RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 130 (17. August 2004)

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IN DIESER AUSGABE

Frankreich: Warten auf September (von Jocelyn Bézecourt)

Australien: Christlichen Fundamentalismus mit Steuerdollars füttern

 

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Frankreich: Warten auf September

Jocelyn Bézecourt

Frankreich wartet auf September. Mit Beginn des neuen Schuljahres tritt in staatlichen Schulen das Verbot von muslimischen Kopftüchern und anderen religiösen Symbolen in Kraft. Spannung liegt in der Luft. Seit das neue Gesetz im Februar verabschiedet wurde, rufen einige muslimische Fundamentalistengruppen dazu auf, von Anfang des Schuljahres an Ungehorsam dagegen zu leisten. Die Verteidiger des Säkularismus planen auf der anderen Seite Aktionen und Demonstrationen, um zum Ausdruck zu bringen, daß Frankreich für die Trennung von Religion und Staat steht ("laïcité" genannt) und entschlossen ist, Frauen vor Kopftuch-Unterdrückung zu schützen. Inzwischen hat der Europäische Menschenrechts-Gerichtshof in Straßburg den Fundamentalisten etwas Wind aus den Segeln genommen, indem er ein Urteil zugunsten des Kopftuch-Verbotes in Schulen und Universitäten der Türkei fällte [siehe Bericht in Bulletin Nr.127]. Aber der Krieg scheint dennoch mit großer Intensität fortgesetzt zu werden.

Die Pro-Kopftuch-Aktivisten behaupten paradoxerweise, Hijab tragen sei ein Zeichen von Freiheit und "islamischer Emanzipation" - was einen Widerspruch in sich selbst darstellt, heißt doch Islam "Unterwerfung"! Jederman weiß ganz genau, daß junge Mädchen, die nicht lebendig unter einem muslimischen Schleier begraben sein wollen, von ihren Familien und den religiösen Autoritäten unter einen solchen gezwungen werden.

Die große Mehrheit der fünf Millionen in Frankreich lebenden Muslime wünscht einen ruhigen September zu sehen. Der Französische Rat des Muslimischen Glaubens (CFCM) versucht, die Spannung um das neue Gesetz zu reduzieren, desgleichen die gemäßigten Führer der Großen Moschee von Paris. Aber es gibt Extremisten, die versuchen die Situation auszunutzen, um die muslimische Gemeinschaft zu radikalisieren.

Einige Straßen von Paris erinnerten an "Afghanistan"

Die nationale Union der Islamischen Organisationen Frankreichs (UOIF) rät Mädchen, in der Schule zu tragen was sie wollen - eindeutig das Kopftuchtragen ermutigend - und kündigt an, Schülerinnen in Kampfstimmung moralisch zu unterstützen und ihnen Argumentationshilfe, Rechtsinformation, Beratung durch örtliche Aktivisten und Rechtsbeistand zu leisten.

Eine prominente Figur unter den Hardlinern ist Thomas Abdallah Milcent, ein Arzt, der in den frühen 80er Jahren in Afghanistan zum Fundamentalisten wurde. In seinem Buch schlägt er verschiedene Methoden vor, das Verbot zu unterlaufen. Er rät, die Haare - wenn nicht mit dem Kopftuch - mit einer Kopfbinde oder einer phrygischen Haube, dem Symbol der Französischen Revolution, zu bedecken, was "Verbundenheit mit den Werten der Republik" demonstriere. Milcent hat einen muslimischen Verteidigungsfond ins Leben gerufen und eröffnet in diesen Tagen eine Hotline zur Unterstützung von Mädchen, die von Schulverweis bedroht sind.

Der CFCM, der die Stimme des Französischen Islam repräsentieren soll, ist nicht in der Lage, eine eindeutige Position in der Kopftuchfrage einzunehmen. Seine Mitglieder (Organisationen und Personen) sind unterschiedlicher Ansicht, ob sie das neue Gesetz akzeptieren sollen oder nicht. Das spiegelt den Zustand der Verwirrung und Uneinigkeit wieder, der in der muslimischen Gemeinschaft Frankreichs herrscht, die sich aus vielen verschiedenen nationalen Gemeinschaften und religiösen Schulen zusammensetzt. Dazu kommen starke Einflüsse von außen: Eine radikale britische Organisation hat kürzlich den Hardlinern ihre Unterstützung erklärt und eine Europa-weite Kampagne gegen das Verbot mobilisiert.

Das mag die unerwartete Stärke der muslimischen Bewegung gegen das neue Gesetz erklären, die in der säkularen Gesellschaft Frankreichs zunächst erstaunte. Die Anzahl der Pro-Kopftuch-Aktivisten scheint vergleichsweise niedrig zu sein, aber in Demonstrationen zwischen Dezember 2003 und März 2004 gelang es ihnen, eine recht beängstigende Vision heraufzubeschwören. Da erschienen vollständig verschleierte Frauen in den Straßen, die etwas wie die Burka der Taliban trugen. Einige Männer hielten lautstark ihre Gebete ab, andere führten antisemitische Reden. Für ein paar Stunden verwandelte sich Paris in Teheran oder Kabul. In Frankreich lebende Algerier fühlten sich dramatisch an die Situation in ihrem eigenen Lande erinnert, als in den 80er Jahren die Islamische Heilsfront (FIS) begann für einen islamischen Staat zu kämpfen.

In einigen großen Städten in Frankreich scheint islamischer Fundamentalismus im Aufschwung zu sein. Er trägt seine unakzeptablen Forderungen mit lauter Stimme vor: Einige Frauen verweigern, sich von männlichen Ärzten untersuchen zu lassen, Schüler und Eltern weigern sich, einer Lehrerin die Hand zu schütteln. Einige Unterrichtsfächer stoßen auf Widerstand: manchmal ist es sehr schwierig, über Biologie zu sprechen, über Voltaire und über die Judenvernichtung durch die Nazis. Einige muslimische Mädchen wollen in der Schule nicht am Sportunterricht teilnehmen, Frauen bestehen darauf, daß Schwimmbäder zu bestimmten Zeiten für Männer geschlossen werden. In der Schule wird halal Essen (mit arabischem Zertifikat) gefordert.

Der Kampf gegen religiöse Symbole an staatlichen Schulen wurde gewonnen, aber es war nicht einfach. Die Verteidiger des Säkularismus wurden oft des Rassismus beschuldigt. Die Tatsache, daß sie seit jeher sehr aktiv im Kampf gegen die Nationale Front, die rassistische Partei Le Pens waren, zeigt die Absurdität der Anklage. Aber den Islam zu kritisieren ist eben immer noch schwierig in Frankreich. Eine rationale Untersuchung dieser Religion stößt auf viel mehr Tabus als eine Untersuchung des Katholizismus. Der Kampf gegen den Einfluß der Katholischen Kirche auf die Gesellschaft dauerte mehrere Jahrhunderte an und erbrachte zwischen 1880 und 1905 ein Paket von Gesetzen zur Trennung von Kirche und Staat. Islam gibt es in Frankreich erst seit einigen Jahrzehnten.

Die Verteidiger der "laïcité" haben bereits ihre Stärke bewiesen, und sie werden weiterhin für ein säkulares Frankreich kämpfen, gegen islamischen Fundamentalismus ebenso wie gegen christlichen.

 

Australien: Christlichen Fundamentalismus mit Steuerdollars füttern

Öffnen Sie die Tür zur Melrose-Park-Schule in St.Marys, der südlichen Vorstadt von Adelaide, und Sie befinden sich in einer anderen Zeit. Hinter diesen Mauern liegt eine Welt, unberührt von moderner Kommunikations- und Informationstechnologie. Radio, Fernsehen, Computer, E-mail, Fax und Internet sind hier unbekannt. Die Schule wird im Geiste einer fundamentalistischen christlichen Sekte geführt, die vor rund 300 Jahren in Deutschland gegründet wurde. Ihre ergebenen Nachfolger glauben, moderne Technologie und Zugang zu Information über die weite Welt verdirbt das kindliche Denken. Die Melrose-Park-Schule (MPS) ist eine Privatschule der "Brüderkirche" (Church of Brethren) und reserviert für deren Gläubige. Behindert durch Mangel an technischem Verstehen und technischen Fähigkeiten und "gesegnet" mit vollständiger Ahnungslosigkeit über gewisse Kapitel moderner Wissenschaft wie z.B. die Theorie der Evolution, bleiben ihre Schüler von jeder weiterführenden Erziehung ausgeschlossen (Universitäten werden auch als gefährlich betrachtet) und sind nicht darauf vorbereitet, die Herausforderungen der heutigen Welt zu meistern.

Keine Frage, die MPS verletzt die Richtlinien der nationalen Lehrpläne von Australien. Aber dank einer speziellen Ausnahmegenehmigung, erteilt von der Regierung von Premierminister John Winston Howard, darf sie trotzdem ihren offiziellen Status und ihre Registrierung als Schule behalten. Die Registrierung beschert ihr rund 225,000 Dollars aus Common-Wealth-Mitteln im Jahr. Damit nicht genug: die Regierung gibt der "Brüderkirche" zusätzliche 5666 Dollars per Jahr für jeden Schüler.

Das Geld ist Teil des umstrittenen Zwanzig-Millionen-Dollar-Paketes, das die Howard-Regierung jährlich für unabhängige und katholische Schulen ausgibt. Unter dem warmen Regen solch großzügiger Unterstützung mit dem Geld des Steuerzahlers sprießen diese privaten Schulen. Sie ziehen viele Schüler damit an, daß sie es sich leisten können, das Schulgeld niedrig zu halten. MPS ist nicht das einzige dubiose Institut unter ihnen. Vor einigen Wochen enthüllte die Zeitung The Australian, daß die St. Josephs-Grundschule nahe Nowra in New South Wales (NSW), geführt von dem Doomsday-Kult des "Propheten" William "Little Pebble" Kamm, seit 1996 mehr als 331,000 Dollars von der Zentralregierung und für das laufende Jahr 45,000 Dollars von der Staatsregierung NSW erhalten hat.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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