RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 171 (10. März 2008)

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IN DIESER AUSGABE

Die Große Tantra-Herausforderung

Am 3. März 2008 forderte Sanal Edamaruku, Präsident der Rationalist International, Indiens "mächtigsten" Tantrik (Meister der Schwarzen Magie) in einem beliebten Fernsehprogramm heraus, seine Macht an ihm zu demonstrieren. Das war der Beginn eines beispiellosen Experimentes. Nachdem all sein Skandieren von Mantras (magischen Worten) und all seine Tantra-Zeremonien erfolglos blieben, beschloß der Tantrik, Sanal Edamaruku mit der "endgültigen Zerstörungszeremonie" live im Fernsehen zu töten. Sanal Edamaruku war bereit, im Altar des Tantra-Rituals zu sitzen. India TV erlebte sensationelle Einschaltquoten.

Alles begann damit, daß Uma Bharati (ehemalige Ministerpräsidentin des indischen Staates Madhya Pradesh) ihre politischen Gegner in einer öffentlichen Erklärung beschuldigte, ihr mithilfe von Tantra Schaden zuzufügen. Tatsächlich hatte die unglückliche Dame innerhalb weniger Tage ihren Lieblingsonkel verloren, sich ihre Autotüre gegen den Kopf geschlagen und ihre Beine mit Wunden und Pusteln bedeckt gefunden. India TV, einer der führenden Hindi-Sender mit gesamtindischer Reichweite, lud Sanal Edamaruku zu einer Diskussion zum Thema "Tantra versus Wissenschaft" ein. Pandit Surinder Sharma, der behauptet der Tantrik hochrangiger Politiker zu sein und aus Fernsehsendungen wohl bekannt ist, repräsentierte die andere Seite. Während der Diskussion zeigte er eine kleine menschenähnliche Figur aus Weizenmehlteig, legte einen Faden um sie herum wie eine Schlinge und zog sie zu. Er behauptete, er sei in der Lage, jeden beliebigen Menschen innerhalb von drei Minuten durch Schwarze Magie zu töten, wenn er nur wolle. Sanal forderte ihn heraus, es mit ihm zu versuchen.

Der Tantrik versuchte es. Er skandierte Mantras: "Om lingalingalinalinga, kilikili.." Aber seine Bemühungen zeigten keinerlei Wirkung auf Sanal - nicht nach drei Minuten, und auch nicht nach fünf Minuten. Die Zeit wurde verlängert, und nochmal verlängert. Die ursprünglich Diskussionssendung hätte hier bereits zu Ende sein sollen, aber die Sondermeldung von dem laufenden Tantra-Test sprengte alle Programmpläne.

Inzwischen änderte der Magier seine Technik. Er began, Sanal mit Wasser zu bespritzen und mit einem Messer vor ihm herumzufuchteln. Zuweilen strich er mit der Klinge über seinen ganzen Körper. Sanal verzog keine Miene. Dann berührte er Sanals Kopf mit seiner Hand, rieb und verwuschelte seine Haare, drückte gegen seine Stirn, legte die Hand über seine Augen, preßte mit den Fingern auf seine Schläfen. Als er fester und fester zudrückte, erinnerte Sanal ihn, daß es galt, ihn mit Tantra-Magie, nicht durch Einsatz von Gewalt zu Boden zu bringen. Der Tantrik nahm einen neuen Anlauf: Wasser, Messer, Finger, Mantras. Aber Sanal sah weiterhin sehr gesund und sogar recht amüsiert aus.

Nach knapp zwei Stunden erklärte der Moderator die Bemühungen des Tantriks für gescheitert. Doch der wollte seine Niederlage nicht eingestehen und versuchte es mit der Ausrede, daß Sanal offenbar unter dem Schutz eines sehr starken Gottes stehe, an den er glaube. "Nein, ich bin Atheist," antwortete Sanal Edamaruku. Schließlich versuchte der blamierte Magier, sein Gesicht zu wahren, indem er behauptete, es gäbe ein niemals versagendes spezielles "Tantra der absoluten Zerstörung", doch dieses könne nur in der Nacht ausgeführt werden. Wieder hatte er Pech - so einfach kam er nicht davon. Er wurde herausgefordert, seine Behauptung noch in dieser Nacht live in einer weiteren "Sondermeldung" unter Beweis zu stellen.

Während der folgenden drei Stunden sendete India TV immer wieder Werbeankündigungen für die Große Tantra-Herausforderung. Sie riefen mehrere hundert Millionen Menschen vor ihre Fernsehapparate.

Das Ereignis fand unter freiem Nachthimmel statt. Der Tantrik und seine beiden Gehilfen entzündeten ein Feuer und starrten in die Flammen. Sanal war in guter Stimmung. Sobald die ultimative Tantra-Macht entfesselt werde, warnte der Magier, gäbe es kein Zurück mehr. Dann werde Sanal innerhalb von zwei Minuten den Verstand verlieren, und eine Minute später vor Schmerzen schreien und sterben. - Wollte er nicht sein Leben retten, bevor es zu spät war? Sanal lachte, und der Countdown began. Die Magier skandierten ihr "Om lingalingalingalinga, kilikilikili. .", gefolgt von immer neuen Ketten wundersamer Worte und Klänge. Das Tempo steigerte sich hysterisch. Dazu warfen sie alle möglichen magischen Ingredienzien in die Flammen, die veränderte Farben, Knacken, Zischen und weißen Rauch hervorbrachten. Während er sang, trat der Tantrik nahe an Sanal heran, bewegte seine Hände vor ihm und berührte ihn, wurde jedoch vom Moderator zurückgerufen. Nach seinen früheren verdeckten Versuchen, Gewalt gegen Sanal einzusetzen, war er gewarnt worden, Abstand zu halten und jede Berührung zu vermeiden. Aber diese Regel "vergaß" er immer wieder.

Nun schrieb der Magier Sanals Namen auf ein Blatt Papier, riß es in kleine Fetzen, tauchte sie in einen Topf mit siedendem Butteröl und warf sie dramatisch in die Flammen. Nichts passierte. In ununterbrochenem Singsang spritzte er Wasser auf Sanal, fegte mit einem Strauß Pfauenfedern über seinen Kopf, warf ein paar Handvoll Senfkörner ins Feuer und tat noch manch andere merkwürdige Dinge. Sanal lächelte, nichts passierte, die Zeit lief ab. Nur noch sieben Minuten bis Mitternacht. Da beschloß der Tantrik, zu seiner letzten Waffe zu greifen: dem Klumpen Weizenmehlteig. Er knetete ihn, puderte ihn mit mysteriösen Zutaten, und forderte Sanal auf, ihn zu berühren. Sanal tat wie gebeten, und das große magische Finale began. Der Tantrik bohrte stumpfe Nägel in den Teig, zerschnitt ihn dann wild mit einem Messer und warf die Fetzen ins Feuer. In diesem Moment hätte Sanal zusammenbrechen sollen. Aber das tat er nicht. Er lachte. Noch vierzig Sekunden, zählte der Moderator, zwanzig, zehn, fünf ......es ist vorbei!

Millionen von Menschen müssen vor ihren Fernsehern einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben. Sanal war sehr lebendig. Die Macht des Tantra hatte kläglich versagt. Tantriks schaffen eine solch furchterregende Atmosphere, daß selbst Leute, die wissen, daß nichts dran ist an Schwarzer Magie, aus Angst zusammenbrechen können, kommentierte ein Wissenschaftler in der Sendung. Es verlangt enormen Mut und starkes Selbstvertrauen, sie herauszufordern, indem man tatsächlich sein Leben aufs Spiel setzt, sagte er. Indem er das getan hat, hat Sanal den Bann gebrochen und denen, die seinen Triumph erlebt haben, viel von ihrer Angst genommen.

In dieser Nacht erlitt einer der gefährlichsten und in ganz Indien verbreiteten Aberglauben einen schweren Schlag.

Die ganze Sendung wurde auf Video aufgenommen und ist erhältlich. Wenn Sie eine Kopie bestellen möchten, schreiben Sie bitte an: info_desk@rationalistinternational.net

Klicken Sie hier, wenn Sie Sanal Edamaruku per Email kontaktieren wollen.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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