RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 172 (18. März 2008)

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IN DIESER AUSGABE

Taslima Nasreen: “Ich muß aus der Todeskammer entkommen”

Taslima Nasreen verläßt Indien, um ihr Leben zu retten. Sie flieht nicht vor der Bedohung durch islamische Fundamentalisten, sondern vor den unerträglichen Bedingungen, in denen sie gehalten wird. Vier Monate lang hält die Indische Regierung sie nun in Isolierhaft an einem unbekannten Ort. Sie darf niemanden treffen, selbst enge Freunde nicht. Und noch schlimmer: ihr wurde dringend notwendige medizinische Behandlung vorenthalten. Das Ergebnis: ihre Gesund ist in alarmierendem Zustand.

Ich stand die ganze Zeit über in telephonischem Kontakt mit Taslima Nasreen in ihrem verborgenen Gefängnis. Das folgende schockierende Dokument, das sie vor einigen Tagen verfaßte und mir zuschickte, wurde ihrem Wunsche gemäß bis zum Tage ihrer Abreise unter Verschluß gehalten. Heute morgen sagte sie mir, ich könne es veröffentlichen.

Sanal Edamaruku

Ich muß aus der Todeskammer entkommen

Ich pflegte es Folterkammer zu nennen. Allmählich verstand ich aber, daß es vielmehr die Kammer des Todes war. Mir wurde nicht einmal erlaubt, solange im Krankenhaus zu bleiben, wie es die Ärzte es für notwendig erachteten, um meinen Blutdruck zu stabilisieren. Aber Befehl ist schließlich Befehl, und die Regierung wollte keinerlei Unbequemlichkeiten durch mich haben. Die Regierung wollte nicht, daß die Medien erfuhren, daß ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ich hatte mein Handy nicht bei mir. Und die Ärzte im staatlichen Krankenhaus – dem All India Medical Institute of Science (AIIMS) – hatten Instruktionen, mich nach einer gewissen Zeit zu entlassen. Interessanterweise wurde die Entscheidung darüber, wie lang diese Zeitspanne sein sollte, nicht den Ärzten überlassen. Das letztesmal, als ich im Krankenhaus war, wurde ich ganz plötzlich entlassen - auf Druck der Regierung. Ich bin sicher, das hing mit einem Bericht in der Times of India zusammen, der meldete, daß ich ins Krankenhaus gebracht worden war.

Interessanterweise war die Entscheidung darüber, wie lang die Zeitspanne sein sollte, nicht den Ärzten überlassen worden. Als ich letztesmal vor einigen Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wurde ich ganz plötzlich entlassen, auf Druck der Regierung. Ich bin sicher, das hing mit einem Bericht in der Times of India zusammen, der meldete, daß ich im Kranskenhaus war.

An meinem unbekannten Aufenthaltsort darf ich weder zur Konsultation einen Arzt aufsuchen, noch darf einer zu mir kommen. Ich leide unter stark schwankendem Blutdruck. Und das merkwürdige ist, daß ich nicht einmal mit irgendeinem der Ärzte vom Krankenhaus telefonieren durfte. Selbst nach wiederholten Bitten, wurde mir keine einzige Telefonnummer gegeben. Als ich in der Klinik war, fragte ich die Ärzte, ob ich sie bei Bedarf anrufen könne, aber sie antworteten, daß sie ihre Telefonnummern nicht geben dürften. Ich mußte Anfragen über Beamte machen, um auch nur die einfachsten Auskünfte von diesen Ärzten zu bekommen. Ich habe stark gelitten, physisch sowohl als psychisch. Inzwischen ist es unmöglich, meinen Blutdruck unter Kontrolle zu bringen. Die Ärzte haben gesagt, das sei durch Streß verursacht, den ich um jeden Preis zu vermeiden hätte. Wie soll ich nicht gestreßt sein, wenn mich alles ununterbrochen streßt? Ich bin an diesen Ort gebracht und eingesperrt worden wie ein Tier. Meine Menschenrechte werden ständig und unablässig verletzt. Mir ist verboten hinauszugehen oder irgendjemanden zu treffen. Wie soll ich nicht gestreßt sein? Ich habe eine Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung bekommen, aber der Status Quo hat sich nicht geändert.

Und durch den streßbedingten hohen Blutdruck habe ich eine Herzkrankheit entwickelt (Hypertrophie) und hypertensive Retinopathie. Beides wurde in der Klinik diagnostiziert. Die hypertensive Retinopathie wird schließlich bewirken, daß ich erblinde. Der Blutdruck, falls nicht unter Kontrolle gebracht, wird Herz, Nieren und Augen zerstören.

Vor meiner Gefangenschaft war mein Blutdruck unter Kontrolle und all meine Organe waren in perfektem Zustand. Nachdem ich aus dem Krankenhaus kam, wollte ich dieses Land so schnell wie möglich verlassen, weil ich wußte, daß ich hier niemals streßfrei sein würde. Ich sagte, ich wolle dringend nach Kolkata, um einige wichtige Dokumente und verschiedene andere Dinge einschließlich Bankkarten zu holen und meine Steuererklärung zu unterschreiben. Aber sogar die grundsätzliche Erlaubnis, in meine Wohnung in Kolkata zu gehen und dort mein Leben abzuwickeln wurde mir aus Sicherheitsgründen versagt.

Sie haben es schließlich geschafft

Obwohl sie mich ununterbrochen psychisch unter Druck setzten das Land zu verlassen, weigerte ich mich, mich von der Stelle zu rühren. Ich war entschlossen, dieses Land nicht zu verlassen. Als sie sahen, daß es zwecklos war, mich psychisch zu zerstören, versuchten sie, meinen Körper zu zerstören. Damit hatten sie Erfolg. Sie haben meine Gesundheit ruiniert, was mir keine andere Wahl mehr läßt als das Land zu verlassen.

Ich durfte aus Sicherheitsgründen keinen Arzt sehen

Es ist wichtig, daß all dies bekannt wird. Ich habe wiederholt darum gebeten, einen medizinischen Spezialisten konsultieren zu dürfen, weil meine Kondition sich mit ständig steigendem Streß verschlimmert, den ich in meinem nicht-so-goldenen Käfig erleide. Ich durfte mehr als zwei Monate lang keinen Arztr sehen. Diejenigen, die die Entscheidungen treffen, forderten die Beamten auf, sich nicht um mich zu kümmern, besonders wenn ich dringend einen Arzt brauchte. Zwei Monate nach meiner ursprünglichen Bitte wurde ich schließlich zu einem Qucksalber an einen anderen unbekannten Ort gebracht, der – wenig verwunderlich – überhaupt nichts tun konnte. Ich bestand darauf, daß ich einen Kardiologen oder zumindest einen Spezialisten sehen müsse. Mir wurde gesagt, daß das einen Besuch in einer Arztpraxis bedeuten würde. Ich war bereit zu gehen, erfuhr aber, daß mir “aus Sicherheitsgründen” nicht genehmigt werden würde, eine Arztpraxis aufzusuchen. Ich wurde sehr krank und erzählte den Beamten, daß ich wahrscheinlich einen Herzanfall bekommen würde. Einige Tage spater wurde mir erlaubt, an dem gleichen unbekannten Ort einen Arzt vom AIIMS zu sehen. Er verschrieb mir einige Medikamente. Nachdem ich sie einnahm, verlor ich das Bewußtsein. In derselben Nacht wurde ich ins Krankenhaus eingewiesen, wo mein Blutdruck so alarmierend fiel, daß mir Norfallmedikamente verabreicht werden mußten, damit ich überlebte. Die Ärzte sagten mir, daß ich zwei bis drei Wochen im Krankenhaus würde bleiben müssen, aber bereits nach drei Tagen entfernten mich die Beamten abrupt aus der Intensivstation und brachten mich direkt zu einem Treffen mit dem Außenminister. Der Minister forderte mich auf, das Land zu verlassen, was meinen Blutdruck auf 220/120 schießen ließ. Ich wurde schnell wieder ins Krankenhaus gebracht, aber die Ärzte waren von den Beamten instruiert, mich aus “Sicherheitsgründen” nicht stationär aufzunehmen. In meinem nicht-so-goldenen Käfig hatte ich keinerlei Hilfe.

Fakten

Es sind nun fast acht Monate, daß ich praktisch unter Hausarrest stehe, in einem Gefängnis ohne jede Einrichtung. Ich wurde ununterbrochen von der Regierung aufgefordert, das Land zu verlassen. Das hat mich natürlich sehr aufgeregt, weil ich Europa verlassen hatte, um in Indien ansässig zu werden, um Indien zu meiner permanenten neuen Heimat zu machen. Ich ließ mich in Kolkata nieder und lebte dort friedlich in bengalischem Milieu. Ich war sehr aktiv, half unterdrückten Frauen und schrieb feministische und humanistische Literatur. Nur weil ein paar fundamentalistische Muslime etwas dagegen hatten, daß ich mich in diesem Land aufhielt, wurde ich zuerst in Kolkata eingesperrt und dann nach Delhi gebracht. Weil Politiker sich Muslim-Stimmen sichern wollten, mußte ich eingesperrt werden, und in der Folge wurde meine Gesundheit irreparable zerstört.

Wichtig

  • Ich durfte keinen Arzt sehen, sogar als mein Blutdruck wegen des Stresses, dem ich durch die Indische Regierung ausgesetzt war, unkontrollierbar schwankte.
  • Ich durfte “aus Sicherheitsgründen” keinen Spezialisten konsultieren.
  • Ich wurde schließlich von einem von der Regierung bestimmten Arzt behandelt; und sobald ich die von ihm verschriebene Medizin einnahm, hatte ich eine Drogenvergiftung, verlor das Bewußtsein und wurde in eine staatliche Klinik eingeliefert. Notfallmedikamente retten mir das Leben.
  • Ich durfte “aus Sichergeitsgründen” nicht in der Klinik bleiben.
  • Obwohl erklärt worden war, daß ich Streß und streßverursachende Situationen vermeiden müsse, wurde ich aus der Herzstation entfernt, um den Außenminister zu treffen, der mich unter großen psychischen Druck setzte, das Land zu verlassen.
  • Als mein Blutdruck nach dem Gespräch mit dem Minister 220/120 erreichte, bat ich, ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, aber es wurde nicht erlaubt.
  • Ich darf nicht nach Kolkata gehen, bevor ich das Land verlasse, um ein paar wichtige Dinge zu packen und mein Haus zu sichern.
  • Ich durfte acht Monate lang nicht vor die Tür gehen (4 Monate in Kolkate, 3 ½ in Delhi).
  • Dort, wo ich eingesperrt bin, wurden mir keine Besuchszeiten gewährt.
  • Ich darf meine Freunde und Bekannten nicht sehen.

Taslima Nasreen

(Lesen Sie auch den Artikel “Can anybody live like this?” und andere Berichte über Taslima Nasreens Situation in unserer Website: www.rationalistinternational.net)

Email: Klicken Sie hier wenn Sie Sanal Edamaruku per Email kontaktieren wollen.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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