RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 92 vom 3. April 2002 (Deutsche Ausgabe)

http://www.rationalistinternational.net

IN DIESER AUSGABE

Vatikan: Der Papst, die Jungfrau und der Teufel

Großbritannien: Religiöse Schulen unter der Lupe

Philosophisches Dilemma: Sind Humanisten "religiöse Ungläubige" oder "atheistische Gläubige"?

Türkei: Ein neues Gesetz garantiert Frauen rechtliche Gleichstellung

 

Vatikan: Der Papst, die Jungfrau und der Teufel

Katholischer Okkultismus steht hoch im Kurs. Nicht in irgendwelchen unzugänglichen Winkeln Zentralafrikas, sondern im Vatikan, mitten auf dem St. Petersplatz.

Es geschah während einer der wöchentlichen Audienzen des Papstes: Just in dem Augenblick, als der Heilige Vater seine Hand ergob, um die Menge von Tausenden zu segnen, gelang es Satan, in die 19-jährige Valeria einzufahren. Er ließ sie wütende Schreie ausstoßen und sich recht unschicklich für die fromme Gelegenheit aufführen. Ein Bischof, der hastig das Kreuz zückte und versuchte, Valeria mit Weihwasser abzukühlen, entkam mit knapper Not. Da entschloß sich der Papst, ohne Rücksicht auf Alter und schwache Gesundheit, den Teufel persönlich herauszufordern.

In einem privaten Treffen mit der spuckenden, wild um sich schlagenden Valeria, fluchend wie ein Landsknecht, versuchte er einen Exorzismus durchzuführen. Obwohl Augenzeugen zugaben, daß der Heilige Vater in diesem seinem Vorhaben nicht besonders erfolgreich war (dies war während seiner Amtszeit sein dritter Versuch, den Teufel zu unterwerfen), ließ die Episode Vater Gabriele Amorth frohlocken. Amorth ist der Präsident der Internationalen Exorzistenvereinigung. "Seine Tat ist eine wundervolle Nachricht, denn die meisten Bischöfe und Priester, die nie einen Exorzismus durchgeführt haben, glauben nicht daran, daß Exorzismus irgendeinen Nutzen hat", sagt Amorth. Das Interesse Seiner Heiligkeit hat das Geschäft in Schwung gebracht. Nach seinen Anordungen soll jede Diözese mindestens einen Exorzisten anstellen, aber heutzutage scheint in manchen Ländern die Nachfrage nach Exorzisten weit größer als das Angebot zu sein, sagt Vater Amorth.

 

Großbritannien: Religiöse Schulen unter der Lupe

Der Britische Premierminister Tony Blair hat sich von Pakistans Präsident Musharraf inspirieren lassen. Nachdem Musharraf am 12. Januar 2002 in seiner Ansprache an die Pakistanische Nation die Absicht äußerte, die in die Tausende gehenden Madrassas (Islamschulen) in seinem Lande allesamt unter die Kontrolle des Erziehungsministeriums zu bringen, entschloß sich Blair, diesem Beispiel zu folgen und religiöse Schulen in Großbritannien ebenfalls aus der Dunkelzone zu nehmen.

Es gibt in Großbritannien einige religiöse Lehranstalten, die außerhalb des staatlichen Erziehungssystems arbeiten und z.T. unbekannten privaten Lehrplänen folgen. Nach dem 11. September hat die öffentliche Sensibilität für die Gefahr zugenommen, daß obskure religiöse Schulen sich als Brutstätten des Fundamentalismus entpuppen könnten. Die Britische Regierung hat nun begonnen, alle Schulen außerhalb ihres Erziehungssystems unter die Lupe zu nehmen. Sie bereitet nach Angaben des Auswärtigen Amtes Schritte vor, solche Schulen zu integrieren und unter den Schirm nationaler Lehrpläne zu bringen.

 

Philosophisches Dilemma: Sind Humanisten "religiöse Ungläubige" oder "atheistische Gläubige"?

Die jüngste Ausgabe der International Humanist News hat einige ihrer Leser in ein philosophischers Dilemma gebracht. Ein Bericht über die UN-Konferenz über Schulerziehung, Religions- und Glaubensfreiheit, die im November 2001 in Madrid stattfand, teilt mit, daß die International Humanist and Ethical Union (IHEU) an dieser Konferenz als Repräsentant der "Gemeinschaft der Religiösen Nichtgläubigen" teilnahm. Es gelang der IHEU, Einfluß auf die Formulierung der Abschlußerklärung der Konferenz zu nehmen und durchzusetzen, daß in ihr - zum ersten Male in der Geschichte - die Rechte "Religiöser Nichtgläubiger" ausdrücklich anerkannt wurden. Frucht ihrer Bemühungen ist der folgende Satz: "Religions- und Glaubensfreiheit beinhaltet theistische, non-theistische und atheistische Glauben sowie das Recht, keinerlei Religion oder Glauben zu haben." Ein humanistischer Erfolg? Ja, findet International Humanist News.

 

Türkei: Ein neues Gesetz garantiert Frauen rechtliche Gleichstellung

Anfang des Jahres hat in der Türkei eine leise Revolution begonnen die Gesellschaft umzuformen. Im Rahmen der Bestrebungen, Mitglied der Europäischen Union zu werden, hat die Türkei ihre Verfassung einer weitreichenden Reform unterzogen, die sie europäischen Standards anpassen soll. Erfreuliches Ergebnis dieses Prozesses: Die Jahrhunderte alte Ungleichheit der Geschlechter hat ihr rechtliches Rückgrad verloren.

Obwohl die Türkei bereits vor einigen Jahrzehnten Islamisches Recht abgeschafft und sich eine säkulare Verfassung gegeben hat, blieb die Ungleichheit der Geschlechter tief in die Grundfeste ihres Gesetzessystems und in ihre Sozialstrukturen eingeschrieben. Lange überfällig, ist jetzt endlich greifbar geworden, wofür die Frauenrechtsbewegung fünfzig Jahre lang gekämpft hat.

Mit dem 1. Januar wurde der Patriarchenstellung des türkischen Mannes in der Familie die Rechtsgrundlage entzogen. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Ehemann allein den Wohnort des Paares bestimmte, in denen die Frau sein Einverständnis brauchte, um eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen, in denen im Falle einer Scheidung die gemeinsamen Zugewinne des Paares nur dem Mann zufielen, usw. Das Herzstück der rechtlichen Revolution ist das Scheidungsrecht, denn es eröffnet Frauen die Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens jenseits der Ehe, wo früher nichts als Dunkelheit und existentielle Angst herrschten. Frauen haben das Recht gewonnen, sich unter bestimmten Bedingungen (außereheliche Beziehungen des Mannes z.B.) scheiden zu lassen, und sie haben Anspruch auf Entschädigung und Unterhaltszahlungen. Ein schwerer Mangel des neuen Gesetzes ist allerdings, daß es keine rückwirkende Gültigkeit hat: 17 Millionen Frauen, die bereits vor dem Stichtag verheiratet waren, bleiben von diesen Reglungen ausgeschlossen.

Das fortschrittliche neue Gesetz steht im Gegensatz mit dem weit verbreiteten tiefen Konservativismus, besonders in den ländlichen Gebieten, und ruft daher Spannungen und Rückschläge hervor. Bezeichnenderweise ist der Protest gegen das offizielle Verbot von Kopftüchern in Schulen und Universitäten wieder neu entflammt. Kürzlich wurden in einer großen Demonstration in Istanbul mehr als 50 Studentinnen von der Polizei festgenommen.

Das Kopftuch, Hijab, ist das klassische Symbol für den Konflikt zwischen Säkularismus, Moderne und Frauenemanzipation auf der einen Seite und religiöser Tradition auf der anderen. Verstanden als die Fahne des politischen Islamismus, der das säkulare Grundgewebe der modernen Türkei zu zerstören droht, hat die Regierung das Tragen von Hijab als "Ausdruck politischen Eifers" in Universitäten und Parlamentsgebäuden verboten, lange bevor das neue Gesetz Gültigkeit bekam. Im April 2000 wurden Tausende von Studentinnen an College- und Universitätstoren aufgehalten, weil sie sich weigerten, ihr Kopftuch abzulegen. Viele verpaßten ihre Examen.

Trotz großer Demonstrationen, die unter dem Banner von Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, unterstützt von ausländischen Menschenrechtsgruppen, für Kopftuchtragen in Schule und Universität kämpften, weicht die Regierung nicht zurück. Wer auf das Recht besteht, in staatlichen Institutionen religiöse Kopfbekleidung zur Schau zu stellen, tut dies in der Absicht, Werbung für den Islam zu betreiben, argumentiert sie, und in einem säkularen Staat habe Religion strikt auf das Privatleben beschränkt zu bleiben.

Bis die neugewonnene, rechtlich geschützte Freiheit in ihrem täglichen Leben Wirklichkeit geworden ist, könnten die Frauen in der Türkei noch einen langen Weg vor sich haben. Aber früher oder später werden sich private Gefängnisse leeren, wenn die rechtlichen Türen einmal aufgestoßen sind.

Empfänger des Rationalist International Bulletins dürfen alle darin erschienenen Artikel und Berichte mit der Quellenangabe Rationalist International Bulletin Nr. 92 veröffentlichen, in ihre Website aufnehmen, weiterverschicken und reproduzieren.

Wie abonniert man? Wenn Sie Ihre rationalistischen Freunde einladen wollen, das Rationalist International Bulletin zu abonnieren (das kostet nichts), bitten Sie sie, eine Mail ohne Text von ihrer Adresse an Rationalist_deutsch-subscribe@yahoogroups.com zu schicken, oder schreiben Sie an HQ@rationalistinternational.net und teilen Sie uns die entsprechenden E-mail-Adressen mit.

Archive: Wenn Sie die Archive mit den bisherigen Ausgaben des Rationalist International Bulletins - bis Ende 2001 nur auf Englisch und Spanisch erschienen - durchsehen wollen, finden Sie sie unter http://www.rationalistinternational.net/archive/en/index.php.

Wie nimmt man Kontakt zu Rationalist International auf? Postanschrift: Rationalist International, P O Box 9110, New Delhi 110091, India. Telefon: +91-11-275 3255, Fax: +91-11-845 77 048 E-mail: info@rationalistinternational.net Website: www.rationalistinternational.net

Englische Ausgabe: Um die englische Ausgabe (English) des Bulletins zu abonnieren, schicken Sie bitte eine Mail ohne Text an Rationalist-subscribe@yahoogroups.com.

Spanish edition: Um die spanische Ausgabe (Español) des Bulletins zu abonnieren, schicken Sie bitte eine Mail ohne Text an Racionalista-subscribe@yahoogroups.com.

Ehrenmitglieder: Dr. Pieter Admiraal (Niederlande), Prof. Mike Archer (Australien), Katsuaki Asai (Japan), Sir Hermann Bondi (England), Prof. Colin Blakemore (England), Prof. Vern Bullough (USA), Dr Bill Cooke (Neuseeland), Dr. Helena Cronin (England), Prof. Richard Dawkins (England), Joseph Edamaruku (Indien), Prof. Antony Flew (England), Jim Herrick (England), Christopher Hitchens (USA), Ellen Johnson (USA), Prof. Paul Kurtz (USA), Lavanam (Indien), Dr. Richard Leakey (Kenia), Iain Middleton (Neuseeland), Dr. Henry Morgentaler (Kanada), Dr. Taslima Nasreen (Bangladesch), Steinar Nilsen (Norwegen), Prof. Jean-Claude Pecker (Frankreich), James Randi (USA), Prof. Ajoy Roy (Bangladesch), Dr G N Jyoti Shankar (verstorben, USA), Barbara Smoker (England), Prof. Harry Stopes-Roe (England), Prof. Rob Tielman (Niederlande), David Tribe (Australien), Barry Williams (Australien) und Prof. Lewis Wolpert (England).

Sanal Edamaruku, den Präsidenten von Rationalist International, können Sie unter der folgenden Adresse erreichen: Edamaruku@rationalistinternational.net