Ein Silberstreif am Horizont der Islamischen Welt Das neue Jahr beginnt mit einer aufregenden Sondermeldung: In Iran ist die erste (soweit bekannt) Rationalistenorganisation ins Leben gerufen worden! Wir zollen dem Mut derer größte Hochachtung, die ihr Leben wagen, um im islamischen Staat Iran für Rationalismus einzutreten, und wünschen ihnen viel Glück und Erfolg bei dem Vorhaben, in ihrem Lande eine Wende herbeizuführen. Die Bedeutung dieses Ereignisses reicht weit über den Iran hinaus. Ich bin zuversichtlich, daß dieses Beispiel schlafende und vereinzelte Rationalisten in der ganzen Islamischen Welt ermutigen wird, lebendig zu werden und sich zusammenzuschließen und zu tun, was immer unter den jeweils gegebenen Umständen möglich ist. Und es bietet noch weit mehr als Ermutigung: Die iranischen Rationalisten sprengen die Grenzen einer weitverbreiteten Vorstellung und eröffnen neue Perspektiven für unsere Zeit. Sie widerlegen ein viel gefeiertes Konzept, indem sie beweisen, daß der Ausweg aus religiöser Thyrannei nicht im langwierigen Prozeß von "Liberalisierung" und "Humanisierung" von Religion liegt! Es besteht tatsächlich keinerlei Bedarf in einem "Islamischen Protestantismus". Nicht nur, weil es nichts gibt, das einem Islamischen Katholiszismus entspräche. Sondern weil die Islamische Welt nicht gezwungen ist, noch einmal die lange und schmerzhafte Reise der Christlichen Welt vom Mittelalter zur Aufklärung zu wiederholen. Geschichte wiederholt sich nicht. Nach dem Studium der Lektionen der vergangenen Jahrhunderte können wir heute eine Abkürzung nehmen und geradewegs in die Zukunft schreiten. Und die Zukunft - sollte die Menschheit nicht einem schrecklichen Unfall zum Opfer fallen - wird von Vernunft und Rationalismus bestimmt sein. Religiöse Relikte aller Art werden überflüssig, wie freiheitlich und human sie auch immer gefärbt werden. Es ist heutzutage eine weitverbreitete und modische Idee, besonders begrüßt im Westen, daß der Islam gezähmt werden müsse, verfeinert und verwandelt in eine "fortschrittliche" Religion. Aber Religion ist niemals wirklich fortschrittlich. Viele sehen einen Iran mit einer vergleichsweise liberalen und menschenfreundlichen Staatsreligion - so etwas wie ein islamisches Norwegen - als ideales Modell. "Islamischer Protestantismus" verspricht - ganz wie die christliche Marke -, offen und flexibel genug zu sein, den Bedürfnissen einer modernen bürgerlichen Gesellschaft zu entsprechen, die sich Handel und Geschäftsverkehr widmet. Hier liegt das Geheimnis seines Charmes für die Westliche Welt: der florierende Handel zwischen Iran und den Ländern der Europäischen Gemeinschaft würde nie wieder durch Ärger mit Menschrechten gestört werden. Nie wieder würde eines Ayatollas Fatwa, die einen im Westen wohlbekannten Autor mit dem Tode bedroht, europäischen Protest verlangen und dabei die Versorgung mit iranischem Feta-Käse gefährden, wie das im Falle Salman Rushdies befürchtet wurde. Trotz der Aufklärung ist es der Westlichen Welt niemals gelungen, wirklich auszubrechen aus der Christenheit. Sie blieb in ihrem zerbrochenen Gefängnis stecken wie ein schwächliches Küken in seiner Eienschale. Und Religion erwies sich als elastisch genug, sich den veränderten Bedürfnissen der Zeit anzupassen und zu überleben. So erscheint es heute vielen weder vorstellbar noch wünschenswert, daß eines Tages eine islamische Gesellschaft ihre Fesseln abwerfen und frei in eine religionslose Zukunft schreiten könnte. Aber es kann so kommen. Und wir werden unser Bestes tun, daß es wirklich so kommt. Hier liegt die große Bedeutung der Gruppe "RA". Die Gruppe RA Die Gruppe RA ist ein Produkt der Teheraner Universitätskämpfe, die im November 2002 in Protest gegen das Todesurteil gegen Prof. Hashem Aghajari ausbrachen, der dem Klerus das Recht absprach, Iran zu regieren. Gegründet von einigen der Studentenführer und einigen Professoren, die eng mit der Bewegung zusammenarbeiten, repräsentiert sie einen harten Kern radikaler Denker, die sich entschlossen haben, der iranischen Theokratie den Kampf von einer rationalistischen und atheistischen Position aus anzusagen. Gemäß einer Botschaft an RATIONALIST INTERNATIONAL, wurde die Gruppe geformt, um als eine Art Katalysator zu wirken, der all jene zusammenbringt, die es wagen, Religion kategorisch abzulehnen, anstatt zu versuchen, sie zu mildern und zu glätten. Die Führer der Gruppe RA haben den Kampf für Prof. Aghajari initiiert und von Anfang an maßgeblich geleitet, und sind auch jetzt unter denjenigen, die ihn mit Entschlossenheit weiterführen. Obwohl sie Prof. Aghajaris Überzeugung nicht teilen, daß Iran einen "Islamischen Protestantismus" braucht, glauben sie an volle Kooperation aller progressiven und unbestechlichen Kräfte innerhalb der heterogenen Pro-Reform-Bewegung. Die gegenwärtige Situation in Iran erlaubt es Rationalisten nicht, die öffentliche Bühne zu betreten. Die Gruppe RA arbeitet als ein wohl integrierter Teil des Universitätskampfes "under cover" und versucht, dem Iranischen Freiheitskampf eine neue Richtung zu geben. Ein erster Bericht über die Reaktionen, auf die sie stoßen, weckt den Eindruck, daß es viele im Lager der Reformisten gibt, die das Erscheinen einer rationalistischen Alternative von ganzem Herzen begrüßen und große Hoffnung in sie setzten. Über dieser guten Nachricht aus dem Iran soll die dunkle Seite der gegenwärtigen Situation nicht in Vergessenheit geraten. Professor Aghajari ist immer noch in der Todeszelle. Sein Gesundheitszustand ist alarmierend. Nur öffentlicher Druck von innerhalb und außerhalb Irans kann ihn retten. Professor Aghajari ist immer noch in der Todeszelle ![]() Es sah aus wie ein abgekartetes Spiel. Plötzlich kam die größte Studentenrevolte, die sich in Iran seit drei Jahren gegen den regierenden Klerus erhoben hat, abrupt zum Stillstand. Zehn Tage lang schienen Demonstrationen von um die fünftausend Studenten in Teherans Amir Kabir Universität und der Universität der Wissenschaft & Technik zur Revolution bereit. Mit Sprechchören wie "Friedliebende Menschen - wir sind bereit! Wir sind bereit!", "Höchster Führer (gemeint ist `Supreme Leader' Ayatollah Ali Khamenei) - hau ab! Hau ab!", verliehen sie einem Katalog demokratischer Forderungen Nachdruck. Nummer eins unter diesen Forderungen: Freiheit für Professor Hashem Aghajari, der in einem obskuren und geheimen Blasphemie-Prozeß zum Tode verurteilt worden war. Die Unterstützerfront für Professor Aghajari, prominentes Mitglied der Pro-Reform-Bewegung und enger Vertraueter Präsident Khatamis, weitete sich aus. Zahlreiche Universitätslehrer, Parlamentarier und prominente Bürger traten auf die Seite der Studenten. Die Situation verschärfte sich. `Supreme Leader' (SL) Ayatollah Ali Khamenei drohte mit dem Einsatz der Hardliner-Elitetruppen der `Revolutionswächter’ (die er die “Volksfreundlichen Truppen” zu nennen pflegt), falls sich die Probleme nicht anders lösen ließen. Dann kam die Wende. Der SL “gab nach” und ordnete eine juristische Überprüfung des Todesurteils an. Einige der Studentenführer feierten hastig Sieg, und über Nacht waren alle Demonstrationen abgeblasen. Eine kleine Gruppe Unermüdlicher stieß mit paramilitärischen Kräften zusammen. Dann schien die Protestbewegung verschwunden zu sein. Heute, zwei Monaten später, besteht keinerlei Zweifel mehr daran, daß das “Zugeständnis” des SL nichts als ein taktisches Manöver war, um Zeit zu gewinnen und die Krise aufzulösen. Nichts hat sich geändert. Professor Aghajari sitzt nach wie vor in der Todeszelle. Sayyad Hashem Aghajari, 45, Professor der Geschichte an der Tarbiat Modares Universität, war am 8. August 2002 verhaftet und hinter verschlossenen Türen verurteilt worden, nachdem er im Juni in einem Vortrag in der westlichen Stadt Hamedan dem Klerus das Recht abgesprochen hatte, Iran zu regieren. Er verglich die mächtigen Schiiten-Herrscher der Islamischen Republik mit den mittelalterlichen Päpsten und forderte Islamischen Protestantismus. So wie “die protestantische Bewegung versucht hat, die Christenheit vor Klerus und Kirchenhierarchie zu retten”, schlug er vor, sollten heute die Muslime etwas Ähnliches tun. “Muslime sind keine Affen”, sagte er, und der klerus könne nicht erwarten, daß sie seinen Lehren blindlinks folgten. Es sei niemals so gemeint gewesen, daß der Klerus ein Monopol auf religiöses Denken haben solle. Zur Zeit der Entstehung des Islam pflegten die Gläubigen mit dem Propheten zu sprechen und sich selbst eine Meinung über die Dinge zu bilden, die ihnen in historisch bedeutenden Augenblicken mitgeteilt wurden. Heutige Muslime hätten das Recht, es genauso zu machen. Jede Generation solle die Möglichkeit haben, ihr eigenes neues Verständnis des Koran zu entwickeln, sagte er. Professor Aghajaris Herausforderung des regierenden Klerus ist im heutigen Iran hochexplosiv, denn sie kommt Hand in Hand mit politischen Maßnahmen der gewählten Führerschaft der Pro-Reform-Bewegung einher, die darauf abzielen, den eisernen Griff der Hardliner über das Land zu brechen. Sie sollen aus ihren Schlüsselpositionen in Justiz und Militär verdrängt werden und ihre Macht in den außerdemokratischen Regierungsinstanzen verlieren. Die mächtigste dieser Instanzen ist der “Revolutions-Wächter-Rat” (Guardian Council). Dieser kann Parlamentsbeschlüsse für ungültig erklären, vom Parlament verabschiedete Gesetze außer Kraft setzen und jeden beliebigen Kandidaten von den Wahlen ausschließen. Obwohl die Reformisten die Mehrheit im Parlament haben und ständig ihren Einfluß vergrößern, bleibt ihr Weg in Richtung Demokratie, individuelle Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter ein Hochseilakt, solange der “Wächter-Rat” seine Macht behält. Ein weiterer Aspekt ist die internationale Unterstützung für Reformen und gemäßigte Kritik innerhalb der Grenzen des Islam. Prof. Aghajari versucht, seine Religion zu retten, indem er sie reformiert in “eine Religion, die die Rechte aller respektiert – eine fortschrittliche Religion anstatt einer traditionellen, die auf den Menschen herumtrampelt”. Die Idee eines Islamischen Protestantismus wird im Westen begrüßt. Eine Gruppe iranischer “Protestanten” unterhält daher - sehr zum Mißfallen der islamischen Regierenden – große und durchaus realistische Hoffnungen auf westliche Unterstützung. Die iranische Reform- und Demokratiebewegung ist entlang vieler Bruchlinien zersplittert. Es gibt beispielsweise diejenigen, die sich beeilten, die Demonstrationen abzubrechen, und diejenigen, die versuchten, ihre Position selbst gegen Gewalt zu behaupten. Es gibt ein radikales Lager und ein eher vorsichtiges um Präsident Khatami, es gibt Reformer und Revolutionäre, westorientierte und unabhängige Gruppen, “Protestanten” und die kleine Gruppe der “Religionsabschaffer”, die sich auf den Moment vorbereiten, wo sie sich öffentlich als Rationalisten bekennen können. Sie hoffen, das könnte schon bald sein. Ihr Kern ist die neugegründete Gruppe RA. Die unterschiedlichen Zweige der iranischen Freiheitsbewegung vereint die Unterstützung für Prof. Aghajari. Die riesigen Demonstrationen zu seiner Verteidigung weiteten sich aus in die größte Revolte gegen den regierenden Klerus seit Juli 1999 (als brutale Razzien im Studentenwohnheim der Teheraner Universität einen landesweiten Aufstand auslösten). In einem Manifest forderten sie Freiheit für Prof. Aghajari und alle anderen politischen Gefangenen. Die Radikalen bestanden darauf, daß der “Höchste Führer” wegen des Todesurteils gegen Aghajari abtreten und der Chef der Justiz gefeuert werden solle. Sie preßten Präsident Khatami, den oft zögerlichen Pro-Reform-Führer, eine klare Position gegen das Todesurteil zu beziehen. Sie forderten ihn sogar zum Rücktritt auf, sollte er nicht willens oder fähig sein, seine Mitstreiter zu verteidigen. In einer öffentlichen Erklärung kritisierte Khatami das Urteil dann als unangemessen und sagte, es hätte nie gefällt werden dürfen. Inzwischen hatten 20 Universitätskollegen Aghajaris ihr Amt niedergelegt. Hundert Universitätsdozenten unterzeichneten eine offene Protesterklärung. Mehr als zwei Drittel der Mitglieder des Parlaments unterzeichneten eine offizielle Petition gegen das Todesurteil. Prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens traten der Protestfront bei, darunter der Enkel des verstorbenen Ayatollah Ruholla Khomeini, des Gründers der Islamischen Republik. Um den Kleruns weiter in die Enge zu treiben und den moralischen Druck auf ihn zu erhöhen, weigerte sich Prof. Aghajari, gegen das Todesurteil Berufung einzulegen. Seine Verurteilung sei eine Farce, sagte er. Sein Anwalt Saleh Nikbakht hat von sich aus Berufung eingelegt. Aber bis jetzt ist noch nicht einmal ein Termin für die Anhörung vor dem berufungsgericht anberaumt worden. Nur steigender öffentlicher Druck von innerhalb und außerhalb Irans kann Prof. Aghajaris Leben retten. Aber selbst wenn die religiösen Führer des Landes sich gezwungen sehen sollten, das Todesurteil gegen ihn aufzuheben, warten noch weitere brutale Strafen auf ihn. Das Urteil ist, wie oftmals in Iran, ein mehrfaches. Es ordnet 74 Peitschenhiebe und acht Jahre Gefängnis vor der Vollstreckung des Todesurteils an. Prof. Aghajari ist ein invalider Kriegsveteran, der im Iran-Irak-Krieg (1980–1988) sein rechtes Bein verloren hat, und er benötigt dringend medizinische Behandlung. Seine Familie hat bekanntgegeben, daß sein Bein, amputiert unterhalb des Knies, verletzt und infiziert ist. Er kann nicht aufstehen und ist nicht in der Lage, die Hygieneeinrichtungen des Gefängnisses zu benutzen. Sein Leben ist auch ohne Todesurteil in Gefahr! The Empfänger dieses Rationalist International Bulletins dürfen dessen Artikel und Berichte veröffentlichen, in ihre Website aufnehmen, weitermailen und reproduzieren, wenn sie dabei die Quelle angeben: Rationalist International Bulletin # 106
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