RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 153 (26. März 2006)

http://www.rationalistinternational.net

IN DIESER AUSGABE

Marsch für Meinungsfreiheit - ein großer Erfolg

Meinungsfreiheit ohne Wenn und Aber

 

Marsch für Meinungsfreiheit - ein großer Erfolg

Ein Sieg für Toleranz, Vernunft und Freiheit

Der Londoner Marsch für Meinungsfreiheit wurde am 25. März 2006 erfolgreich am Trafalgar Square durchgeführt. Der Marsch war eine Antwort auf den Lärm um die Karikaturen des Islamischen Propheten Mohammed, die in Europäischen Zeitungen erschienen waren.

Zu den Organisationen, die den Marsch unterstützten, gehören Rationalist International, British Humanist Association, Libertarian Alliance, New Humanist, National Secular Society and viele andere.

Der Abgeordnete Dr. Evan Harris, Menschenrechts-Sprecher der Britischen Liberalen Demokraten, war einer der Redner auf der Veranstaltung. Die Organisatoren des Marsches berichten: "Maryam Namazie sprach zwingend, eindringlich und leidenschaftlich. Evan Harris war witzig, weise und präzise. Peter Tatchell machte weitere Ausführungen zu den bereits in seinem Essay zum Thema umrissenen Punkten. Mark Wallace wurde - nach einer Kontroverse im Vorfeld - gut aufgenommen. Sean Gabb trug - ohne Notizen - eine wohl strukturierte und gut durchdachte Argumentation für absolute Meinungsfreiheit vor. Rend Shakir präsentierte eine nuancenreiche und vielfältige Verteidigung von Toleranz und Freiheit. Keith Porteous Wood sprach über Prinzipien, pflichtete aber auch in einigen Punkten Evan Harris Vorschlägen zu praktischer Aktion bei."

Peter Risdon, einer der Organisatoren der Veranstaltung, sagte: "Wir sind für Meinungsfreiheit, aber nicht gegen Muslime. Sie sind unsere Nachbarn und Freunde."

Hier ist der BBC-Bericht über den Marsch für Meinungsfreiheit (auf Englisch): bitte klicken.

 

Meinungsfreiheit ohne Wenn und Aber

"Beleidigend oder nicht, heilig oder nicht - Religion und Aberglaube - Islam, Christentum, Hinduismus, Judentum, Scientology und so weiter - müssen offen sein für alle Formen von Kritik und Spott."

Maryam Namazies Rede auf dem Trafalgar Square-Marsch in London am 25. März 2006

  • In Iran wurden Bus-Arbeiter aus Teheran festgenommen, die ihre Rechte einforderten - mitsamt ihren Frauen und Kindern, einige wurden gefoltert.
  • In Afghanistan sind Lehrer mit dem Tode bedroht, die das Recht von Mädchen auf Erziehung verteidigen.
  • In Irak sind Frauenrechts-Aktivisten bedroht, weil sie Gleichheit und Freiheit fordern.
  • In Iran schmachten Journalisten im Gefängnis, die einen satirischen Artikel veröffentlichten, in dem der Aufstieg Khomeinis mit AIDS verglichen wird..
  • Im Jemen droht dem Redakteur Mohammad Al Asadi die Hinrichtung, weil er daran erinnerte, wie Mohammed für den Tod einer Frau plädierte, die ihn beleidigt hatte.

Die Liste ist endlos...

Viel zuviele weitere namenlose und gesichtslose Menschen auf dem Globus werden zerquetscht, bedroht, getötet, gefesselt und geknebelt, weil sie offen sprechen und ihre Meinung sagen.

Und das geschieht nicht nur "dort drüben", sondern auch hier...

  • Eine Website in Schweden, die die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, wurde geschlossen.
  • Redakteure in Frankreich wurden gefeuert.
  • Das Behzti-Theaterstück wurde abgebrochen, nachdem Sikhs sich beleidigt fühlten.
  • Ein schottischer Krebshilfe-Wohltätigkeitsverein wurde so eingeschüchtert, daß er es ablehnte, Geld anzunehmen, das von der Jerry-Springer-Oper eingebracht wurde.
  • Auf Autoren, die hier leben und schreiben, einschließlich meiner selbst, lauern tödliche Bedrohungen in den Fäden des Ummah-Net (Islamische Website).
  • Menschen werden festgenommen und vor Gericht gezerrt, weil sie Plakate oder Flugblätter mit den Mohammed-Karikaturen darauf tragen. [Tatsächlich wurde Raza Moradi gedroht, er werde vor Gericht gebracht, weil er jemanden "beleidigt" habe, als er auf dem Marsch für Meinungsfreiheit am 25. März ein Plakat mit den Mohammed-Karikaturen trug!]

Es ist klar, daß Meinungsfreiheit und Redefreiheit keine Luxusgüter oder westliche Werte sind. Sie sind wesentlich für Menschen überall.

Und mehr und mehr Menschen erheben sich, nachdem eine Regierung nach der anderen und eine Organisation nach der anderen Entschuldigungen für die Mohammed-Karikaturen verlangt und in unser aller Namen gegeben hat. Was diese Menschen zu sagen haben ist, daß sie nicht käuflich sind.

Wir wissen es besser als die Apologeten.

Alle Begrenzungen der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit sind in Wirklichkeit Versuche der Mächtigen oder der um die Macht Ringenden, unsere Rechte - und die Rechte der Bevölkerung schlechthin - zu beschneiden.

Laßt Euch nicht täuschen und dazu bringen, etwas anderes zu glauben.

Und genau deshalb ist die Verteidigung von Meinungs- und Ausdrucksfreiheit so untrennbar verknüpft mit der Verteidigung anderer Rechte. Man kann nicht das eine ohne die anderen verteidigen. Man kann das Recht auf Meinungs- und Ausdrucksfreiheit nicht ohne das Recht auf Asyl, Streik und Organisation verteidigen, nicht ohne Arbeitsrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, nicht ohne das Recht, in einer säkularen Gesellschaft zu leben, das Recht auf Gleichheit und Freiheit, die universalen Menschenrechte, das Recht, Religion und Atheismus und Glauben als Privatsache behandelt zu sehen, das Recht, ein der Menschheit des 21. Jahrhunderts wertes Leben zu leben. Und natürlich auch umgekehrt: Man kann nicht die Menschlichkeit verteidigen, ohne für ihr Recht zu kämpfen, zu sprechen und sich zum Ausdruck zu bringen....

Dabei darf nichts als heilig gelten außer dem Menschen.

Gewisse Ausdrucksformen und Redeweisen als heilig zu definieren ist nur ein Werkzeug zur Unterdrückung der Gesellschaft; zu behaupten, daß Rede und Ausdruck beleidigten, ist in Wirklichkeit ein Versuch, sie zu beschränken.

Und natürlich: was am allerheiligsten gehalten wird, insbesondere in dieser Neuen Weltwordnung, ist die Religion, und was als das Beleidigendste angesehen wird, ist Kritik und Spott gegen die Religion und ihre Statthalter auf Erden.

Warum soll man das tun, Religion kritisieren, wenn es doch beleidigt? Weil es getan werden muß.

Weil Spott eine Form der Kritik ist, eine Form des Widerstandes, eine ernstzunehmende, seriöse Form, der Reaktion entgegenzutreten!

Während wir uns alle gelegentlich durch irgendetwas beleidigt fühlen können, sind die Religion und ihre Anhänger immerzu beleidigt. Sie scheinen ein Monopol aufs Beleidigtsein zu haben, erklären ihre Religion zum unbetretbaren Naturschutzgebiet und bringen all diejenigen zum Schweigen, die sie beleidigen.

Und glaubt nur nicht, diese reaktionäre, rechtsradikale politische Islambewegung sei nur beleidigt, wenn Islam und Mohammed kritisiert werden. [Ich stelle das nur in den Mittelpunkt, weil es gegenwärtig die mächtigste Reaktion zeitigt.] Sie ist beleidigt, wenn man auf der Straße Hand in Hand geht, Sex außerhalb der Ehe hat; sie ist beleidigt, wenn man das Gesicht nicht verschleiert oder nicht ordentlich verschleiert; sie ist beleidigt, wenn man gewisse Musik hört oder Evolution und überhaupt Wissenschaft lehrt oder wenn man es wagt, Mädchen zu unterrichten; sie ist beleidigt, wenn man gay ist oder wenn man eine Frau ist - auf viele dieser Dinge steht übrigens die Todesstrafe oder zumindest Prügel- und Gefängnisstrafen in vielen Ländern unter Islamherrschaft...

Es ist doch interessant, wie die politische Islambewegung tötet, zerquetscht, erniedrigt - unter dem Banner des Islam - und wir dürfen sie nicht einmal verspotten oder kritisieren.

Religion erachtet eine Frau als halb soviel wert wie ein Mann, Gays als pervers, Sex außerhalb der Ehe als Sünde und so weiter und so fort - aber ein paar Karikaturen sollen beleidigend sein!

Beleidigend oder nicht, heilig oder nicht: Religion und Aberglaube - Islam, Christentum, Hinduismus, Judentum, Scientology und so weiter - müssen offen sein für alle Formen von Kritik und Spott.

Das müssen sie hauptsächlich und besonders deshalb, weil Religion kein Phänomen vergangener Zeitalter ist, sondern als politische Bewegung in der ganzen Welt Verwüstungen anrichtet. Es vergeht keine Sekunde, ohne daß irgendeine Grausamkeit von ihr verübt wird. Sie hängt Menschen an Kränen und Laternenpfählen auf, sie steinigt sie zu Tode - im 21. Jahrhundert -, und das Gesetz schreibt sogar genau vor, welche Größe die Steine haben sollen, die dazu verwendet werden; sie schneidet Gliedmaßen ab und Köpfe.

Religion muß kritisiert und verspottet werden, denn das ist es, wodurch die Reaktion die gesamte Geschichte hindurch zurückgestoßen wurde.

Das ist es, wodurch die Gesellschaft sich die gesamte Geschichte hindurch weiterentwickeln und wodurch sie Fortschritt erreichen konnte.

Wie dies als Angriff auf Muslime oder Christen oder Sikhs oder Scientologen per se betrachtet werden kann, liegt jenseits meines Verständnisses. Ist etwa ein Angriff auf die Glaubensgrundlagen und die Verübung weiblicher Genitalverstümmelung ein Angriff auf die Mädchen, die verstümmelt werden? Ist die Kritik am israelischen Staatsterrorismus ein Angriff auf Juden? Ist ein Angriff auf die BNP, die die christliche Kultur fördern will, oder auf das Britische Christliche Konzil, das sie kürzlich gegründet hat, oder ist Spott gegen Jesus gleichzusetzen mit Rassismus gegen Christen? Nein, natürlich nicht. Und das gleiche gilt für das Britische Muslimische Konzil, Hamas, das islamische Regime Irans und die Mohammed-Karikaturen.

Islamophobie - sowie "Christentums-Phobie", die ja nun nach Wunsch der Kirche auch in die Rechtsterminologie der Vereinten Nationen aufgenommen werden soll - ist kein Rassismus. Denn Kritik an einer Religion, an einer Idee, einem Glauben und sogar an Praktiken, die aus diesem Glauben hervorgehen - ja, selbst eine Phobie und Haß auf religiösen Glauben - haben nichts mit Rassismus gegen wirkliche lebendige menschliche Wesen zu tun.

Gegenteilige Behauptungen sind nur Bestandteile eines Manipulationsversuches mit dem Ziel, jegliche Kritik der Religion und der politischen Bewegung, die Religion als ihr Banner hochhält, zum Schweigen zu bringen.

Es sind heute zwei Pole des Terrorismus, die die Welt bedrohen und zu ihrer Geisel machen: der Staatsterrorismus unter Führung der USA auf der einen Seite und die politische Islambewegung auf der anderen haben viel mehr Gemeinsamkeiten als sie zugeben wollen. Schließlich waren sie einmal Freunde und viele sind es immer noch. Beide benutzen Religion, um die Errungenschaften anzugreifen, die die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten gemacht hat. Beide verteidigen Religion und benutzen sie.

Meinungs- und Redefreiheit gehören zu den wenigen Mitteln, die vielen zur Verfügung stehen, um diesem Terrorismus und seinem Angriff auf universelle Werte und Normen entgegenzutreten.

Wir müssen sie bedingungslos verteidigen. Es kann kein Wenn und Aber geben.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


Copyright © 2006 Rationalist International. Empfänger des Rationalist International Bulletins dürfen dessen Artikel und Meldungen veröffentlichen, im Internet zugänglich machen, weiterversenden und reproduzieren, wenn sie dabei die Quelle angeben: Rationalist International Bulletin Nr. 153, Copyright © 2006 Rationalist International.

 
Rationalist International Bulletin erscheint auf english, spanisch, französisch, deutsch und finnisch.
WIE SICHERT MAN SICH DEN REGELMÄSSIGEN BEZUG?
Abonnieren kostet nichts.
Senden Sie einfach eine leere e-Mail an eine (oder mehrere) der folgenden Adressen und bestätigen Sie Ihre Bestellung, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Bitte denken Sie daran, Ihren Spamschutz gegebenenfalls auf den Empfang des Bulletins vorzubereiten.
English: Rationalist-subscribe@yahoogroups.com
Español Racionalista-subscribe@yahoogroups.com
Deutsch: Rationalist_Deutsch-subscribe@yahoogroups.com
Français: Rationaliste-subscribe@yahoogroups.com
Suomi: Rationalisti-subscribe@yahoogroups.com
WEITERE NEWSLETTER:
Indian Rationalist Bulletin (English): subscribe@indianrationalist.org
Therali News Service (Malayalam): Therali-subscribe@yahoogroups.com
GEBIETSORIENTIERTE DISKUSSIONFOREN, ORGANISIERT VON RATIONALIST INTERNATIONAL
Africa: African_Rationalist-subscribe@yahoogroups.com
Kerala (India): Yukthivadi-subscribe@yahoogroups.com
Andhra Pradesh (India): Telugu_Rationalist-subscribe@yahoogroups.com
Bangladesh: Bangla_Rationalist-subscribe@yahoogroups.com
RATIONALIST INTERNATIONAL
Präsident: Sanal Edamaruku
Ehrenmitglieder
Dr. Pieter Admiraal (Niederlande), Prof. Mike Archer (Australien), Katsuaki Asai (Japan), Sir Hermann Bondi (England), Prof. Colin Blakemore (England), Prof. Vern Bullough (USA), Dr. Bill Cooke (Neuseeland), Dr. Helena Cronin (England), Prof. Richard Dawkins (England), Joseph Edamaruku (Indien), Jan Loeb Eisler (USA), Prof. Antony Flew (England), Tom Flynn (USA), Jim Herrick (England), Christopher Hitchens (USA), Ellen Johnson (USA), Prof. Paul Kurtz (USA), Lavanam (Indien), Dr. Richard Leakey (Kenia), Iain Middleton (Neuseeland), Dr. Henry Morgentaler (Kanada), Dr. Taslima Nasreen (Bangladesch), Steinar Nilsen (Norwegen), Prof. Jean-Claude Pecker (Frankreich), James Randi (USA), Dr. Yunous Shaikh (Pakistan), Prof. Ajoy Roy (Bangladesch), Dr. G N Jyoti Shankar (verstorben, USA), Barbara Smoker (England), Richard Stallman (USA), Prof. Rob Tielman (Niederlande), David Tribe (Australien), K Veeramani (Indien), Barry Williams (Australien), Prof. Richard Wiseman (England) und Prof. Lewis Wolpert (England).
http://www.rationalistinternational.net