RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 154 (15 April 2006)

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IN DIESER AUSGABE

Jesus-Disput vor dem Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof

Born Again! Auf indische Art

Wer einem Herzpatienten helfen will, darf nicht für ihn beten!

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26. bis 29. Dezember 2006 in Neu Delhi
Taj Mahal
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Jesus-Disput vor dem Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof

Hat er gelebt?

Der atheistische Herausforderer Luigi Cascioli bringt seinen Fall nach Straßburg

Luigi Cascioli

Luigi Cascioli, atheistischer Kämpfer und Autor des gelehrten Buches "Die Christus-Fabel", hat seinen Fall schließlich vor den Europäischen Menschenrechts-Gerichtshof in Straßburg gebracht. Er wird in seinem Berufungsverfahren von den bekannten Rechtsanwälten Giovanni Di Stefano und Domenico Marinelli vertreten, die in einigen hochkarätigen politischen Verfahren tätig waren - unter anderem in dem von Saddam Hussein, Tarek Aziz, Telekom Serbia und Slobodan Milosovic.

Luigi Cascioli argumentiert, daß es keinerlei unabhängigen und zuverlässigen Beweis für die historische Existenz Jesu gäbe, und klagt die Römisch-Katholische Kirche an, die Menschen seit 2000 Jahren mit einer erfundenen Christus-Geschichte zu betrügen, um sich zu bereichern. Casciolis Sündenbock und Stellvertreter der Kirchenposition ist sein alter Schulkamerad Hochwürden Enrico Righi (76), Gemeindepriester von Viterbo, Italien, den er vor drei Jahren anklagte, zwei kriminelle Handlungen begangen zu haben. Indem er die von der Kirche fälschlich behauptete historische Existenz Jesu ausdrücklich im Gemeineblatt bestätigte, erfüllte Righi die Tatbestände des "Mißbrauchs öffentlicher Gutgläubigkeit" und der "Mißrepräsentation" irgendeiner historischen Figur als Jesus Christus - beides strafbare Akte nach italienischem Strafrecht. Cascioli verlor seinen Prozeß vor den Gerichten des katholischen Italien, erfüllte dabei aber alle nötigen Voraussetzungen, ihn schließlich vor den Europäischen Menschrechts-Gerichtshof in Straßburg zu bringen. Der Vatikan hat bis jetzt jeglichen Kommentar in der Sache abgelehnt.

 

Born Again! Auf indische Art

Sanal Edamaruku entlarvt angebliche Wiedergeburten live im Fernsehen

Der Glaube an Wiedergeburt ist in Indien weitverbreitet und tief verankert. Er ist inspiriert von religiösen Glaubenslehren des Hinduismus und gespeist von dem Wunsch, daß es einen Weg geben möge, der drückenden sozialen Wirklichkeit in ein anderes, besseres Leben zu entfliehen. Erzählungen von Wiedergeburten üben eine Faszination auf die Menschen aus und verbreiten sich rasch, besonders unter der armen Bevölkerung im ländlichen Indien.

Sanal Edamaruku mit einem "wiedergeborenen" kleinen Mädchen aus Punjab

In Zusammenarbeit mit Star-TV, einem der großen Fernsehsender für das Hindi-sprechende Publikum in ganz Indien, deckte Sanal Edamaruku innerhalb weniger Wochen zwei Fälle von angeblicher Wiedergeburt auf und ermutigte und befähigte damit Millionen von Fernsehzuschauern im ganzen Land, diesen Aberglauben mit der Realität zu konfrontieren, wo immer sie ihm begegnen.

Fünf Fragen an einen nachplappernden Jungen

In einer Live-Sendung am 30. März 2006 stellte Star-TV einen Fall von angeblicher Wiedergeburt im Dorf Bagpat im nordindischen Staat Haryana vor. Die Dorfbevölkerung drängte sich in einem Innenhof, wo einer von ihnen, ein Mann in den Dreißigern, seinen vierjährigen Sohn vor Fernsehkameras vorführte. Vor einigen Monaten zeigte der Junge Angst, wenn er einen Traktor sah, berichtete der Vater der Reporterin. Merkwürdigerweise begann er wenig später, darauf zu bestehen, daß sein Name Pavithra sei. Das war der Name eines reichen Bauern aus dem Nachbardorf, der fünf Jahre zuvor von Räubern getötet worden war. Sie schossen auf ihn, als er auf seinem Traktor fuhr. Die Kugel traf ihn am Hals, und er starb auf der Stelle.

Um zu beweisen, daß sein Sohn Pavithras Reinkarnation sei, hielt ihn der Vater vor die Kameras und befragte ihn ein ums andere Mal: Wie heißt du? Wie heißt dein Vater, deine Mutter, deine Schwester? Wo hat die Kugel dich getroffen? - Der Junge antwortete in Übereinstimmung mit der Erzählung seines Vaters. Ohne Zögern gab er Pavithra als seinen Namen an; und als die Namen seiner Familienangehörigen gab er diejenigen von Pavithras Verwandten. Auf die Frage nach der Kugel zeigte er auf seinen eigenen Hals: hier! Die Dorfbewohner waren beeindruckt und vollkommen überzeugt. Ebenso überzeugt war die Familie des Verstorbenen, die das Kind bereits in ihr Haus genommen hatte und seine Adoption erwog.

Sanal Edamaruku wies auf einige Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten des Falles hin. Zum Beispiel paßten die Daten von Pavithas Tod und des Jungen Geburt nicht zusammen. Zwischen den beiden lagen zwei Jahre, während derer die "Seele" keinen Körper gehabt haben konnte. Am störendsten war jedoch, daß die Antworten des Jungen so offensichtlich eingepaukt waren. Nachdem er mehrmals "korrekt" auf seines Vaters immergleiche Sequenz von fünf Fragen reagiert hatte, stellte die Reporterin dieselben Fragen in anderer Reihenfolge. Das Kind spulte dessen ungeachtet sein monotones Set von Antworten ab wie ein Papagei: Wie heißt dein Vater? - Hier! (Es wies auf seinen eigenen Hals.) Merkwürdigerweise hatte sich kein Mensch an diesem Umstand gestört, bevor auf ihn hingewiesen wurde.

Davon abgesehen, war es - da das Schicksal des Bauern Pavithra einige Jahre zuvor in aller Munde gewesen war - eigentlich gar nichts Besonderes oder gar Wundersames, wenn ein Kind Namen und Details seiner Geschichte kannte. Wiedergeburtsgeschichten beginnen gewöhnlich als Kinderphantasien in einem Alter, in dem Traum und Wirklichkeit noch nicht klar auseinandergehalten werden, erklärte Sanal Edamaruku. Während sie ihre Phantasien ständig wiederholen, pflegen Kinder sie zu erweitern und, geleitet von den Reaktionen ihrer Umwelt, zu verändern, bis es schließlich runde und perfekte Geschichten werden, von deren Realität sie selbst überzeugt sind. Im vorliegenden Falle war die Phantasie offensichtlich vom Vater des Jungen übernommen worden, der zur treibenden Kraft hinter der Behauptung der Wiedergeburt wurde.

Interessanterweise sind fast alle Wiedergeburtsgeschichten - bewußt oder unbewußt - so angelegt, daß sie sozialem Aufstieg dienen. Es ist immer ein Kind einer armen Familie, das behauptet - meist von seinen Eltern und Freunden unterstützt - ein wiedergeborenes Mitglied einer vergleichsweise wohlhabenderen Familie zu sein, nie andersherum. Das erklärt, daß solche Geschichten recht hartnäckig sind. Sie bieten allen Beteiligten Vorteile. Für das Kind und seine Eltern ist die Geschichte eine Fahrkarte in eine bessere Zukunft; die andere Familie findet Trost in der Vorstellung, daß ihr verunglückter Verwandter angeblich in Gestalt eines Kindes wiederkehrt. Und die Zuschauer finden Erleichterung in dem Glauben, daß nach dem Tode ein besseres Leben auf sie warten könnte.

Hindu-Frau wiedergeboren als Muslim-Mädchen

Für ein anderes Fernsehprogramm in Star-TV wurden neun Mitglieder einer Familie von einem Dorf in Punjab ins Fernsehstudio gebracht, um die Geschichte eines dreijährigen Mädchens zusammenzusetzen, das, wie man glaubte, eine Reinkarnation war. Sanal Edamaruku begann seine Ermittlungen vor Programmbeginn im Warteraum für Besucher, indem er unauffällig alle Familienmitglieder verhörte. Der Fall hatte eine Besonderheit: die Familie des kleinen Mädchen war muslimisch, während die Verstorbene, eine junge Frau in einem weit entfernten Dorf in der Nähe von Delhi, hinduistischen Glaubens gewesen war. Die Frau war von ihrem Ehemann verlassen worden, als sie schwanger war. Sie starb, wie ein medizinisches Gutachten bestätigte, an einer Lungenentzündung. Dies war vor etwa drei Jahren geschehen, in zeitlicher Übereinstimmung mit der Geburt ihrer "Reinkarnation". Das kleine Mädchen behauptete, den Namen der Verstorbenen zu tragen, und zeigte jedem stolz ihre Ohrläppchen, die angeblich Druckstellen von den schweren Ohrringen aufwiesen, die die Verstorbene zu tragen pflegte.

Die einzige Vertreterin der Familie der verstorbenen Frau im Fernsehstudio war ihre fünfzehnjährige Nichte, die ihr sehr nahegestanden hatte. Vermittels dieser Nichte, die nun zufällig im gleichen Dorf in Punjab lebte wie die Familie des Kindes, war die "Reinkarnation" ursprünglich identifiziert worden. Die Schule der Nichte grenzte an den Kindergarten, den das kleine Mädchen besuchte, und die beiden befreundeten sich miteinander. Es ist leicht zu erraten, wie das Kind sein Wissen um die Tante seiner Freundin und deren Ohrringe erlangt hatte. Es war auch ganz offensichtlich, daß die Nichte, die den Tod ihrer geliebten, unglücklichen Tante nie überwunden hatte, sich extrem darüber freute, diese nun in Gestalt des freundlichen kleinen Mädchens weiterleben zu sehen. Auf Befragen kam ein weiterer interessanter Aspekt der Geschichte ans Licht. Es hatte im Dorf harte Kritik an der engen Freundschaft der hinduistischen Nichte mit dem muslimischen Kindergartenkind gegeben. Das Aufkommen der Reinkarnationsgeschichte brachte sie jedoch sofort zum Schweigen.

Der Verdacht, daß die Nichte die treibende Kraft hinter dieser Wiedergeburtsgeschichte war, erwies sich als richtig. Wie sich herausstellte, hatte sie erfolgreich Verwirrung über die Todesursache der Tante gestiftet. Nach verbreitetem Glauben sind nur Opfer eines gewaltsamen Todes - durch Mord oder Unfall - zur Wiedergeburt berechtigt und befähigt. Da die Nichte den starken Wunsch hatte, die Wiedergeburtsgeschichte zu etablieren, erfand sie eine andere Todesart für ihre Tante. Sie bestand darauf, daß diese an den Folgen eines Fahrradunfalles gestorben sei und daß sie selbst mit eigenen Augen die von diesem Unfall verursachten Schrammen und Wunden an der Leiche gesehen habe. Es gab viele Widersprüche in ihrer Darstellung, aber dennoch glaubten ihr die Verwandten des Mädchens, und offenbar selbst einige (im Studio nicht anwesende) Mitglieder ihrer eigenen Familie. Das medizinische Gutachten jedoch überführte sie.

Sanal Edamarukus sensible and behutsame Handhabung dieser beiden Fälle rief ins Bewußtsein, daß es großen Schaden anrichten kann, Aberglauben zu entlarven und bloßzustellen, ohne Rücksicht auf die Individuen zu nehmen, die in ihn verstrickt sind. In einem Live-Fernsehprogramm von einer Stunde ist es kaum möglich, den Opfern von Aberglauben zu helfen, die sozialen und psychologischen Triebkräfte hinter ihren unvernünftigen Denk- und Verhaltenspattern zu überwinden. Mit Taktgefühl und großem Geschick gelang es Sanal Edamaruku jedoch, die absurden Behauptungen über Wiedergeburt und ihre Wurzeln und Mechanismen kompromißlos für das Verständnis der Zuschauer zu analysieren, ohne den Opfern dabei Schmerz zuzufügen oder sie persöhnlich in Verlegenheit zu bringen und ihr Gleichgewicht zu stören.

 

Wer einem Herzpatienten helfen will, darf nicht für ihn beten!

Ein Forschungsprojekt zielt auf die Rettung der milliardenschweren Gebetsindustrie ab - aber der Schuß geht nach hinten los

Schließlich liegt umfassendes statistisches Beweismaterial für das Selbstverständliche vor: Es hat keinerlei Einfluß auf die Genesung frischoperierter Herzpatienten, ob jemand für ihre Gesundheit betet oder nicht. Die Vorstellung der Patienten jedoch, daß jemand für sie bete, hat einen Einfluß: sie erhöht die Chancen medizinischer Komplikationen - und zwar beträchtlich.

Die lange erwarteten Ergebnisse einer medizinischen Studie über die eventuelle Macht von Gebeten, den Erfolg koronarer Bypass-Chirurgie zu fördern - veröffentlicht in der letzten Ausgabe von The American Heart Journal -, sind ein schwerer Schlag für die Gebets-Lobby. Wie sich herausstellte, erlitten 18 Prozent der Patienten, für die die Mönche und Nonnen dreier Klöster persönliche Gebete sprachen, schwere post-operative Komplikationen wie Herzinfarkt oder Herzschlag, während es bei Patienten, die keinerlei spirituelle Unterstützung genossen, nur 13 Prozent waren. Die höchste Rate post-operativer Komplikationen wurde bei Patienten beobachtet, denen gesagt worden war, daß jemand für ihre Gesundheit bete. 59 Prozent dieser Patienten erlitten Komplikationen wie abnormalen Herzrhythmus usw. - während es bei Patienten, die nicht wußten, ob jemand für sie betete oder nicht, nur 51 Prozent waren.

Die Laufzeit der Studie betrug fast zehn Jahre, und es wurden die Fälle von 1802 Patienten in sechs Kliniken berücksichtigt. Sie gilt als die wissenschaftlich akurateste und gründlichste Studie dieser Art. Die Ergebnisse haben christliche Gebetspropagandisten schwer gestört, insbesondere da die Studie unter Leitung von Dr. Herbert Benson durchgeführt wurde, dem Direktor des Mind/Body Medical Institute bei Boston, der als führender Vertreter der Theorie gilt, daß "fürsprechendes Beten" die Genesung von Patienten begünstige. Dr. Benson "bewies" seine fromme Theorie in einer früheren, mehr improvisierten Studie, bevor er die Herausforderung dieser gründlichen wissenschaftlichen Untersuchung annahm, die streng darauf abgestellt war, Manipulationen auszuschließen. Obwohl er als Wissenschaftler die gewissermaßen gotteslästerlichen Ergebnisse akzeptieren mußte, zeigte Benson seine Enttäuschung und kündigte an, daß dies auf jeden Fall nicht das letzte Wort in der Gebetsforschung sei.

Es sieht recht lächerlich aus, wenn Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts ernsthaft zu beweisen suchen, daß Gebete funktionieren - oder es auch nur für möglich erachten, daß sie funktionieren könnten. Es ist absurd vorzugeben, eine wissenschaftliche Untersuchung von Phänomenen durchführen zu wollen, die den Prinzipien der Wissenschaft grundsätzlich widersprechen. Aber Gebetsforschung zieht weltweit großes öffentliches Interesse auf sich und geniest immense Förderung. Die vorliegende Studie hat 2.4 Millionen US-Dollar verschlungen und wurde erheblich von der John Templeton Foundation gesponsert, die Erforschung von Spiritualität fördert. In den vergangenen sechs Jahren wurden in den USA mindestens zehn ähnliche Studien in kleinerem Umfange durchgeführt. Das Gebet - nicht die private Konversation mit irgendeinem privaten Gott, sondern die bezahlte professionelle Intervention im Auftrag der Gläubigen - ist weltweit das florierendste Geschäft - in Tempeln, Moscheen sowie in Kirchen. Es ist der Grundpfeiler, auf dem einige multinationale Business-Korporationen ruhen. Wenn der Glaube in die Macht des Gebetes schwindet, verlieren sie ihre ökonomische Basis und brechen zusammen wie Kartenhäuser. Die christlichen Kirchen in Europa und den USA haben begonnen, ihre Gewinne durch "Outsourcing" zu maximieren: sie lassen die Gebetsarbeit in Billiglohn-Ländern wie Indien erledigen. Im südindischen Staate Kerala z.B. pflegen hunderte von Priestern routiniert und systematisch für das Wohlergehen ihnen unbekannter Kunden weit entfernter westlicher Kirchen zu beten (die übrigens nicht einmal in der Lage wären, die Sprache dieser in ihrem Namen absolvierten Gebete zu verstehen). Aber jedes Pooja (hinduistische rituelle Gebetshandlung), jede Kerze, jedes Ave Maria hat seinen Preis.

Interessanterweise hat sich der Brennpunkt der Gebetsforschung in jüngster Zeit verschoben. Es ist nicht mehr die Frage, ob Gebete direkt von göttlichen Mächten beantwortet werden, sondern ob sie - unabhängig von Gottes Antwortfreudigkeit und sogar Existenz - "irgendwie" auf der Grundlage psychologischer oder anderer Mechanismen funktionieren. Obwohl die Gebets-Lobby sich nun verzweifelt bemüht, ihre dahinschwindende Grundlage durch den "wissenschaftlichen Beweis" zu retten, daß Beten funktioniert, sind die vorliegenden Ergebnisse erfreulich ungeeignet, Kunden für die Gebete-KG zu gewinnen.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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