziert, die für "Out-of-body"-Erfahrungen verantwortlich ist. Durch Stimulierung dieser Stelle konnten derartige Erfahrungen sogar gezielt hervorgerufen werden. Sie befindet sich in der Hirnrinde der rechten Gehirnhälfte und hat den Namen Angular Gyrus, bekannt als Zentrum des räumlichen Bewußtseins.

Prof. Olaf Blanke und seine Kollegen machten die Entdeckung, während sie das Gehirn einer Epilepsie-Patientin im Rahmen der Therapie mit Elektroden stimulierten. Sie konnten das Phänomen dabei mehrfach hervorrufen. Die 43-jährige Patientin beschrieb das "sehr reale Gefühl", daß sie zwei Meter über ihrem Bett schwebte, nahe der Zimmerdecke. Als die Forscher sie aufforderten, von ihrer erhöhten Position aus ihren Körper zu betrachten, "sah" sie, daß ihre Beine immer kürzer wurden, und hatte eine unzutreffende Vorstellung von der Distanz zwischen ihrem Kopf und ihrem Arm.

Der Angular Gyrus entwirft ein als unmittelbare Realität empfundenes Abbild unseres Körpers in unserem Bewußtsein, indem er die zur Verfügung stehenden visuellen Information permanent mit taktilen Informationen und Meldungen der Gleichgewichtsorgane abgleicht. Nach Ansicht der Wissenschaftler kann die Illusion, sich außerhalb seines Körpers zu befinden, zustandekommen, wenn die zur Verfügung stehenden Informationen nicht zusammenpassen. Dies kann z.B. durch Stimulation mit Elektroden hervorgerufen werden. In Fällen, in denen das Phänomen an der Schwelle zum Tode auftritt, dürfte die Störung jedoch auf Fehlfunktion gewisser Gehirnteile aufgrund von unterbrochener Sauerstoffversorgung oder unterbrochener Verbindung zurückzuführen sein, sagt Prof. Blanke. Näheres über die Arbeit von Blanke und Kollegen ist im Wissenschaftsmagazin Natur veröffentlicht (Nr.8, September 2002).

 

Belgien: Das neue Sterbehilfe-Gesetz tritt in Kraft

Mit dem offiziellen Inkrafttreten des neuen Sterbehilfe-Gesetzes ist Belgien jetzt nach den benachbarten Niederlanden das zweite Land Europas geworden, das Ärzten erlaubt, ihren todkranken Patienten zu helfen, ihr Leben in Würde zu beenden.

Bevor das neue Gesetz im Mai 2002 vom Parlament verabschiedet wurde, hatte es bereits im Mittelpunkt heftiger öffentlicher Debatten gestanden, seit die Regierung im Dezember 1999 den ersten Entwurf vorgelegt hatte. Die christ-demokratische Opposition ließ nichts unversucht, das Gesetz zu verhindern. Noch nach seiner Verabschiedung erwog sie, gegen die Regierung ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg anzustrengen.

Indem es Kriterien und Vorgehensweisen der Sterbehilfe transparent macht, schafft das neue Gesetz klare Richtlinie für eine bisher illegale, aber weit verbreitete Praxis und schützt das Interesse des Patienten. Es wurde wiederholt erweitert und verbessert, bevor es seine endgültige Form erhielt, die maximalen Schutz vor Mißbrauch garantiert und damit das Lieblingsargument der Religionisten gegen die Legalisierung gründlich entkräftet.

Das neue Gesetz gilt für erwachsene Patienten, die todkrank und ohne Aussicht auf Heilung sind, auch wenn sie möglicherweise in der Lage wären, trotz ihrer Krankheit noch einige Zeit zu überleben. Es schließt auch Fälle permanenter psychischer Erkrankung ein, verlangt jedoch als unabdingbar, daß der Patient im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte und bei klarem Bewußtsein ist, wenn er seinen Sterbewunsch äußert. Erst wenn er seine Entscheidung über mindestens vier Wochen aufrecherhalten hat, können Maßnahmen zu ihrer Umsetzung eingeleitet werden. Der behandelnde Arzt muß zwei Kollegen hinzuziehen, die sein Urteil über die medizinische und psychische Situation des Patienten bestätigen. Alle Fälle durchgeführter Sterbehilfe müssen umfassend und in vorgeschriebener Form vom Arzt dokumentiert und einem von der Regierung eingesetzten permanenten Überwachungsausschuß vorgelegt werden. Ein Fall, der nicht von mindestens zwei Dritteln des Ausschusses (zusammengesetzt aus 4 Juristen und 12 Ärzten, darunter 4 Spezialisten für Schmerzmedizin) befürwortet wird, wird zur weiteren Untersuchung an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

 

Australien: Aufstand der Jedis

Australien dürstet nach einer neuen Religion. Nach Informationen, die das Amt für Statistik jetzt über die Volkszählung des vergangenen Jahres veröffentlicht hat, sind mehr als 70.000 Australier, die meisten von ihnen Christen, kürzlich Jedis geworden. Obwohl das bis jetzt erst eine kleine Minderheit von 0.37 Prozent der 19-Millionen-Bevölkerung darstellt, hat die plötzliche Beliebtheit der vormals unbekannten Religion die Alarmglocken der christlichen Kirchen läuten lassen.

Die Jedi-Religion hat sich schnell unter den Fans der Star-Wars-Filme verbreitet. Sie ist das fiktive Glaubensbekenntnis einiger ihrer Hauptfiguren.

Vor der letztjährigen Volkszählung blitzten dann konspirative E-Mail-Botschaften durch das Internet und riefen zum Aufstand auf. Falls sich 10.000 Bürger zum Jediismus bekennen und die zur Beantwortung freigestellte Zensusfrage nach ihrer Religion dementsprechend beantworten würden, sagten die Mails, sei die Regierung gezwungen, den mystischen Glauben der Außerirdischen als offizielle Religion anzuerkennen. Das Statistische Amt wies diese Behauptung offiziell zurück und beeilite sich, jedem mit einer Geldstrafe von tausend Australischen Dollars zu drohen, der in der Volkszählung unrichtige Angaben machte. Die Behörden starteten eine Kampagne zur (indirekten) Verteidigung des Christentums. Sie warnten jeden davor, durch Verschweigen seiner wahren Religionsgemeinschaft diese der öffentlichen Mittel für ihre Einrichtungen zu berauben, die ihr auf der Grundlage des Volkszählungsergebnisses zugeteilt würden. Aber die Aussicht auf eine Zukunft mit reduzierter Anzahl anglikanischer und römisch-katholischer Kirchen und Kindergärten konnte die Jedis nicht schrecken. Nicht einmal die Geldstrafe bremste ihren Bekennerdrang.

Die Antwort der Regierung war enttäuschend. Sie ignorierte die Jedis schlichtweg. Alle Jedi-Antworten wurden als "nicht definiert" kategorisiert. Das Statistische Amt erkärte, daß die Kriterien für die Anerkennung einer Religion über die bloße Anzahl von Antworten hinausgingen, die eine bestimmte Frage in der Volkszählung erhalte. Die christlichen Kirchen konnten es sich wieder in ihren unangefochtenen statistischen Spitzenpositionen bequem machen (67 Prozent für alle christlichen Gemeinschaften zusammen).

Kein Jedi wurde zu einer Strafzahlung verdonnert. Es war sowohl technisch schwierig als auch rechtlich problematisch, individuelle Zensusinformation abzufragen. Und nach vollständiger Verarbeitung des Materials werden alle personenbezogenen Daten endgültig gelöscht. - So sind die Jedis leise wieder zurückgekehrt in die geheime Welt einer außerirdischen Cybergemeinschaft.

 

Sibirien: Wie man einen toten Lama frisch hält

Die sibirischen Buddhisten sprechen von einem Wunder. In einem verdunkelten Raum im Tempel von Ivolginsk, einer kleinen Stadt an der mongolischen Grenze, sitzt Dashi Dorzho Itigliov, der zwölfte Pandito Hambo Lama, im Lotussitz auf dem Tisch. Bewegungslos, die Augen geschlossen, scheint er in tiefer Meditation. Zwar sieht sein Gesicht ein wenig verknittert aus, und seine Haut ist ledern, aber Besucher, die auf Zehenspitzen hereinschleichen, um ihn nicht zu stören, würden nicht glauben, daß er seit 75 Jahren tot ist. Sein Körper erscheint unversehrt in seinem neuen Gewand; er ist gewiß nicht verwest. "Der Körper des Lama hat die Zeit überdauert, weil er durch seine Meditationen shunyata erreicht hat, eine höhere Form der Existenz", erklärt der gegenwärtige Pandito Hambo Lama (der 25ste). Aber es gibt natürlich noch eine andere Erklärung, die besser mit den Naturgesetzen vereinbar ist.

Dashi Dorzho Itigliov hat nicht all die Jahre hier gesessen. Sein Körper war zwischenzeitlich verlorengegangen, und nur seine Legende blieb. Im September 1927, weiß diese Legende, rief der damals 75-jährige buddhistische Führer seine Anhänger zu sich. Im Lotussitz in ihrer Mitte sitzend, kündigte er seinen Tod an, gab ihnen geheime Instruktionen für die Zeit danach, meditierte, betete und starb. Eine seiner Anweisungen verlangte, daß sie nach 30 Jahren zurückkommen und nach seinem Körper sehen sollten. Und obwohl die sibirischen Buddhisten wie viele andere Gemeinschaften harte Zeiten der Verfolgung durchzumachen hatten, während derer Hunderte von ihnen getötet und ihre Tempel zerstört wurden, gelang es einigen von Itigliovs Anhängern, in den späten Fünfziger Jahren zum Friedhof von Kharkhe-Zurkhen zu kommen, wo sie ihn seinerzeit begraben hatten. Sie gruben seinen Sarg aus, öffneten ihn und fanden seinen Körper darin unverwest. Da sie Angst hatten, ihn zu ihrem Tempel zu bringen und das Wunder seiner Unversehrtheit zu feiern, beschlossen sie, ihn heimlich in einem ungekennzeichneten Grab wieder einzugraben und auf bessere Zeiten zu warten. Aber bessere Zeiten kamen nicht schnell genug, und sie starben einer nach dem anderen.

Hier könnte die Geschichte nun enden und uns in Ungewißheit darüber lassen, ob und wie es Itigliovs Anhängern gelungen war, den Körper ihres Meisters dreißig Jahre lang vor Verwesung zu schützen. Aber die Legende faszinierte vor kurzem einen neugierigen jungen Lama, der aufbrach, das unmarkierte Grab zu suchen. Er fand es mit der Hilfe eines 88-jährigen Mannes, dessen lange verstorbener Schwiegervater der kleinen Gruppe derer angehört hatte, die Itigliov einst aus- und wieder eingegraben hatten. Am 11. September 2002 wurde das Grab erneut geöffnet, und Itigliovs immer noch wohlerhaltenen sterblichen Überreste wurden in den Tempel von Ivolginsk überführt.

Obwohl die Instruktionen des zwölften Pandito Hamba Lama an seine Anhänger zusammen mit diesen gestorben sind, hat die Wiederentdeckung seines Körpers doch immerhin das Geheimnis seiner Erhaltung enthüllt. Er war in einem Sarg voller Sodium-Chlorid begraben worden, mit anderen Worten in gewöhnlichem Kochsalz. Salz verhindert bakterielle Aktivität und damit Verwesung. Diese Konservierungstechnik ist bereits seit Jahrhunderten wohl bekannt. In vielen alten Gemeinschaften wurden getrockneter Fisch und getrocknetes Fleisch zur Langzeit-Aufbewahrung in Salz gepackt. Genau das gleiche Verfahren wurde zur Erhaltung des Körpers des Lama angewendet. In seinem Sarg voll Salz wurde er sozusagen trocken-gepökelt, und das verhinderte die Verwesung seines Körpers.

 

Indien: Götter hinter Gittern

Die Eingeborenen von Bastar, Abkömmlinge der ältesten Volksstämme Indiens, haben eine recht rauhe Art, ihre Götter zu behandeln. Sie stellen sie regelmäßig einmal im Jahr vor Gericht - wegen Nichterfüllung ihrer Pflichten. Wenn schuldig befunden, werden die Götter ins Gefängnis geworfen.

Während des Dussera-Festes im Oktober werden alle Götter - die lokalen Hindugötter wie die traditionellen Stammesgottheiten - in einer Prozession zum Tempel der Muttergöttin Danteschwari gebracht, wo das Gericht des Glücksgottes und Götterchefs Lord Bangaram tagt. Die Muttergöttin, symbolisiert durch ein siebenjähriges Mädchen aus der Weberkaste, muß die Erlaubnis zur Gerichtseröffnung erteilen. Der König führt den Vorsitz. Obwohl ohne jede rechtliche Grundlage, halten die Bastar-Stämme sich bis heute immer noch einen König.

Auf der Anklagebank sitzt die große Versammlung der Götter und Göttinnen, präsent in Form malerischer Figuren und Statuen. Neben dem eher etablierten Erdgott Mati Deo, dem Regengott und der Heiligen Kuh, finden unbekannte und phantastische göttliche Mächte aus Holzklötzen, Lederfetzen und Bambushaut ihren Platz. Sie alle haben sich dem öffentlichen Ärger und der Beschwerdeliste zu stellen. Mati Deos Getreideproduktion entsprach in diesem Jahr nicht den Erwartungen; den faulen Klötzen war es wieder nicht gelungen, Krankheiten fernzuhalten. Aber die größte Schuld hat diesmal der Regengott auf sich geladen. Er hat seine Regenpflicht gröblichst verletzt und mit einer mehrmonatigen Dürre großen Schaden angerichtet. Nachdem alle Zeugen gehört wurden, verkündet der König das Urteil. Fast alle Götter haben eine Gefängnisstrafe verdient. Die Menge bringt sie feierlich an den vorbestimmten öffentlichen Platz und sperrt sie in einen Käfig, zusammen mit dem Webermädchen, das unter Einfluß eines "wütenden Geistes" wild mit einem kleinen Holzschwert in der Luft herumfuchtelt. Die Gefängnisstrafe ist symbolisch und dauert nur ein paar Stunden. Die Götter werden mit dem wohlmeinenden Rat entlassen, sich in Zukunft etwas besser zu benehmen.

Sollte man nicht in Erwägung ziehen, diese bewährten erzieherischen Maßnahmen auch Jehova und Allah angedeihen zu lassen?

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