RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 121 (3. März 2004)

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IN DIESER AUSGABE

Frankreich: Kein Kopftuch, kein Kreuz, kein Kuchen

Finnland: Kündigen Sie der Kirche per Internet

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Swasiland: Menschenopfer gegen AIDS und Armut

Norwegen: Staatskirche - pro oder contra?

 

Frankreich: Kein Kopftuch, kein Kreuz, kein Kuchen

Ein frischer Wind erhebt sich in Frankreich. Er fegt durch die Schulhäuser und treibt die Geister des Irrationalismus, der Intoleranz und der Unterdrückung aus - und nimmt dabei eine dunkle und schwere Last von manch kleiner Schulter. Das Verbot muslimischer Kopftücher, christlicher Kreuze und aller anderen Symbole religiöser Unterwerfung garantiert Kindern wieder das grundlegende Menschenrecht, als freie und gleiche Bürger heranwachsen zu können. Denn niemand wird als Christ, Muslim, Jude oder Sikh geboren!

Mit der Verteidigung seiner säkularen Identität und der Bekräftigung seines Bekenntnisses zu individueller Freiheit hat Frankreich das Blatt gewendet und einen bedeutenden Schritt getan, die fundamentalistische Schmutzwelle zurückzudrängen, die über die Welt schwappt, seit der militante Islam in der Iranischen Revolution sein Haupt erhob. Dies ist eine große Ermutigung für die Seite von Freiheit und Fortschritt. Säkularismus ist nicht nur ein Stützpfeiler der französischen Verfassung - Säkularismus ist die Essenz moderner Zivilisation und muß verteidigt werden gegen alle religiösen Versuche, historische Errungenschaften rückgängig zu machen.

Das Verbot religiöser Symbole in staatlichen Schulen und öffentlichen Verwaltungsämtern, die die säkulare Republik Frankreich repräsentieren, ist nicht gar so neu, wie der Empörungsschrei der islamischen Fundamentalisten und die harsche Verurteilung durch die christlichen Kirchen glauben machen könnten. Das Prinzip der laizistischen Gesellschaft liegt der Verfassung Frankreichs zugrunde und spiegelt sich seit 1905 in seinen Gesetzen. Es hat viele Jahrzehnte lang keine Kopftücher und keine Kreuze in staatlichen Schulen gegeben. Der beherrschende Einfluß der Katholischen Kirche, gegen den sich die laizistische Gesellschaft ursprünglich hatte zur Wehr setzen müssen, wurde gebrochen, und die zunehmende Zahl der muslimischen Immigranten aus Nordafrika versuchte, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, in der Religion eine ausschließlich private Angelegenheit war.

Der Konflikt wurde geboren, als 1979 im Iran eine fundamentalistische Regierung zur Mach kam und aggressiv eine islamische Kleiderordnung für Frauen propagierte. Die Auseinandersetzungen um das Kopftuch wurden während der vergangenen Jahre immer intensiver. Die christlichen Kirchen nutzten die Gelegenheit und versuchten, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sie vergossen Krokodilstränen für die "verfolgten" Muslime und hofften, daß sich im Schutze des Kopftuches das Kreuz ins Klassenzimmer zurückschmuggeln ließe. Aber der französische Säkularismus behielt die Oberhand - und bleibt ein Model.

Das französische Prinzip der laizistischen Gesellschaft garantiert Glaubensfreiheit, heißt aber Religion weder gut noch unterstützt es sie. Staat und Religion sind perfekt voneinander getrennt. Dieses Konzept unterscheidet sich grundlegend von einer anderen "Interpretation" von Säkularismus, die heute in vielen Ländern vorherrscht. Diese schließt Religion keineswegs von den Angelegenheiten der bürgerlichen Gesellschaft aus. Sie "korrigiert" nur die Ungerechtigkeit der Privilegierung einer Religion, indem sie alle zu Tische lädt. Hier kann jede religiöse Institution mitrreden und bekommt ein Stückchen vom Kuchen ab. Einige Regierungen laden sogar die Säkularisten ein, als eine unter vielen anderen "Religionen" an der Party teilzunehmen, was die Idee des Laizismus pervertiert und ad absurdum führt.

In Frankreich gibt es keinen Kuchen. Aber es gibt Schulen, die die individuelle Freiheit von Kindern verteidigen. Protektorate des Säkularism, in denen die Klauen der Religionen keinen Zugriff haben, und in denen junge Menschen lernen können, ihre eigenen Überzeugungen zu entwickeln und ihre eigene Entscheidungen zu treffen.

 

Finnland: Kündigen Sie der Kirche per Internet

Nie war es so einfach, die Evangelisch-Lutherische Kirche von Finnland zu verlassen! Die Freidenker von Tampere haben eine Website entwickelt, in der man nur seinen Namen und seine Sozialversicherungsnummer in ein elektronisches Formular einträgt, es ausdruckt und ans Registeramt schickt. Amen!

Die Website hat das Link www.eroakirkosta.fi (das heißt: www.tritt-aus-der-kirche-aus.fi). Vom Tag ihrer Einsetzung am 21.11.2003 bis zum Ende des Jahres haben 1400 Leute die Site benutzt, um ihren Kirchenaustritt zu erklären. Die Beliebtheit der Site hält an.

Wie in Bulletin Nr.118 berichtet, erlebt die Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands einen scharfen Anstieg von Austritten, seit eine Änderung des Religionsfreiheitsgesetzes im vergangenen Jahr den Austritt mit sofortiger Wirkung und per Brief ermöglichte. Im Jahre 2003 traten 26 857 Finnen aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche aus - das waren 10 000 mehr als im Jahre 2002. Die finnischen Medien berichteten ausführlich über diese historische Entwicklung.

 

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Swasiland: Menschenopfer gegen AIDS und Armut

Das südafrikanische Königreich Swasiland wird von grausamen Morden einer besonderen Art terrorisiert. Die Opfer sind Kinder oder schwache und hilflose Erwachsene; die Mörder sind meist gedungene Berufskiller. Die Beute ist Menschenfleisch. Kleine Stücke von unter der Achselhöhle, Finger oder Stücke von inneren Organen werden aus dem Opfer herausgeschnitten und zu einem Magier gebracht, der daraus zusammen mit anderen markabren Zutaten einen Zaubertrank braut. Dieses magische Gebräu, so wird geglaubt, enthält die Lebenskraft des Opfers und macht den, der es trinkt, unverletzlich, mächtig und reich. Es soll besonders potent sein, wenn das Fleisch aus dem Opfer herausgeschnitten wird, solange es noch lebt.

Solche Menschenopfer wurden schon früher beobachtet. Die Polizei meldete jedes Jahr den Fund einiger verstümmelter Opfer. Aber neuerdings hat die Anzahl der Fälle stark zugenommen - und mit ihr die Panik. Die Zeitungen von Swasiland bestehen darauf, daß es einen Zusammenhang mit der Politik gibt. In den Wahljahren 1998 und 2003 schoß die Anzahl der Fälle plötzlich hoch. Einige Leute wurden im Zusammenhang mit den Morden festgenommen und vor Gericht gestellt, aber bis jetzt konnte keine Verbindung zu Politikern festgestellt werden. Aber wer kennt schon die heimlichen Kunden der Magier, die selbst fast immer entkommen!

Der Fall eines Massenmörders, David Simelane, der vor drei Jahren die Tötung von 63 Frauen und Kindern gestand, hat das seine zu Angst und Aufregung beigetragen. Angeblich konnte bis jetzt nicht festgestellt werden, ob Simelane seine Opfer tötete, um Körperteile für Zaubertränke zu "ernten". Und die Verzögerung eines Gerichtsverfahrens gegen ihn, das bisher immer noch nicht eröffnet wurde, scheint für viele ein Hinweis darauf zu sein, daß er von mächtigen Politikern geschützt wird.

Dr. Thandle Malepe, Director des Nationalen Psychiatriezentrums in Manzini, erklärt die Zunahme von Menschenopfern mit steigendem sozialen Streß. Swasiland hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten der Welt; es wird geschätzt, daß fast 40% aller Erwachsenen HIV-poitiv sind. Die sich rasant ausbreitende Krankheit zieht ökonomischen Niedergang und Zusammenbruch der traditionellen Familie nach sich. In Zeiten schwerer persönlicher Unsicherheit setzen viele verwirrte oder pathologische Menschen ihre Hoffnungen auf magische "Kuren", sagt Dr. Malepe.

 

Norwegen: Staatskirche - pro oder contra?

Soll Norwegen eine Staatskirche haben? Eine knappe Mehrheit der Norweger ist neuerdings der Ansicht, es soll. Die Tageszeitung Aftenposten berichtete, daß bei der jüngsten Meinungsumfrage 40% der Befragten wünschten, daß die Lutherische Staatskirche ihre Position beibehält, während 36% die Institution der Staatskirche abgeschafft wissen wollten und 24% in der Frage unentschieden blieben. Erst vor einem Jahr erbrachte eine Umfrage ein recht unterschiedliches Ergebnis: Nur 28% sprachen sich damals zugunsten einer Staatskirche aus, 42% entschieden sich dagegen und 30% blieben unentschlossen.

Statistiken zeigen, daß die öffentliche Unterstützung für die Norwegische Staatskirche vor dieser jüngsten Verschiebung mehr als zehn Jahre lang konstant zurückgegangen ist. Norwegen hat eine sehr aktive Humanisten-Organisation, die das Monopol der Lutherischen Kirche abschaffen will.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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