RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 109 (23. Mai 2003)

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IN DIESER AUSGABE

China: Die Stunde der Zauberer

Filmfest in Cannes: Afghanistan ohne Schleier

Europäische Verfassung: Gott kommt durch die Hintertür

 

China: Die Stunde der Zauberer

Die Chinesische Regierung hat nicht nur gegen SARS (Severe Acute Respiration Syndrome) zu kämpfen. Im Schatten der neuen Virusseuche breitet sich eine andere verhängnisvolle Epidemie in Chinas Dörfern aus: Okultismus. Zauberer, die aufgrund systematischer Wissenschaftserziehungskampagnen der Regierung beachtlich an Boden verloren hatten, nutzen die gegenwärtige Panik zu einem Comeback.

Die örtliche Presse in der zentralen Provinz Hunan berichtete, daß sich auf dem Lande riesige Menschenmengen vor den Häusern von Zauberern oder vor Tempeln versammeln, um um göttliche Hilfe zu beten. Zauberer führen zum Klang von Gongs and Trommeln Feuerrituale durch und geben mystische Anweisungen. Ein Bericht spricht von einem heiligen Kind-Orakel. Die Dorfbewohner werden aufgefordert, sich vor Buddhastatuen und spirituellen Schriftrollen zu verbeugen. Hunderte von Kerzen brennen, der Rauch von Räucherstäbchen wabert durch die Luft und Feuercracker explodieren.. Manchmal verbrennen die Bauern falsche Banknoten, immer aber opfern sie echte, um Götter und Geister zu beschwichtigen und die Zauberer zu befriedigen.

Nach neuesten Informationen sind in China mehr als 5000 Menschen mit SARS infiziert. Bis jetzt hat die Seuche 262 Todesopfer gefordert.

 

Filmfest in Cannes: Afghanistan ohne Schleier

Mit ihrem neuen Film Um fünf Uhr nachmittags (At five in the afternoon) hat die iranische Filmdirektorin Samira Makhmalbaf (23) schockierende und bewegende Szenen aus dem heutigen Afghanistan nach Cannes gebracht. Die Herrschaft der Talban ist vorüber, aber das Leben im "befreiten" Land ist noch immer hart und manchmal hoffnungslos, besonders wenn man weiblich ist. Der Film zeigt Bilder aus dem Leben des Mädchens Noqreh zwischen Ungewißheit, Leiden, Unterdrückung und Hoffnung - gelegentlich kleinen Siegen. Unter dem Druck der Armut, mit ihrer Familie auf der Suche nach einer Behausung (die sie schließlich finden - im Rumpf eines in der Wüste abgestürzten Flugzeuges), ist sie mutig genug, für ihre Zukunft zu kämpfen und ehrgeizige Hoffnungen zu entwickeln. Sie schafft es, sich den Wünschen und Befehlen ihres Vaters widersetzend, zur Schule zu gehen. Sie träumt davon, Afghanistans erster weiblicher Präsident zu werden, und beginnt, ihren Traum zu verteidigen. Das Leben bewegt sich in kleinen Schritten. Noqreh wandert durch die Straßen von Kabul, aufrührerisch ihre Burqa vom Gesicht streifend (und veranlaßt einen alten Mann, sich hastig zur Wand zu drehen und um Vergebung zu beten).

Die junge Direktorin, die im Jahre 2000 mit ihrem Film Die Tafel (Blackboard) den Jurypreis von Canes gewann, besteht zwischen vorsichtigem Optimismus und schmerzhaften Desillusionen darauf, gnadenlos realistisch zu sein. Viele Szenen basieren auf ihren eigenen Erfahrungen während ihres Aufenthaltes in Afghanistan. "Mit diesem Film versuche ich, die falsche Information über Afghanistan zu korrigieren, die von den Medien verbreitet wird", sagt sie. "Afghanistans Geschichte ist so traurig. Es ist nicht: `Amerika griff ein und alles kam in Ordnung'. Ich habe versucht, Afghanistans Wirklichkeit zu zeigen, nicht meine Wünsche, wie Afghanistan sein könnte."

 

Europäische Verfassung: Gott kommt durch die Hintertür

Christliche Kirchen und Interessengruppen aller Art haben in endlosen und hitzigen Debatten nichts unversucht gelassen, eine Erwähnung Gottes in die Präambel der zukünftigen Europäischen Verfassung zu pressen. Der Vatikan hat einen Kreuzzug zur Rettung der Seele Europas angestrengt, die offenbar dringend zumindest eines Hinweises auf "gemeinschatliches christliches Erbe" in der Präambel bedarft. Zwischen frommem Druck und sekularem Widerstand, beschloß die Entwurfskommission, die Präambel von umstrittenen Referenzen freizuhalten.

Die Kommission beugte sich allerdings in anderer Form den Wünschen der religiösen Lobby: Sie hielt sperrangelweit eine Hintertür auf, auf daß die Kirchen einmarschieren und progressive politische Konzepte sabotieren können.

Der Verfassungsentwurf definiert "Europäische Werte" und setzt auf die Liste: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Respekt der Menschenrechte, der Grundrechte und Grundfreiheiten sowie sogenannter spiritueller und menschlicher Werte. Als Hüter dieses gigantischen Schlupfloches sollen die Kirchen offiziell berechtigt sein, sich in die Gestaltung der europäischen Politik einzumischen, wenn immer sie finden, daß die ominösen spirituellen und menschlichen Werte nicht genügend respektiert werden.

Man braucht nicht allzuviel Phantasie um vorauszusehen, welch unerfreuliche Entwicklungen z.B. in der Erziehungspolitik oder der Gesetzgebung im Bereich Abtreibung, Sterbehilfe, Ehescheidung usw. drohen, wenn den Kirchen freie Hand gegeben ist, ein künftiges Europa nach ihren religiösen Idealen zu formen.

Die European Humanist Federation (EHF) mit Sitz in Brüssel hat die Initiative ergriffen, ein offizielles Gesuch zur ersatzlosen Streichung des Artikels 37 der zukünftigen Europäischen Verfassung einzubringen. Das Gesuch erinnert daran, daß die Trennung von Kirche und Staat in allen Bereichen des öffentlichen Lebens Geltung haben muß. Die Verfassung hat das Recht des Individuums auf Entscheidungsfreiheit über persönliche Lebensformen und Präferenzen zu schützen und zu garantieren, und kann keineswegs den Kirchen erlauben, ihre religiösen Vorstellungen in Fragen der Erziehung, Moral, Familie, Empfängnisverhütung und vielen weiteren zu implementieren.


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