RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 116 (1. Dezember 2003)

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IN DIESER AUSGABE

60 Jahre ohne Essen und Trinken! Das Indische Verteidigungsministerium und die NASA gehen einem Dorf-Scharlatan auf den Leim

Vatikan: Erzbischof entlaufen!

Indien: Kommunistische Regierung in Kalkutta verbietet Taslima Nasreens neues Buch

Thailand: Feministische Tempelrevolution

USA: 'Zehn-Gebote-Richter' des Amtes enthoben

 

60 Jahre ohne Essen und Trinken! Das Indische Verteidigungsministerium und die NASA gehen einem Dorf-Scharlatan auf den Leim

Prahlad Jani

Die Indian Rationalist Association (IRA) hat das Indische Verteidigungsministerium und die National Aeronautics and Space Administration (NASA) der USA kritisiert, Leichtgläubigkeit in Indien zu fördern und die Entwicklung einer positivien Grundeinstellung zur Wissenschaft zu unterminieren.

"Das Indische Verteidigungsministerium und die NASA sind offensichtlich den absurden Behauptungen eines Dorf-Scharlatans auf den Leim gegangen", schrieb Sanal Edamaruku, Generalsekretär der Indian Rationalist Association, in einem Brief an Verteidigungsminister George Fernandes. "Es ist schockierend zu sehen, daß Regierungsvertreter und Wissenschaftler so einfältig sein können zu glauben, daß ein Mensch 60 Jahre lang ohne Essen und Trinken leben kann. Die Behauptung widerspricht nicht nur Erfahrung und gesundem Menschenverstand, sondern auch unserem gut gesicherten biologischen und medizinischen Wissen über das Funktionieren des menschlichen Körpers. Es ist absolut unmöglich, daß das stimmt - stimmte es, wären die Gesetze der Physiologie widerlegt und wir müßten unsere wissenschaftlichen Lehrbücher umschreiben."

Das Verteidigungsministerium hatte ein Team von Ärzten in das Dorf Charada im Staate Gujarat geschickt, um medizinische Tests an einem gewissen Prahlad Jani vorzunehmen, einem 78-jährigen Mann, der behauptet, seit 60 Jahren nicht gegessen und getrunken zu haben. "Wir versuchen zu verstehen, wie er in der Lage gewesen ist, 60 Jahre lang ohne Essen und Trinken zu leben", sagte der Neurophysiologe Dr. Sudhir Shah, Leiter des Teams, in vollem Ernst. "NASA ist an dem Projekt beteiligt, das vom Indischen Verteidigungsministerium koordiniert wird, und hat spezielle Richtlinien herausgegeben, keine Einzelheiten über Jani bekannt werden zu lassen."

"Dadurch daß der Mann zehn Tage lang "getestet" wurde, ohne daß das Geheimnis seines angeblichen Dauerfastens gelüftet worden wäre, hat die mysteriöse Operation von Verteidigungsministerum und NASA seinen absurden Behauptungen enorme Glaubwürdigkeit verliehen. Warum diese Geheimniskrämerei? Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, die Art der Tests und ihre Ergebnisse zu erfahren. Es ist eine öffentliche Angelegenheit wie jedes Verbrechen", schrieb Edamaruku. "Falls Ihre Ärzte in der Lage waren, die falschen Behauptungen zu entlarven, ist es Ihre Pflicht, mit der Wahrheit herauszukommen. Falls sie aus Unerfahrenheit und Mangel an skeptischem Vermögen noch immer über das 'unerklärliche Wunder' staunen sollten, fordern wir Sie dringend auf, den Spezialisten der Indian Rationalist Association Gelegenheit zu geben, die Untersuchungen zu übernehmen und zu einem schlüssigen Ende zu bringen."

Die IRA hat erfahrene Spezialisten für derartige Fälle und kann ein langes Register von erfolgreichen Untersuchungen ähnlicher Behauptungen vorweisen. Bis jetzt haben sie sich alle als Betrug erwiesen.

Da war 1999 der weithin berichtete Fall der Kumari Neerja im Distrikt Jalaun im Staate Uttar Pradesh. Sie behauptete die Reinkarnation von Saraswati, der hinduistischen Göttin der Schrift und Literatur zu sein. Sie lebte allein in einem kleinen Räumchen, nahm angeblich seit fünf Jahren keine Nahrung zu sich und schied weder Stuhl noch Urin aus. Als ihre Manager ankündigten, sie werde sich bald in eine leblose Saraswati-Statue verwandeln, wurde die Polizei eingeschaltet.

In Zusammenarbeit mit der Polizei untersuchte ein Team junger Rationalisten und Ärzte Kumari Neerjas Raum und fand, hinter einem Regal verborgen, den Eingang zu einer kleinen Toilette und einen entfernbaren Ziegelstein in der Wand. Durch das Loch erhielt sie Essen. Blutuntersuchungen erbrachten den Nachweis von Glukose: ein deutliches Anzeichen dafür, daß sie Nahrung zu sich genommen hatte. Als schließlich ein harmloses Gas im Raum verströmt wurde, das Brechreiz hervorruft, erbrach sie Stücke von Chapatti und Kartoffeln. Es stellte sich heraus, daß die verwirrte Frau geistesgestört war. Sie wurde ins örtliche Krankenhaus eingeliefert.

Im Jahre 1992 entlarvte Sanal Edamaruku den Godman Pilot Baba, der behautete, er könne vier Tage in Meditation unter Wasser zubringen ohne zu atmen. Pilot Babas feuchtes Heldenstück zog nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich. Er ließ in einem öffentlichen Park in New Delhi ein großes Schwimmbassin bauen, kletterte vor den Augen von 4000 Schaulustigen hinab auf den Grund, ließ die Wasserpumpen anwerfen und blieb für vier Tage unter Wasser. Das behauptete er zumindest.

Aber Sanal Edamaruku und seine Assistenten kamen ihm auf die Schliche. Sie fanden heraus, daß es da eine besondere geheime Verbindung im Wasserleitungssystem gab. Obwohl Wasser in das mit einer Plane abgedeckte Becken hineingepumpt wurde, wurde dieses innen nicht naß, und der Baba konnte es sich auf dem trockenen Grund gemütlich machen. Vier Jahre später, 1996, versuchte es der Baba noch einmal. Er verkündete, er werde vier Tage lang eingegraben unter der Erde verbringen. Edamaruku stellte ihn abermals vor Fernsehkameras bloß. Diesmal saß er bequem in einem ausgegrabenen Raum.

 

Vatikan: Erzbischof entlaufen!

Mehr als zwei Jahre lang wurde Erzbischof Emanuel Milingo vom Vatikan in einem Kloster in Zagarola in der Nähe von Rom unter Arrest gehalten. Nun ist er entkommen. Das vatikanische Pressebüro schweigt sich über den Untertaucher aus.

Im Mai 2001 brachte Erzbischof Milingo aus Zambia den Vatikan in Verlegenheit, als die Nachricht von seiner Heirat in New York mit einem koreanischen Mitglied der Moon-Sekte internationale Schlagzeilen machte. Unter dem Druck des Vatikans distanzierte er sich von der Heirat und wurde unter Arrest gestellt. Nun ist er verschwunden und hat sich angeblich zusammen mit der italienischen Malerin Alva Vitali nach Lecco in Norditalien abgesetzt.

Der rebellische Kleriker war im Jahre 1983 aus Zambia entfernt worden, angeblich weil er Exorzismus betrieb, sich als religiöser Wunderheiler betätigte und in seinen Messen Stammesriten und Hexenzauber durchführte. Das muß wohl ein Vorwand gewesen sein, bedenkt man, daß Exorzismus eine vom Vatikan offiziell anerkannte Praxis ist, die sogar vom Papst selbst durchgeführt wurde. Wunderheilung kann, wie das Beispiel des viel gefeierten Ovarienwunders der verstorbenen Mutter Teresa zeigt, den Weg zur Heiligsprechung ebnen. Und die Verschmelzung von Katholizismus mit lokalen Riten und Glaubenselementen gilt als Johannes Pauls spezielles Rezept für erfolgreiche Proselytenmacher. Er nennt es "inculturation".

Milingo wurde jedoch keineswegs für seine Wundertaten zur Heiligsprechung vorgeschlagen - er verlor seinen Job und wurde als Erzbischof Emeritus von Lusaka (sinecure) in vatikanischen Gewahrsam genommen. Aber der Disput um seine Messen wollte nicht enden. Milingo konnte das Leben im heiligen Käfig unter den wachsamen Augen seiner Kritiker nicht ertragen. Schließlich war er so frustriert, daß er sich auf das Abenteuer seiner Moon-Heirat einließ, erklärt er in seinem kürzlich erschienenen Buch "Fished from the mud" (Aus dem Schlamm gefischt).

 

Indien: Die kommunistische Regierung in Kalkutta verbietet Taslima Nasreens neues Buch

Die Indian Rationalist Association (IRA) verurteilt aufs Schärfste das Verbot von Taslima Nasreens Buch Dwikhandita (Zweigespalten) durch die westbengalische Left-Front-Regierung unter Führung der Kommunistischen Partei Indiens (Marxist).

"Das Verbot von Büchern stellt eine Verletzung der Meinungsfreiheit und der Informationsfreiheit dar und widerspricht dem Geist der Indischen Verfassung sowie dem Geist der Zivilisation", schrieb die IRA in einem Offenen Brief an Ministerpräsident Buddhadev Bhattarcharjee. "Es kann keineswegs als Rechtfertigung für diesen Akt der Zensur gelten, daß er in der "guten Absicht" begangen wurde, religiöse Gewalt zu verhüten: Bücher rufen niemals Gewalt hervor. Der Mob liest nicht. Gewisse Kräfte mißbrauchen Bücher, den Mob in Rage zu versetzen und zum Gewalteinsatz zu bringen. Wenn kein 'blasphemisches' Buch zur Hand ist, finden sie eine andere Provokation."

Dwikhandita erschien kürzlich in bengalischer Sprache als dritter Teil von Taslima Nasreens Autobiographie. Einige muslimische Intellektuelle in Kalkutta waren der Ansicht, es könne religiöse Unruhen auslösen und drängten, es zu verbieten. Ministerpräsident Bhattacharjee verhängte ohne Zögern ein Verbot gemäß Paragraph 153 A des Indischen Strafgesetzbuches, zur Verhinderung kommunaler Spannungen. In der Nacht vom 28. November f ührte er eine Razzia in Kalkuttas Buchläden durch und ließ alle Exemplare des Buches beschlagnahmen. Die Opposition (Kongreß-Partei) begrüßte die Aktion!

Taslima Nasreen ist ein Ehrenmitglied von Rationalist International.

 

Thailand: Feministische Tempelrevolution

Chatsumarn Kabilsingh (59) wollte keine buddhistische Nonne werden. Sie wollte ein Mönch werden. Nonnen sind nur Assistenten der Mönche. Der buddhistische Klerus von Thailand ist seit 700 Jahren ausschließlich männlich. Gegenwärtig gibt es um die 300.000 Mönche im Land.

Chatsumarn, die vor rund dreißig Jahren in der McMaster Universität von Hamilton, Canada, Religionswissenschaft studierte, ließ sich 2001 in Sri Lanka mit allen Zeremonien zum Mönch weihen und kehrte in safronfarbener Robe und mit kahlgeschorenem Kopf in ihren Tempel nahe Bangkok zurueck. Das löste eine Revolution aus. Nicht nur der konservative Klerus war außer sich. Sie wurde in Öffentlichkeit und Presse kritisiert, bedroht und beschimpft. Aber sie behauptete sich und bestand darauf, als erstes weibliches Mitglied des Klerus akzeptiert zu werden.

Langsam fand die Idee Anhänger. Inzwischen gibt es fünf weitere "Mönchinnen", geweiht in Thailand, und junge Mädchen stehen Schlange, Novizen zu werden. Ein Parlamentsabgeordneter hat vorgeschlagen, die Ordinierung von Frauen zu legalisieren, Und sogar das "Höchste Konzil des Buddhismus in Thailand" denkt derzeit über die Möglichkeit nach, das Ende des männlichen Monopols zu akzeptieren.

 

USA: 'Zehn-Gebote-Richter' des Amters enthoben

In einer außerordentlichen Entscheidung hat ein eigens formiertes Ethik-Gremium von Richtern in Alabama den Obersten Richter des Staates, Roy S Moore, seines Amtes enthoben, da er "sich über das Gesetz stellte".

Moore, besser bekannt als Alabamas 'Zehn-Gebote-Richter', hatte ein großes Granit-Monument mit dem Dekalog in der Halle des Hoechsten Gerichtshofes von Alabama installieren lassen. Atheistenorganisationen und Bürgerrechtsgruppen nahmen den Kampf gegen diese "monumentale Verletzung der Verfassung" auf. Die amerikanische Verfassung verbietet die Anbringung religiöser Symbole auf öffentlichem Besitz. Im September ordnete ein Bundesgericht die Entfernung des verfassungswidrigen Steinstückes an. Moore widersetzte sich hartnäckig. Das Bundesberufungsgericht bestätigte die Entscheidung. Der Höchste Gerichtshof der USA weigerte sich, Moors Berufung zu hören.

Das zweieinhalbtönnige Granitmonument, von Moore persönlich entworfen und in der Nacht des 31 Juli 2000 heimlich ins Gerichtsgebäude geschoben, wurde inzwischen in einen Vorratsraum gerollt. Nun ist auch der Hoechste Richter selbst draußen, wegen vorsätzlicher und öffentlicher Mißachtung des Gesetzes.


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