RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 111 (6. Juli 2003)

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IN DIESER AUSGABE

Afghanistan: Regierung läßt Redakteur wegen Blasphemie inhaftieren

Tom Flynn wird Ehrenmitglied von Rationalist International

Pakistan: Mutige Maßnahmen gegen die neuen Taliban

"Missing Link" in Äthiopien nachgewiesen

 

Afghanistan: Regierung läßt Redakteur wegen Blasphemie inhaftieren

Die neue, USA-gestützte Regierung von Afghanistan hat die Wochenzeitschrift Aftaab wegen Veröffentlichung "blasphemischer" Artikel verboten. Alle Hefte wurden von Zeitungsständen und Verkäufern beschlagnahmt. Chefredakteur Sayed Mir Hussein Mahdavi und sein iranischer Assistent Ali Reza Payam Sistany wurden am 17.Juni auf Anordnung der Regierung in Kabul verhaftet und von der Generalstaatsanwaltschaft verhört. Zur Zeit der Verhaftung lag kein schriftlicher Haftbefehl vor. Die beiden Journalisten werden seither im zentralen Untersuchungsgefängnis von Kabul festgehalten und harren ihres Schicksals. Sie werden beschuldigt, das Pressegesetz des islamischen Staates verletzt zu haben, das in seinem Artikel 31 Beleidigung des Islam verbietet. Der Oberste Gerichtshof von Afghanistan kann auf Vorschlag der Regierung direkt Blasphemie-Prozesse gegen angebliche Delinquenten eröffnen und ihnen ihre Strafe zumessen.

Rationalist International hat die Inhaftierung der Journalisten und den Akt von Pressezensur schärfstens verurteilt. In einem Brief an den Afghanischen Präsidenten Hamid Karzai schrieb Sanal Edamaruku, Präsident von Rationalist International: "Nach der langen und dunklen Phase des religiösem Despotismus braucht Afghanistan nichts dringender als Meinungsfreiheit und Pressefreiheit, um zu genesen und eine positive Zukunft für seine Bevölkerung zu schaffen. Wir fordern Sie auf, Ihr hohes Amt zu nutzen, diese Grundrechte zu garantieren und die Rückkehr zu den alten Taliban-Praktiken brutaler Unterdrückung, ausgeübt im Namen von Religion, zu verhindern. Wir fordern Sie dringend auf, alle Anklagen gegen Sayed Mir Hussein Mahdavi und Ali Reza Sistany zurückzuziehen und beide unverzüglich freizulassen."

Protestbriefe, die die sofortige Freilassung der Journalisten fordern, wurden auch vom Journalisten-Schutz-Komitee CPJ mit Sitz in den USA und von den "Journalisten ohne Grenzen" in Frankreich geschickt.

"Religion plus Verwaltung ist gleich Despotismus", ist nach Angaben des vertretenden Informations- und Kulturministers Abdul Hamid Mubariz einer der "blasphemischen" Sätze, die zum Arrest der Journalisten führten. "Dies sind sensitive blasphemische Themen, denen gegenüber wir nicht gleichgültig bleiben können," sagte der Minister. Mahdavis Unterstützer sagen, die Regierung mißbraucht ganz eindeutig das Pressegesetz und versucht, unter dem Deckmantel religiöser Betroffenheit private Rechnungen zu begleichen. Mahdavi ist ein Reformist, der seine Überzeugung nicht verleugnet, daß Afghanistan eine säkulare, religionsneutrale Regierung braucht. Darüberhinaus ist er ein kompromißloser Autor, der das Öffentliche Gedächtnis offenhält wie eine klaffende Wunde. Er wirft den Führern der Taliban (viele wieder in Amt und Ehren) und vielen anti-taliban Politikern gleichermaßen vor, "auf Kosten des Blutes des Volkes" zu handeln. In seinem Artikel "Heiliger Faschismus", am 11.Juni in Aftaab erschienen, klagt er prominente Führer der "Nördlichen Allianz", darunter den ehemaligen Präsidenten Rabbani und den amtierenden Vizepräsidenten Khalini, für die Rolle an, die sie im Bürgerkrieg von 1992-1996 spielten, der mehr als 50.000 Menschen das Leben kostete und schließlich die Taliban an die Macht brachte.

 

Tom Flynn wird Ehrenmitglied von Rationalist International

Tom Flynn
Tom Flynn

Wir freuen uns mitteilen zu können, daß Tom Flynn, Herausgeber der säkular-humanistischen Zeitschrif Free Inquiry, in die Liste der Ehrenmitglieder von Rationalist International aufgenommen wurde. Tom Flynn ist Autor mehrerer Bücher und Hunderter von Artikeln im Themenbereich Rationalismus (oder mit anderem Namen: `Säkularer Humanismus'). Im Moment bereitet er als Herausgeber die neue Enzyclopaedia of Unbelief vor (eine aktualisierte und erheblich erweiterte neue Ausgabe der Arbeit von Gordon Stein). Seine zuweilen jovialen und humorvollen, dennoch zutiefst rationalistischen Zielen und Überzeugungen verpflichteten, kenntnisreichen und kompetenten Beiträge haben ihm Respekt innerhalb sowie außerhalb der Bewegung eingetragen. Er bezeichnet sich selbst als "vollständig geheilter Katholik".

 

Pakistan: Mutige Maßnahmen gegen die neuen Taliban

Pakistans Oberster Gerichtshof könnte den Einsatz von Islamischem Recht in der Nord-West-Frontier-Provinz (NWFP) rückgängig machen. Am 2. Juni 2003 verhängte die NWFP, regiert von der Mutahida Majlis-e-Amal (MMA), einer Koalition islamischer Hardliner, als erste pakistanische Provinz Shariat-Recht. Gleichzeitig wurde einer spezielle Religionspolizei zur Durchsetzung von Taliban-Regeln aufgebaut [nachzulesen in Bulletin Nr.110].

Die Verabschiedung des Shariat-Gesetzes durch das Provinzparlament war allerdings "verfassungwidrig und un-islamisch", sagt eine Verfassungspetition, die inzwischen von dem prominenten Rechtsanwalt und Universitätslehrer Dr.Muhammad Aslam Khaki beim Obersten Gerichtshof eingebracht wurde. Nach dieser Petition, vorgelegt nach Artikel 184 (3) der Pakistanischen Verfassung, sind Provinzparlamente schlichtweg nicht berechtigt derartige Gesetze zu verabschieden. Alle Entscheidungen im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Staat und Islam sind nationale Angelegenheit und können ausschließlich von Bundesinstanzen getroffen werden. Dr. Khaki ersuchte den Obersten Gerichtshof um Klärung gewisser Fragen von öffentlichem Interesse, z.B.: Hat irgendein Provinzparlament, kontrolliert von einer kleinen sektiererischen Gruppe, ein extrakonstitutionelles Recht (aus der Verfassung ist ein solches Recht nämlich nicht ableitbar) seine eigene spezielle "Marke" von Islam und Shariat-Recht zu implementieren?

"Die Mitglieder der regierenden Parteien in der NWFP verfügen weder über die notwendige Bildung noch Entwicklung, den Islam und die heutigen Fragen der modernen Welt zu verstehen," sagt Dr. Khaki. "Sie gehören einer speziellen Schule des Denkens und einer Sekte an, denn sie wurden in orthodoxen und veralteten Madrasa-Systemen (Koranschulen) trainiert." In einer weiteren Verfassungspetition hat Dr. Khaki kürzlich den Bildungsstand von 65 Parlamentsabgeordneten der MMA in Frage gestellt und ihre Disqualifizierung gefordert. Die Petition legt dar, daß Zeugnisse, ausgestellt von religiösen Institutionen, nicht mit akademischen Rängen gleichgesetzt werden können. Bei der letzten Wahl war es eine Bedingung für alle Kandidaten gewesen, einen akademischen Rang innezuhalten. Die Mehrheit der MMA-Politiker einschließlich ihrer obersten Anführer versuchten, religiöse Titel, verliehen von religiösen Organisationen, an Stelle des Universitätsabschlusses `Magister' in Arabisch-Islamischen Wissenschaften zu präsentieren. Sie sind daher nicht berechtigt, in Parlamenten oder Senat zu sitzen.

Der Oberste Gerichtshof hat die betreffenden Abgeordneten aufgefordert, ihren Ausbildungsstatus nachzuweisen. In Vorwegnahme einer positiven Entscheidung des Obersten Gerichtshofes hat ein Wahltribunal am Landgericht in Peshawar (Hauptstadt der NWFP) bereits einen der Parlamentsabgeordneten der MMA disqualifiziert. Die MMA hat landesweite Proteste angekündigt.

Dr. Aslam Khaki ist bekannt für seinen mutigen Kampf gegen Fundamenatalismus. Er war Verteidiger in vielen Blasphemie-Prozessen, unter ihnen der Prozeß gegen Dr. Younus Shaikh. Weder Dr. Khakis Klugheit und Engagement, noch eine enorme internationale Protestwelle gegen das Verfahren haben jedoch verhindern können, daß Dr. Shaikh im August 2001 zum Tode verurteilt wurde. Zwei Jahre später und trotz zweier Berufungsanträge sitzt er immer noch in der Todeszelle [nähere Information über den Fall in unserer Website].

 

"Missing Link" in Äthiopien nachgewiesen

Mit der Entdeckung dreier versteinerter Schädel eins Mannes, einer Frau und eines Kindes in Äthiopien hat die Paläoanthropologie einen großen Sprung vorwärts getan. Oder besser gesagt - rückwärts: Unsere neuen Vorfahren lebten vor etwa 154,000 bis 160,000 Jahren und sind bei weitem die ältesten Vertreter unserer Spezies, die wir kennen - mindestens 30,000 Jahre älter als alle zuvor entdeckten Spuren von Homo sapiens. Im Zeitplan der Evolution hat Homo sapiens idaltu (`älter' in der örtlichen Afar-Sprache) einen Platz mitten im großen schwarzen Loch eingenommen, das zwischen den frühesten der bisher bekannten modernen Menschen und ihren noch-nicht-menschlichen Vorfahren klaffte. Seine Position kommt der des legendären "Missing Link" sehr nahe.

"Uns hatten Zwischenstufen gefehlt zwischen den Fossilien der Vorstadien des Menschen und des modernen Menschen, zwischen 100,000 Jahren und 300,000 vor unserer Zeit. Nun passen die fossilen Zeugnisse mit den molekularen Befunden zusammen," sagte Prof. Tim White von der Californischen Universität in Berkeley, Leiter des internationalen Forscherteams, das die bahnbrechende Entdeckung machte. Die Geschichte der Evolution hat Spuren in unserem genetischen Code hinterlassen, und die Biologie hat begonnen, sie zu lesen. Untersuchungen menschlicher DNS werfen neues Licht auf die Stationen unserer langen Reise durch die sich wandelnden Formen des Lebens und ergänzen und unterstützen die Forschgung im Bereich der Paläoanthropologie.

Die Entdeckung der Schädelfossilien in Äthiopien liefert einen eindeutigen Beweis für die Theorie, daß die Wiege der Menschheit in Afrika stand und daß die Spezies in ihren frühen Stadien von hier aus aufbrach, sich weltweit auszubreiten. Berichte in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Nature präsentieren interessante Einzelheiten der Ausgrabung nahe des Dorfes Herto, 140 Meilen nordöstlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Zusammen mit den Schädeln konnten mehr als 600 steinzeitliche Werkzeuge sichergestellt werden, die wertvolle Aufschlüsse zum Leben des `Herto-Menschen' geben. Die Schädel trugen Schnittmale, die ihnen höchstwahrscheinlich im Zusammenhang mit Begräbnis- und Totenritualen beigebracht wurden - aber auch ein Hinweis auf Kannibalismus sein könnten.. Der Schädel des sechs-oder siebenjährigen Kindes mußte aus mehr als 200 Teilchen rekonstruiert werden, die über eine weite Fläche verstreut in den Sedimenten gefunden wurden - eine Puzzle-Arbeit von mehr als drei Jahren.


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