RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 146 (19. August 2005)

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IN DIESER AUSGABE

Pakistan: Autor zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe wegen "Blasphemie" verurteilt

Pakistan: Ein anderer Blasphemie-Angeklagter entkommt der Wut der Fundamentalisten - für diesmal

Iran: Zwei Teenager gehängt

USA: Center for Inquiry erhält Zulassung für UN-Vertretung

USA: Fahneneid nicht verfassungswidrig, sagt Gericht

Nigeria: Pastoren rauben Bank aus, um eigene Kirche zu bauen

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Pakistan: Autor zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe für "Blasphemie" verurteilt

Ein Anti-Terror-Gericht in Karachi hat den Autor eines angeblich blasphemischen Buches zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Der 40-jährige Autor Younis Sheikh [nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Dr. Younus Shaikh, dem bekannten Opfer pakistanischer Blasphemie-Justiz! Die Namensgleichheit ist rein zufällig; es besteht keine Familienbeziehung zwischen beiden] wurde vor einigen Monaten in Karachi festgenommen, als er sein Buch über den Koran und das islamische Rechtssystem vertrieb. Das Buch hat den Titel "Shaitan Maulvi" (Der satanische Kleriker). Der Autor hatte 5000 Exemplare drucken lassen, die von der Polizei beschlagnahmt wurden.

Nach der Gerichtsverhandlung am 11. August erklärte Staatsanwalt Naimat Ali Randhawa, der Autor sei der Blasphemie für schuldig befunden worden, da er die vier Imame als Juden beschrieben habe. Die Imame seien weltweit respektiert und anerkannt als die dritte Generation von Islam-Interpreten nach dem Propheten Mohammed. Laut Staatsanwalt stellte es einen weiteren Akt der Blasphemie dar, daß der Autor behauptet habe, die Strafe des Zu-Tode-Steinigens für Ehebruch sei im Koran nicht erwähnt.

Sanal Edamaruku, Präsident der Rationalist International, forderte in einem Brief an die Pakistanische Regierung die sofortige Rücknahme der Anklage gegen den Autor des Buches "Der satanische Kleriker". Er protestierte scharf gegen den Mißbrauch des Anti-Terror-Gesetzes, mit dem hier ein Kritiker des degenerierten religösen Rechtssystems der Sharia verfolgt werde. Wenn Pakistan wünsche, von der Welt als zivilisierte Gesellschaft betrachtet zu werden, schrieb Edamaruku, müsse es solch diskriminatorisches und primitives Vorgehen (gegen Kritiker) aufgeben und Redefreiheit und freien Fluß der Meinungen garantieren.

Dr. Younus Shaikh, pakistanischer Rationalist, Arzt und Ehrenmitglied der Rationalist International, erklärte seine Solidarität mit dem angeklagten Autor Younis Sheikh. Er wies auch darauf hin, daß hier zum ersten Mal in der Geschichte eine Anklage wegen Blasphemie vor einem Anti-Terror-Gericht verhandelt werde. Younis Sheikh sei ein friedlicher Mann, sagte er, ein Autor und Hotelmanager in Karachi. Sein Buch habe nichts mit Terrorismus zu tun. Es sei eine sehr dubiose rechtliche Vorgehensweise, hier ein Anti-Terror-Gericht und das Anti-Terror-Gesetz zum Einsatz zu bringen. In derartigen Fällen, sagte Dr. Shaikh, sei normalerweise kein Rechtsanwalt bereit die Verteidigung zu übernehmen. Das Gericht stelle dann einen Pflichtverteidiger, der allerdings den Angeklagten meist nicht wirklich verteidige, sondern der Staatsanwaltschaft in die Hände spiele, sagte Dr. Shaikh. Er rief dazu auf, den Fall einer weiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

 

Pakistan: Ein anderer Blasphemie-Angeklagter entkommt der Wut der Fundamentalisten - für diesmal

In Nowshera in der von Fundamentalisten regierten Nord-West-Grenz-Provinz (North-West Frontier Provinz, NWFP), wurde am 6. August ein 60-jähriger Mann christlichen Glaubens, der unter Blasphemie-Anklage steht, gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen. Richter Rafi Ulla bot der Wut der Extremisten die Stirn, die vor dem polizeigeschützten Gerichtsgebäude Parolen skandierten und Drohungen ausstießen, und gab Yousaf Masihs Antrag auf Freilassung statt. Der Superintendent des Gefängnisses geleitete Masih, der unter psychischem Schock stand, persönlich hinaus zu dessen Freunden und drängte diese, ihn an einen sicheren Ort zu bringen, da sein Leben in Gefahr sei. Muttahida-Majlis-e-Amal, die regierende fundamentalistische sechs-Parteien-Allianz, forderte die Todesstrafe für Masih.

Yousaf Masih war am 28. Juni wegen angeblicher Verunglimpfung des Koran festgenommen worden. Von Beruf Putzer, war er an seinem Arbeitsplatz aufgefordert worden, einige Papiere zu verbrennen. Später wurde behauptet, unter den verbrannten Papieren seien Koranverse gewesen. Von der Polizei geschlagen und von den Islamisten bedroht, erlitt der schwächliche ältere Mann - Herzpatient zudem - einen schweren Schock. Nach seiner Freilassung tauchte er mit seiner Familie unter und hält sich seither versteckt.

 

Iran: Zwei Teenager gehängt

Iran: Zwei Teenager gehängt
Iran: Zwei Teenager gehängt

Das Photo zeigt zwei junge Männer, identifiziert als "M.A." (18) und "A.M." (16), die am 19. Juli in Mashha, Iran, offiziell gehängt wurden, weil sie Sex miteinander hatten. Nach Berichten der iranischen Studenten-Presse-Agentur ISNA, die auch das obige Photo von der Hinrichtung machte, wurden die beiden Teenager unter Islamischem Recht verurteilt, nach dem homosexuelle Akte mit dem Tode bestraft werden.. Im Gericht gaben sie ihren sexuellen Kontakt zu, sagten aber, sie hätten nicht gewußt, daß darauf die Todesstrafe stehe. Sie sagten auch, daß Sex unter Jugentlichen im Iran sehr verbreitet sei.

Der Richter weigerte sich, dem Alter der Angeklagten Rechnung zu tragen, und verurteilte sie zum Tode durch Erhängen. Damit verstieß er gegen internationale, vom Iran unterzeichnete Abkommen, die die Verhängung der Todesstrafe bei Jugendlichen unter 21 Jahren verbieten. Iranische Menschenrechtsverteidiger gehen davon aus, daß seit der Machtergreifung islamischer Kleriker in Jahre 1979 im Iran mehr als 4000 Homosexuelle - sowohl männliche als auch weibliche - hingerichtet worden sind.

 

USA: Center for Inquiry erhält Zulassung für UN-Vertretung

Rationalist International gratuliert dem Center for Inquiry (CFI; Untersuchungszentrum), gegründet und geleitet von Prof. Paul Kurtz, zur Erlangung eines "speziellen beratenden Status" als Nicht-Regierungsorganisation (non-governmental organisation, NGO) unter dem Ökonomischen und Sozialen Rat der Vereinten Nationen. Das CFI ist damit berechtigt, offizielle Vertreter zum Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York sowie zu den UN-Büros in Genf und Wien zu entsenden. Es kann an Konferenzen und Informationstreffen für NGOs teilnehmen und hat damit Gelegenheit, vor der internationalen Gemeinschaft die wissenschaftliche, skeptische und säkular-humanistische Perspektive in der UN verhandelter Angelegenheiten darzulegen.

Professor Paul Kurtz, Ehrenmitglied der Rationalist International, kommentierte: "In einer Zeit, in der Fundamentalismus unterschiedlicher Art und Herkunft aufeinanderprallt und christliche Missionierung nie zuvor gekannte Dimensionen erreicht hat, sollte die Verpflichtung zu säkularer Regierung und Gewissensfreiheit zu Gehör gebracht werden. Im kommenden Jahrhundert biogenetischer Wissenschaft, eröffnet die wissenschaftliche Forschung der Menschheit großartige Möglichkeiten und sollte ermutigt und gefördert werden, nicht aber zensiert. Wissenschaftlicher Rationalismus muß seinen Platz in den Erwägungen der UN haben." Das Center for Inquiry in Amherst, New York, beherbergt das 1980 gegründete Council for Secular Humanism, das Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CFICOP, Komitee zur wissenschaftlichen Untersuchung von Behauptungen über übernatürliche Phänomene), gegründet 1976, und der kürzlich ins Leben gerufenen Commission for Scientific Medicine and Mental Health (Kommission für wissenschaftliche Medizin und geistige Gesundheit).. Im Brennpunkt der Forschungs- und Erziehungsprojekte (am CFI) stehen drei weitgesteckte Gebiete: (1) Religion, Ethik und Gesellschaft; (2) Behauptungen übernatürlicher Phänomene und wissenschaftlicher Randerscheinungen und (3) Medizin und Gesundheit.

 

USA: Fahneneid nicht verfassungswidrig, sagt Gericht

Die USA bleibt "one nation under God" (eine Nation unter Gott) - und die Schulkkinder im Staate Virginia werden weiterhin jeden Morgen den Fahneneid aufsagen müssen, wie es im Fahneneid-Gesetz von Virginia vorgeschrieben ist.. Trotz des direkten Hinweises auf Gott, befand ein dreiköpfiges Richtergremium am 4. nationalen Berufungsgericht der USA, daß mit dem Fahneneid verfassungsmäßig alles in Ordnung sei - und lehnte die Berufung von Edward Myers aus Sterling ab. Der Vater von drei kleinen Buben hatte im Namen zweier von ihnen (11 und 9 Jahre alt) Klage gegen die Loudoun County School erhoben, weil sie die Kinder mit einer "Gott-und-Staat"-Weltauffassung indoktriniere.

Das Gericht entschied, daß der Charakter des Fahneneides eindeutig patriotisch sei und daß "der Einschluß dieser beiden Worte [under God] ... die Natur des Fahneneides als patriotische Aktivität nicht verändert".

"Das Problem liegt darin, daß junge Schulkinder den Fahneneid mit einiger Wahrscheinlichkeit als Bestätigung der Existenz Gottes und einer nationalen Unterordnung unter Gott auffassen", sagte Edward Myers Rechtsanwalt David Remes."Der Hinweis auf Gott ist eines der wenigen Dinge im Fahneneid, die Kinder verstehen." Myers gehört der Glaubensvereinigung der Anabaptistischen Mennoniten an, einer christlichen Sekte, die ganz besonderen Wert auf die Trennung von Staat und Religion legt, die im First Amendment, dem ersten Anhang zur US-Verfassung, garantiert ist.

Im Sommer 2002 wies der Supreme Court, das höchste Gericht der USA, den Fall des Atheisten, Arztes und Rechtsanwaltes Michael Newdow gegen das Aufsagen des Fahneneides in öffentlichen Schulen ab. Newdow hatte zuvor vor einem nationalen Berufungsgericht in Californien gewonnen. Das Berufungsgerichts-Urteil hatte eingeräumt, daß "der Ausdruck `eine Nation unter Gott` eine staatliche Anerkennung von Religion beinhaltet". Es entfesselte einen Sturm von Kritik und Protest. Der US-Senat verabschiedete eine Resolution gegen das Urteil, die republikanischen Parlamentarier veranstalteten eine Demonstration, und George W. Bush verkündete, daß er dieses "lächerliche Urteil" außer Kraft setzten lassen werde. Bereits nach einem Tage wurde es dann unter politischem Druck zurückgezogen. Später lehnte der Supreme Court Newdows Berufung wegen fehlender Klageberechtigung ab: er hatte nicht das Sorgerecht für seine Tochter, in deren Namen er ihre Schule verklagt hatte. [Ein ausführlicher Bericht findet sich in Bulletin Nr. 99].

 

Nigeria: Pastoren rauben Bank aus, um eigene Kirche zu bauen

Zwei Pastoren im südwest-nigerianischen Staate Ondo haben gestanden, daß sie einen Bankraub verübt hätten, um Geld zum Aufbau einer eigenen Kirche zu bekommen. Pastor Matthew Adeniji and Pastor Akeem Anjorin waren Mitglieder einer siebenköpfigen Bande, die die NBN-Bank in der Staatshauptstadt Akure um 25 Millionen nigerischer Naira (rund 188,000 Dollar) erleichterte.

"Ich habe mit meinem Anteil drei Autos gekauft", erzählte Pastor Akeem nach seiner Verhaftung stolz den Jouranalisten. "Ich habe aber noch mehr Geld, das Pastor Matthew und ich zum Bau unserer Kirche verwenden wollen. Wir hatten den Plan, unsere eigene Kirche zu eröffnen." Die beiden frommen Räuber sind Mitglieder der "World Soul Winning Evangelical Mission" in Ibadan. Das Leben hinter Gittern ist nicht neu für sie. Bevor sie ihre nun jäh unterbrochene Karriere als Kirchenväter begannen, hatten sie bereits einige Zeit zusammen im Gefängnis verbracht. Nach ihrer Entlassung waren sie "wiedergeborene" Christen geworden und traten der Evangelischen Mission bei.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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