RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 99 vom 20. Juli 2002 (Deutsche Ausgabe)

http://www.rationalistinternational.net

IN DIESER AUSGABE

USA: Ein mutiger Atheist schlägt zurück

Pakistan: Blasphemie Angeklagter im Gefängnis ermordet

Nepal: Zeitungsherausgeber zu Tode gefoltert

Großbritannien: Ein Beitrag zum Abbau kultureller Feindseligkeit

USA: Operation Weltfrieden – für nur eine Billion Dollar

Indien: Wer kein gutes Herz hat, kann sich leicht die Füße verbrennen

 

USA: Ein mutiger Atheist schlägt zurück

In einer Zeit, in der Amerika sich an die zunehmende Präsenz Gottes im öffentlichen Leben gewöhnt, hat ein mutiger Atheist beschlossen, zurückzuschlagen. Michael Newdow, praktizierender Arzt und studierter Rechtsanwalt aus Californien, hat sich zum Ziel gesetz, dem First Amendment (der ersten Ergänzung der US-Verfassung) volle Geltung zu verschaffen, das die Trennung von Kirche und Staat garantiert. Seine Klage gegen den nationalen Treueeid löste landesweite Aufregung aus.

Jeden Morgen blicken Millionen von Schulkindern in Amerika auf Stars and Stripes, greifen sich mit der rechten Hand ans Herz und rezitieren den Treueeid, in dem Amerika "eine Nation unter Gott" genannt wird. Michael Newdow, der Wert darauf legt, daß seine achtjährige Tochter nicht zur Teilnahme an irgendwelchen religiösen Zeremonien gezwungen wird, erhob Klage gegen die Schulbehörden. Er vertrat seine Sache persönlich vor Gericht und argumentierte, der Eid widerspräche der Verfassung. Er gewann das Verfahren - zumindest für einen Tag! Der neunte Berufungsgerichthof in San Franzisco entschied mit zwei Stimmen gegen eine, daß die Formulierung "eine Nation unter Gott" beinhalte, daß die Regierung Religion unterstütze. Sie liefe auf ein "Bekenntnis zu einem religiösen Glauben hinaus, genau gesagt zum Glauben an Monotheismus," schrieb Richter Alfred Theodore Goodwin im Namen des Drei-Richter-Gremiums. "Es ist keineswegs religiös neutral, Gottes Namen anzurufen."

Diese Entscheidung löste eine Welle von Kritik und Widerspruch in den Vereinigten Staaten aus. Der Senat verabschiedete eine Resolution gegen sie, die Republikaner im Parlament hielten eine Protestdemonstration ab. Eine Blitzumfrage des Magazins Newsweek ergab, daß 87 Prozent der Amerikaner Gott im Treueeid behalten wollen. 54 Prozent wollen, daß die Regierung Religion fördert, 60 Prozent begrüßen es, wenn Politiker öffentlich ihren religiösen Glauben zum Ausdruck bringen. Präsident George W Bush, gerade auf einem Gipfeltreffen der Gruppe der Acht Nationen in Canada, verkündete innerhalb von Stunden, er werde dafür sorgen, daß dieses "lächerliche" Urteil außer Kraft gesetzt werde.

“Ein Bekenntnis zu Gott im Treueeid verletzt keine Rechte. Es ist vielmehr eine Bestätigung der Tatsache, daß wir unsere Rechte von Gott erhalten haben, genau wie es in unserer Unabhängigkeitserklärung zum Ausdruck gebracht ist,” sagte Bush. “Wir brauchen vernünftige Richter, die verstehen, daß unsere Gesetze ihren Ursprung in Gott haben. Solche Richter will ich auf die Richterstühle setzen.”

Generalstaatsanwalt John Ashcroft erklärte, daß das Justizministerium den Kindern der Nation die Möglichkeit erhalten werde, der Fahne den Treueeid zu leisten. Er sagte, das Urteil stehe “in direktem Widerspruch zu Jahrhunderten amerikanischer Tradition”, wobei er offenbar vergaß, daß “Gott” erst vor 48 Jahren unter Präsident Eisenhower Eingang in den Treueeid fand – per Kongreßentscheid nach einer Kampagne der römisch-katholischen “Knights of Columbus” (Ritter des Kolumbus). Der Eid, 1892 von dem baptistischen Minister Francis Bellamy für die Vierhundertjahrfeier der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus komponiert, war ursprünglich ohne Gott berühmt geworden.

Als ihm der fromme Sturm so kalt ins Gesicht schlug, ordnete der 79-jährige Richter Goodwin gleich am nächsten Tag Aufschub der Rechtsgültigkeit für sein eigenes Urteil an, bis Kollegen desselben Gerichtshofes entschieden hätten, ob der Fall eventuell neu verhandelt werden müsse. Das Justizministerium hat inzwischen eine Überprüfung durch den gesamten, elfköpfigen Gerichtshof gefordert. Es wird erwartete, daß Goodwins Urteil keinen Bestand haben wird. Selbst wenn es überlebt, wird es noch die Hürde des Höchsten Gerichtshofes zu nehmen haben.

Obwohl nun bis auf weiteres alles beim alten zu bleiben scheint und amerikanische Schulkinder wie zuvor unter Stars & Stripes dazu ermutigt werden, an Gott zu denken: der von Michael Newdow angestrengte Prozeß hat zumindest die Selbstverständlichkeit erschüttert, mit der dies geschieht. Und er hat eine gründliche und allgegenwärtige Diskussion über die Beziehung von Staat und Kirche in den Medien und in einer weiten Öffentlichkeit entfacht.

Michael Newdow gibt sich damit jedoch nicht zufrieden. Er kämpft weiter, obwohl er Beschimpfungen und ernstzunehmende Todesdrohungen geerntet hat. Er nennt sich "Gründungsministrant" der "First Amendment Church of True Science", FACT, (der Ersten-Verfassungseränzungs-Kirche der wahren Wissenschaft) und ist voller Energie, Selbstverstauen und Pläne, wie der Einfluß von Religion im öffentlichen Leben beschnitten werden kann. Er hat bereits einige andere interessante Prozesse laufen. Mit einem versucht er, den Kongreß zur Unterlassunger religiöser Anspielungen in seinen öffentlichen Resolutionen zu zwingen, mit einem anderen will er Bushs christliche Gebete aus seinen präsidentialen Eröffnungsveranstaltungen verbannen. Er will auch dafür sorgen, daß die Inschrift "In God We Trust!" (Wir vertrauen auf Gott) vom Dollar verschwindet.

Neben all diesen Aktivitäten führt er einen Prozeß um das Sorgerecht für seine Tochter gegen seine frühere Ehefrau. Er überlegt, ob er als Anwalt für Familienrecht praktizieren sollte, das er - neben Religion - als das "mysteriöseste, nutzloseste und schädlichste System in der Gesellschaft" betrachtet.

 

Pakistan: Blasphemie Angeklagter im Gefängnis ermordet

Yousaf Ali, wegen angeblicher Blasphemie zum Tode verurteilt, ist im Gefängnis in Lahore ermordet worden. Während er von einer Baracke in eine andere verlegt wurde, feuerte ein religiöser Fanatiker, bereits wegen Mordes verurteilt, mehrere Pistolenschüsse auf ihn ab und tötete ihn.

Der 62-jährige ehemalige Captain der Pakistanischen Armee Yousaf Ali war 1997 wegen Blasphemie angeklagt worden, nachdem eine Gruppe fanatischer Islamisten ihn beschuldigte, sich als Prophet Allahs ausgegeben und behauptet zu haben, er habe göttliche Offenbarungen. Pakistans drakonisches Blasphemie-Gesetz ist eine tödliche Waffe in der Hand der Fundamentalisten, deren Zeugenaussage allein für gewöhnlich hinreichender "Beweis" für die Verurteilung ihrer Opfer ist.

Im August 2000 verurteilte ein erstinstanzliches Gericht in Lahore Ali zum Tode. Er legte Berufung ein, aber das höhere Gericht hatte bisher noch nicht über die Berufung entschieden. Während er sein Schicksal erwartete, fiel er einem religiösen Fanatiker zum Opfer, der sich zum Werkzeug von "Allahs Zorn" machte.

Es hat während der letzten Jahre mehrere Fälle gegeben, in denen Fanatiker das Gesetz selbst in die Hand nahmen. In Faisalabad wurde der wegen Blasphemie Angeklagte Majmat Ahmer im Gerichtssaal erstochen, bevor die Verhandlung gegen ihn endete. Manzoor Masih wurde auf der Treppe des Berufungsgerichtes von Lahore erschossen, bevor er Berufung gegen das über ihn verhängte Todesurteil einlegen konnte. Ebenfalls in Lahore wurde 1998 der Richter am Berufungsgericht Arif Iqbal Hussain Bhatti erschossen, nachdem er das Todesurteil gegen zwei Christen aufgehoben hatte. Der fanatische Mob akzeptiert keine Freisprüche.

Auf der Grundlage der Blasphemiegesetze werden in Pakistan jedes Jahr hunderte verfolgt. Einige zum Tode Verurteilte erwarten derzeit ihr Schicksal. Einer von ihnen ist der Rationalist Dr. Younus Shaikh, für dessen Freilassung Rationalist International und mehrere andere Organisationen in verschiedenen Teilen der Welt sich seit mehreren Jahren unermüdlich einsetzten.

(Mehr dazu in unserer Website: http://www.rationalistinternational.net. )

 

Nepal: Zeitungsherausgeber zu Tode gefoltert

Die in Paris ansässige internationale Organisation zur Verteidigung der Pressefreiheit Reporters Sans Frontiers hat berichtet, daß Krishna Sen, der Herausgeber der Tageszeitung Janadisha "in einem Gefangenenlager der nepalesischen Sicherheitskräfte an den Folgen von Folter gestorben“ ist. Sen war im Mai wegen angeblicher Verbindungen zu den Maoistischen Rebellen inhaftiert worden. Jetzt übergaben die Behörden seiner Familie seinen Leichnam, ohne irgendwelche Angaben über die Ursache seines Todes zu machen. Sein Körper wies Foltermale auf.

Die Maoistischen Rebellen in Nepal kämpfen für die Abschaffung der (konstitutionellen) Hindu-Monarchie zugunsten einer kommunistischen Republik. Nepal ist das einzige Hinduistische Königreich der Welt. Der König wird als Reinkarnation des Gottes Vishnu verehrt. Begonnen hatten die Maoisten als politische Oppositionsgruppe im Parlament, die eine Zeitlang erfolglos versuchte, eine friedliche Transformations auszuhandeln, bevor die “Volksbefreiungsarmee” gegen die Regierung antrat.

Am 26 November 2001 rief der König den Notstand aus. Die Bürgerrechte wurden außer Kraft gesetzt und strikte Pressezensur verhängt, mehrere Jouranalisten und Herausgeber wurden festgenommen. Die Rebellen wurden als Terroristen vom Format der Al Qaeda präsentiert, um internationale Unterstützung für einen brutalen Vernichtungskrieg gegen sie zu sichern. Es wird behauptet, daß die Regierung ihren Krieg gegen die Maoisten nun als Vorwand benutzt, alle Oppositionskräfte im Lande auszurotten, insbesondere solche, die eine unabhängige Untersuchung der mysteriösen Palastmassaker fordern, die im letzten Jahr die gesamte Königsfamilie hinwegrafften und den neuen König Gyanendra auf den Thron brachten. Nach mehr als einem halben Jahr gilt weiterhin die Notstandsordnung.

 

Großbritannien: Ein Beitrag zum Abbau kultureller Feindseligkeit

Das Britische Foreign Office präsentiert als das erste Außenministerium der Welt einen bahnbrechenden und nachahmenswerten Service. Das Ministerium bietet in seiner Website Ratschläge und Tips für Schwule und Lesben an, die ins Ausland reisen wollen. Es versucht damit zum Abbau kultureller Feindseligkeit gegen homosexuelle Beziehungen beizutragen.

 

USA: Operation Weltfrieden – für nur eine Billion Dollar

Anläßlich des ersten Jahrestages der Amerikanischen Unabhängigkeit nach den Terrorangriffen vom 11. September, der nervös und unter äußersten Sicherheitsvorkehrungen gefeiert wurde, gab es ein besonderes Jubiläumsangebot. In seiner Botschaft vom 4. Juli kündigte Beatles-Guru Maharishi Mahesh Yogi, Erfinder der Transzendentalen Meditation an, er wolle den Terrorismus in der Welt mit Liebe ausrotten – für nur eine Billion Dollar.

Die Technik der Operation Weltfrieden ist denkbar einfach. Der Guru will 40.000 Meditiatiosexperten in aller Welt trainieren, massenweise “gute Schwingungen” zu erzeugen. Diese magische Welle wird böse Buben daran hindern, böse Dinge zu tun, so hofft er. 85 Millionen der angestrebten Billion wurden bereits zusammengebracht, sagte der Yogi, der angibt 6 Millionen Anhänger in aller Welt zu haben.

 

Indien: Wer kein gutes Herz hat, kann sich leicht die Füße verbrennen

In der ersten Juliwoche feierte das Dorf Gunjur in der Nähe von Bangalore nach siebenjähriger Unterbrechung das Paatalamma Tempelfest. Tausende von Dorfbewohnern aus der Nachbarschaft “brannten” darauf, in der Nacht an der traditionellen religiösen Übung des Feuerwandelns teilzunehmen. Plötzlich entstand Gedränge und Geschubse, und in der stark überfüllten Feuergrube brach Panik aus. Wilde Schmerzensschreie hallten durch die Dunkelheit. Innerhalb weniger Minuten hatten Hunderte von Menschen Branntwunden an den Füßen. Mehr als 300 Feuerwandler, in der Mehrheit Frauen und Kinder, mußten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Chennappa, der Oberpriester des Temples, zögerte nicht, aus dem Unfall religiöses Kapital zu schlagen. “Wer nicht gutherzig ist oder schwankend im Glauben”, predigte er den schockierten Dorfbewohnern, “hat diesmal den Test nicht bestanden”. Da diese nicht begriffen, was wirklich geschehen war, faßte keiner den Mut, den Priester für seinen unangebrachten Sarkasmus zu verprügeln.

Überzeugender Beweis, daß es keineswegs Gottesglaube ist, was des Feuerwandlers Füße schützt, wurde im Februar 2000 auf dem Wege “experimenteller Theologie” in der zweiten Internationalen Rationalistenkonferenz in Trivandrum erbracht. Nach einer Dinnerparty in den Bergen fühlten sich die meisten Konferenzteilnehmer, unter ihnen prominente Rationalisten, Atheisten und Humanisten aus allen Teilen der Welt, ermutigt, einen Feuerwandel zur Mitternacht zur wagen. Und niemand zog sich dabei eine einzige Branntblase zu! Dank einer einfachen Technik: die Haut der Füße ist dick genug, um als Isolator gegen die Hitze zu wirken, aber immer nur für ein paar Sekunden am Stück. Solange man zügig und ohne Anhalten geht, fühlt man die Hitze nicht. Aber wenn man auch nur für einen Moment stehen bleibt, verbrennt man sich die Füße. Junge Aktivisten der Indian Rationalist Association pflegen in die Dörfer zu gehen und dieses simple Prinzip zu erklären und durch “rationalistisches” Feuerwandeln zu demonstrieren.

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