RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 115 (19. Oktober 2003)

http://www.rationalistinternational.net

IN DIESER AUSGABE

"Indien hat keinen Grund dazu, Mutter Teresa dankbar zu sein"
Sanal Edamaruku

Pakistan: "Islamische Werte" schließen Frauen von Ultraschalltest und EKG aus

Nicht alle Mullas folgen Allah

Rußland: Abschied vom liberalen Abtreibungsgesetz

 

"Indien hat keinen Grund dazu, Mutter Teresa dankbar zu sein"

Sanal Edamaruku

"Indien, insbesondere Kalkutta, gilt als Hauptnutznießer der legendären 'guten Werke' für die Armen, die Mutter Teresa zum berühmtesten Katholiken unserer Zeit gemacht haben, zur Friedensnobelpreisträgerin und zur lebenden Heiligen. Bei genauer Betrachtung dessen, was sie tatsächlich hier getan hat, denke ich, Indien hat keinen Grund dazu, ihr dankbar zu sein", sagte Sanal Edamaruku, Generalsekretär der Indian Rationalist Association und Präsident von Rationalist International heute in einer Erklärung anlässlich ihrer Seligsprechung. Es folgt der volle Text.

Mutter Teresa hat Kalkutta ein negatives Image gegeben, indem sie die schöne, interessante, lebendige und kulturell reiche indische Metropole in den Farben von Schmutz, Elend, Hoffnungslosigkeit und Tod malte. Stilisiert zur großen Gosse wurde Kalkutta zum berühmten Hintergrund ihres ganz speziellen wohltätigen Wirkens.

Ihr Orden ist nur eine der mehr als 200 gemeinnützigen Organisationen, die versuchen, den Slumbewohnern von Kalkutta zu helfen, eine bessere Zukunft aufzubauen. Vor Ort ist er nicht sonderlich sichtbar oder aktiv. Aber phantastische Behauptungen wie die jeder Grundlage entbehrende Geschichte von Mutter Teresas Slumschule für 5000 Kinder, haben ihr enorme Publicity eingebracht. Und enorme Spenden!

Mutter Teresa hat viele, viele Millionen (manche sagen: Milliarden) Dollar im Namen der Indischen Armen eingesteckt (und viele, viele weitere im Namen der Armen in den anderen "Gossen" der Welt). Wo ist all das Geld geblieben? Gewiss wurde es nicht dazu verwendet, das Schicksal derer zu verbessern, für die es bestimmt war. Die Nonnen pflegen ein paar Schüsseln Suppe auszuteilen und einigen besonders Kranken und Leidenden Unterkunft und Pflege zu bieten. Der reichste Orden der Welt zeigt sich nicht sehr spendabel, denn er will die Armen den Charme der Armut lehren. "Das Leiden der Armen ist etwas sehr Schönes, und der Adel dieses Beispiels von Elend und Leiden ist der Welt eine große Hilfe", sprach Mutter Teresa. -- Sollen wir dankbar sein für diese Lektion einer exzentrischen Milliardärin?

Die Legende von ihren Sterbeheimen hat die Welt zu Tränen gerührt. Die Wirklichkeit jedoch ist skandalös: In den überfüllten und primitiven kleinen Heimen müssen Patienten oft ihr Bett mit anderen teilen. Obwohl viele an Tuberkulose, AIDS und anderen hoch ansteckenden Krankheiten leiden, ist Hygiene hier kein Thema. Die Patienten werden mit frommen Worten und ungenügenden (manchmal überlagerten) Medikamenten behandelt. Bei der Verabreichung werden alte Spritzen benutzt, die jeweils vor dem nächsten Gebrauch in lauwarmem Wasser gewaschen werden. Man kann die Schreie von Menschen hören, denen Maden aus ihren offenen Wunden gezupft werden - ohne Betäubung. Aus Prinzip werden auch in harten Fällen keine starken Schmerzmittel gegeben. Nach Mutter Teresas bizarrer Philosophie ist es "das wunderbarste Geschenk für einen Menschen, am Leiden Christi teilhaben zu dürfen". Einmal versuchte sie einen vor Schmerzen Schreienden mit den Worten zu trösten: "Du leidest, das heißt Jesus küsst Dich!" Der Mann wurde wütend und schrie zurück: "Dann sag Deinem Jesus, er soll aufhören mich zu küssen!" -- Sollen wir dankbar sein, dass wir Opfer dieser speziellen Art von Wohltätigkeit sein dürfen? Haben wir es hinzunehmen, dass unwissende und hilflose Menschen als Statisten benutzt werden in dem inhumanen und grausamen religiösen Drama von der Schönheit des Leidens in Christo?

Als Mutter Teresa den Friedensnobelpreis erhielt, nutzte sie die Gelegenheit ihrer weltweit übertragenen Rede in Oslo, Abtreibung zum größten Übel in der Welt zu erklären und feurig zum Kampf gegen Bevölkerungskontrolle zu blasen. Sie gab zu, dass ihr wohltätiges Werk nur Teil ihre großen Kampfes gegen Abtreibung und Geburtenkontrolle war. Diese fundamentalistische Position ist ein Schlag ins Gesicht Indiens und anderer Länder der Dritten Welt, für die Bevölkerungskontrolle einen der wichtigsten Schlüssel zu Entwicklung, Fortschritt und sozialer Transformation darstellt. - Sollen wir Mutter Teresa dankbar sein, dass sie diesen weltweiten Propagandafeldzug gegen uns führt - mit Geld, das sie in unserem Namen gesammelt hat?

Mutter Teresa hat nicht den Armen von Kalkutta, sie hat den Reichen im Westen gedient. Sie hat ihnen geholfen, ihr schlechtes Gewissen zu vergessen, indem sie Milliarden von Dollars von ihnen angenommen hat. Einige der edlen Spender waren Diktatoren und Verbrecher, die versuchten, ihre Weste weiß zu waschen. Mutter Teresa erwies ihnen Anerkennung gegen Geld. Die meisten ihrer Unterstützer jedoch waren ehrliche Menschen mit guten Absichten und einem warmen Herzen, der Illusion verfallen, dass die "Heilige der Gosse" gekommen war, alle Tränen abzuwischen und alles Elend zu enden und alles Unrecht wieder gut zu machen in der Welt. Wer sich in eine Illusion verliebt hat, weigert sich oft, die Wirklichkeit zu sehen.

 

Pakistan: "Islamische Werte" schließen Frauen von Ultraschalltest und EKG aus

In Pakistans Nord-West-Frontier-Provinz (NWFP) sind Frauen nun von medizinischen Standarduntersuchungen wie Ultraschalltest und EKG ausgeschlossen. Zum Schutze der "höchsten Islamischen Werte" hat die Regierung der fundamentalistischen Sechs-Parteien-Koalition Muttahida Majlis-e-Amal (MMA) beschlossen, männlichen Ärzten und Medizintechnikern zu verbieten, diese Untersuchungen an weiblichen Patienten durchzuführen. "Sie könnten sexuelle Lust beim Anblick des weiblichen Körpers verspüren," während sie es tun, sagte Maulana Gul Naseeb Khan, der Generalsekretär der MMA der NWFP. "Ähnlich könnten einige Frauen Männer unter dem Vorwand von Ultraschalltest oder EKG verführen."

Da es in der Provinz nur einen weiblichen EKG-Techniker gibt und keinen einzigen weiblichen Ultraschall-Spezialisten, sind diese wichtigen Methoden moderner medizinischer Diagnostik nun für den weiblichen Teil der Bevölkerung unerreichbar. Das bedeutet einen schweren Rückschlag für die Gesundheitsversorgung der Frauen.

Die Nord-West-Frontier-Provinz ist eine traditionelle Hochburg islamischen Fundamentalismus. Seit Oktober 2002 unter der Regierung der MMA, wurde sie im Mai 2003 zur ersten Provinz in Pakistan unter Islamischer Gesetzgebung [siehe unseren Bericht im Bulletin No. 110]. Das MMA-regierte Baluchistan folgte. Mit einem Drittel der Parlamentssitze in ihrer Kontrolle, arbeitet die MMA auf die Islamisierung des ganzen Landes hin.

 

USA: Nicht alle Mullas folgen Allah

Nicht alle Mullas folgen Allah. Manche folgen dem CIA. Und nicht nur, daß sie ihm folgen: sie wurden sogar von ihm kreiert. Sie sehen aus wie echte Mullas, beten wie echte Mullas, tragen Bärte wie echte Mullas. Aber sie werden dafür bezahlt, eine spezielle Botschaft zu predigen.

Während der Kriege gegen Afghanistan und Irak versuchten die USA, Protest und Widerstand in der Arabischen Welt zu zersetzen, indem sie die religiöse Karte ins Spiel brachten. Sie stellten spezielle Agenten an, um anti-amerikanische Sentimente im Namen des Islam zu kontern und zu absorbieren. Einige dieser Agenten waren tatasächliche islamische Geistliche, die bereit waren, als Informer zu arbeiten und in ihren Gebeten gegen angemessene Bezahlung die gewünschten Register zu ziehen. Andere waren gefälschte Mullas, kreiert und sorgfältig in Position gebracht, um ihre "religiöse Autorität" zur Beeinflussung der Situation zu nutzen.

Dies wird in dem neuen Buch von Ronald Kessler, "CIA at War", enthüllt. Kessler ist Journalist und Autor mehrerer Bücher über den CIA und den FBI. Sein Buch bietet Informationen aus erster Hand. Es entstand auf der Grundlage von Kesslers Interviews mit CIA-Direktor George Tenet und anderen hochrangigen CIA-Vetretern. Die meisten Fotos wurden vom CIA gestellt. Das Buch legt auch zum ersten Male Einzelheiten über gewisse Geheimdienstaktivitäten im Irak vor, die die Invasion und den Sturz der Regierung unterstützten.

 

Rußland: Abschied vom liberalen Abtreibungsgesetz

In Rußland fordert die Wiedererstarkung der Religion Tribute an Freiheit und Selbstbestimmung. 1955 schuf die Sowjetunion eines der liberalsten Abtreibungsgesetze der Welt. Nun hat die Regierung Rußlands den Rückwärtsgang eingelegt. Leiste und ohne öffentliche Debatte wurde das Gesetz beachtlich verschärft.

Seit August 2003 sind nur noch vier der vormals 13 sogenannten sozialen Indikationen als Grund zur Abtreibung anerkannt. Im Falle von Vergewaltigung, Gefängnisstrafe, Entzug der Elternrechte und plötzlichem Tod des Ehemannes, darf eine Frau nach wie vor zwischen der 12. und der 24. Woche ihre Schwangerschaft abbrechen. Es ist dagegen nicht mehr als soziale Indikation anerkannt, wenn die Schwangere ledig, geschieden, Studentin oder Flüchtling ist oder wenn sie Armut, Arbeits- oder Obdachlosigkeit nachweist.

Die neuen Restriktionen sind Ergebnis ständigen Druckes auf das Gesundheitsministerium, ausgeübt von der Russisch Orthodoxen Kirche, die die Gesetzesverschärfung als "einen ersten Schritt" begrüßt und geschworen hat, den Kampf für weitere Restriktionen fortzusetzen. Die Ärzte der Russischen Familienplanungsgesellschaft befürchten, daß das grundsätzliche Recht auf Abtreibung bald noch weiter beschnitten werden könnte.

1955 hob die Sowjetunion das von Stalin 1936 verhängte Abtreibungsverbot auf. Unter einer der liberalsten Abtreibungsregelungen stieg die Rate der Schwangerschaftsunterbrechungen erheblich und war lange eine der höchsten der Welt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als moderne Verhütungsmittel leicht zugänglich wurden, fiel der Rate drastisch. Die Gesamtzahl von Abbrüchen fiel von 4,6 Millionen im Jahre 1988 auf 1,7 Millionen im Jahre 2002. Dies geschah ganz ohne Gesetztesdruck und reflektiert offensichtlich die freie und verantwortliche Entscheidung für Verhütungsmittel als die bessere Methode der Geburtenkontrolle.

Trotzdem wird die angebliche Sorge um die Gesundheit der Frauen und um die demographische Zukunft Rußlands in Hinsicht auf die hohe Abtreibungsrate (und die sinkende Geburtenrate) immer wieder als Argument für eine Gesetzesverschärfung mißbraucht. Nach 70 Jahren offiziellem Atheismus in Rußland, versucht eine öffentliche Debatte über die "Moral von Abtreibung" Boden zu erobern, wo immer die Kirche an Einfluß gewinnt.


The Empfänger dieses Rationalist International Bulletins dürfen dessen Artikel und Berichte veröffentlichen, in ihre Website aufnehmen, weitermailen und reproduzieren, wenn sie dabei die Quelle angeben: Rationalist International Bulletin # 115

 
Rationalist International Bulletin gibt es jetzt auf englisch, spanisch, deutsch und französisch
WIE SICHERT MAN SICH DEN REGELMÄSSIGEN BEZUG?
Abonnieren kostet nichts. Senden Sie einfach eine leere E-mail an die nachfolgend für die gewünschte Sprache angegebene Adresse:
English: Rationalist@yahoogroups.com
Español Racionalista@yahoogroups.com
Deutsch: Rationalist_Deutsch@yahoogroups.com
Français: Rationaliste@yahoogroups.com
RATIONALIST INTERNATIONAL
Präsident: Sanal Edamaruku
Ehrenmitglieder
Dr. Pieter Admiraal (Niederlande), Prof. Mike Archer (Australien), Katsuaki Asai (Japan), Sir Hermann Bondi (England), Prof. Colin Blakemore (England), Prof. Vern Bullough (USA), Dr. Bill Cooke (Neuseeland), Dr. Helena Cronin (England), Prof. Richard Dawkins (England), Joseph Edamaruku (Indien), Jan Loeb Eisler (USA), Prof. Antony Flew (England), Tom Flynn (USA), Jim Herrick (England), Christopher Hitchens (USA), Ellen Johnson (USA), Prof. Paul Kurtz (USA), Lavanam (Indien), Dr. Richard Leakey (Kenia), Iain Middleton (Neuseeland), Dr. Henry Morgentaler (Kanada), Dr. Taslima Nasreen (Bangladesch), Steinar Nilsen (Norwegen), Prof. Jean-Claude Pecker (Frankreich), James Randi (USA), Prof. Ajoy Roy (Bangladesch), Dr. G N Jyoti Shankar (verstorben, USA), Barbara Smoker (England), Prof. Rob Tielman (Niederlande), David Tribe (Australien), K Veeramani (Indien), Barry Williams (Australien), Prof. Richard Wiseman (England) und Prof. Lewis Wolpert (England).

KONTAKT
Allgemeine Information: info@rationalistinternational.net
Präsident: edamaruku@rationalistinternational.net
Herausgeber: editor@rationalistinternational.net
Pressesekretär: media@rationalistinternational.net
Vorträge und Konferenzen: conference@rationalistinternational.net
Kampagnen: campaign@rationalistinternational.net
Web Master: webmaster@rationalistinternational.net