RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 129 (25. Juli 2004)

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IN DIESER AUSGABE

Iran: Prof. Aghajari zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt

Nigeria: Gefährliche Verleumdungskampagne gegen Atheisten

 

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Iran: Prof. Aghajari zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt

Prof. Aghajari

Der progressive iranianische Historiker und prominente Regimekritiker Prof. Sayyed Hashem Aghajari wurde zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt und für weitere fünf Jahre mit einem Lehrverbot sowie dem Verbot der Bekeidung öffentlicher Ämter belegt. Ein Gericht in Teheran befand ihn schuldig, in einer öffentlichen Rede in Hamedan im Jahre 2002 "heilige religiöse Werte beleidigt" zu haben. Prof. Aghajari bestreitet jede Beleidigung von Religion. Wie sein Verteidiger ankündigte, wird er gegen das Urteil Berufung einlegen.

Das Urteil erging am 20. Juli in einer neuen Runde des Blasphemie-Verfahrens, das das Land in Unruhe versetzt hat. Nach seiner Hamedan-Rede, in der er dem Klerus das Recht absprach, Iran zu regieren, wurde Prof Aghajari zweimal von einem Provinzgericht zum Tode verurteilt. Mehr als eineinhalb Jahre lang saß der invalide Kriegsveteran in der Todeszelle von Teherans Evin-Gefängnis, während der brutale Versuch ihn mundtot zu machen in Iran mächtigen und anhaltenden Protest anfeuerte und die Regierung gegenüber dem Ausland in große Verlegenheit brachte.

Schließlich gaben Regierung und Justiz nach. In einem Versuch, der Protestbewegung Dampf abzulassen, verwarf der Oberste Gerichtshof am 1.Juli das Todesurteil und ordnete eine totale Wiederaufrollung des Falles durch ein Gericht in Teheran an. Alle Anklagepunkte, die zu einem Todesurteil führen konnten, wurden nun fallegelassen. Der neugefaßten Anklage entsprechend, schöpfte das Gericht das Strafmaß von fünf Jahren Gefängnis voll aus, erließ aber zwei Jahre. Nach Anrechnung der bisherigen zwei Jahre im Evin Gefängnis, bliebe also noch ein Jahr übrig. Prof. Aghajari wurde Haftentlassung gegen Bürgschaft zugestanden, während er Berufung beim Obersten Gerichtshof einlegt. Er kann gegen eine Kaution von einer Milliarde Rials (US $ 117,000) freigelassen werden.

Nachdem die drohende Hinrichtung schon sehr nahe gekommen schien, sind Prof. Aghajaris Unterstützer erleichtert über den Ausgang des neuen Verfahrens, weigern sich jedoch, Kompromisse zu akzeptieren. "Der Fall stellt eine schwere Verletzung der Rede- und Meinungsfreiheit dar. Die Herrschenden haben die Justiz misbraucht, um einen einflußreichen Kritiker zum Schweigen zu bringen", sagte ein Vertreter der iranischen Rationalistenorganisation Gruppe RA, die einen "Freispruch Erster Klasse" ohne alle Beschränkungen für Prof. Aghajari fordert und seine Wiedereinsetzung in alle früheren Ämter und Positionen.

[Sehen Sie auch unsere Berichte in den Bulletins Nr. 106, 108, 124 und 127. Klicken Sie hier für den Text der Hamedan-Rede (auf englisch)].

 

Nigeria: Gefährliche Verleumdungskampagne gegen Atheisten

Islam Online, eine internationale islamische Website für Nachrichten und Glaubensangelegenheiten, verbreitet gerade einen äußerst irreführenden und gefährlichen Bericht aus Nigerias Hauptstadt Abuja, der Haß und Gewaltausbrüche gegen Atheisten in Nigeria auslösen könnte. Afrikas dichtest bevölkerter Staat wird von blutigen religiösen Bürgerkriegen gepeinigt, die während der letzten Jahre Tausende von Leben gefordert haben.

Der Bericht behauptet, neun nigerianische Atheisten seien festgenommen worden, weil sie in einer Moschee in Abuja am 18. Juli friedliche Gläubige "mit Messern und Äxten" angegriffen hätten, und stünden nun "am Mittwoch vor dem Obersten Gerichtshof im Staate Osun, angeklagt der Stiftung öffentlicher Unruhe, Beschädigung öffentlicher Einrichtungen, Bruch der Religionsfreiheit und Auslösung sektiererischen Aufruhrs". Der Artikel verwirrt und provoziert muslimische Leser weiterhin, indem er behauptet, daß "atheistische Kultgruppen" mit Rückendeckung von einer "amerikanischen christlich-atheistischen Koalition" in der Vergangenheit bereits mehrere derartige Angriffe verübt hätten und verantwortlich seien für Tötungen und planvoll verübte Attentate auf Muslime in Nigeria.

"Dies ist ein kalkulierter Versuch, nigerianische Atheisten zu erpressen und als gewalttätig zu brandmarken", sagte Leo Igwe, Sekretär des Nigerian Humanist Movement (NHM), einer Allianz von Atheisten, Rationalisten und Humanisten in Nigeria. Die NHM ist islamischen Hardlinern schon lange ein Dorn im Auge, denn sie verhilft Menschen, die nach islamischem Sharia-Recht der Blasphemie oder des Ehebruches angeklagt sind, zu einem Rechtsbeistand. Obwohl das Rechtssystem Nigerias aus einer Kombination von traditionellem Recht und allgemeinem britischem Recht besteht, haben die verherrschend muslimischen Staaten im Norden Sharia eingeführt.

"Wir sind schockiert von der schwerwiegenden Geschichtsfälschung", sagte Loe Igwe, "und wir legen Wert darauf, kategorisch festzustellen, daß es in Nigeria keine atheistischen Kultgruppen" gibt und daß es in der Geschichte des Landes keinen einzigen Fall von Angriffen oder Tötungen durch Atheisten gegeben hat. Auf der anderen Seite hat Nigeria eine blutige Geschichte von Bürgerkriegen zwischen Muslimen und Muslimen, Muslimen und Christen, Muslimen und Animisten, Christen und Christen, Christen und Muslimen, Christen und Animisten. Und in allen Fällen von religiösem Blutvergießen im Lande waren Atheisten Opfer! Wir fordern daher den Islam-Online-Korrespondenten in Abuja dringend auf, diese Kampagne der Verleumdung, der Lüge und der Geschichtsfälschung zu beenden."

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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