RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 175 (15. Juni 2008)

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IN DIESER AUSGABE

Was Barack Obama in der Tasche trägt

What Barack Obama carries in his pocket

Es ist schon aufschlußreich, was zum Vorschein kommt, wenn der vielleicht bald mächtigste Mann der Welt seine Taschen ausleert – wie man es kürzlich in der Sammlung “Foto des Tages vom Weissen Haus” auf der Website der Times sehen konnte. Da war ein winziger Affe – offensichtlich der Hindu-Gott Hanuman – zusammen mit einem Glücksspieler-Talisman, dem Armband eines im Irak stationierten amerikanischen Soldaten und einer kleinen Madonna mit Kind. Das Armband könnte eine Gedächtsnisstütze dafür sein, daß es – wird er der nächste Präsident der USA – seine vornehmste Pflicht sein wird, “unsere Boys nach Hause zu holen”. Und die anderen Taschenschätze? Ist Obama ein Anhänger des Hanuman-Glaubens, inspiriert bei des sagenhaften Affen großem Krieg gegen den Dämonengott Ravana? Ist er ein Spieler? Glaubt er an Glücksbringer? Glaubt er, daß diese kleinen Maskottchen, die er mit sich in der Tasche herumträgt irgendeine Auswirkung auf sein Leben und sein “Schicksal” haben? Falls der Inhalt seiner Taschen in irgendeiner Weise ein Indiz für seine Geistesverfassung sein sollte, könnte es sein, daß wir uns auf merkwürdige – wenn nicht gar gefärliche – Überraschungen vorzubereiten haben.

Nepal: Des Gott-Königs letzter Abgang

Tor des Narayanhity-Palastes in Kathmandu
Tor des Narayanhity-Palastes in Kathmandu

Nepal feiert seine Transformation vom letzten Hindu-Königreich in eine weltliche demokratische Republik. Der historische Schritt, der der 239-Jahre-alten Monarchie ein Ende setzte und das Himalaya-Land auf dem “Dach der Welt” ins 21ste Jahrhundert führte, wurde am 28. Mai 2008 von der neugewählten, von den Maoisten geführten Verfassunggebenden Versammlung getan – und zwar mit 560 Stimmen gegen 4. Der gefeuerte König Gyanendra - bis vor kurzem noch offiziell als Reinkarnation des Hindu-Gottes Lord Vishnu verehrt – hat den Narayanhity-Palast am 12. Juni für immer verlassen. Obwohl ihn seine Astrologen drängten, eine günstige, glückverheißende Zeit abzuwarten, erlaubte ihm die Regierung nicht, die ihm gesetzte Frist hinauszuschieben. Das königliche Banner am Haupttor ist längst gegen die nationale Flagge ausgetauscht worden. Das rosa Bauwerk im Zentrum von Kathmandu wird bald ein Nationalmuseum werden.

Die meisten alten Monarchien sind lange abgeschafft. Nach Nepals Transformation gibt es aber immer noch 30 Monarchen auf der Welt, die über 44 sovereigne Monarchien herrschen (16 davon sind Commonwealth-Reiche, darunter Kanada und Australien; sie erkennen formal noch immer Königin Elisabeth als ihr Regierungsoberhaupt an). Die meisten der noch übriggebliebenen Monarchien sind konstitutionelle, die dem Monarchen recht wenig politische Macht lassen. Absolute Monarchien in verschiedensten Schattierungen existieren noch in Brunei, Oman, Qatar, Saudi-Arabien, Swaziland und im Vatikan (der eine Wahl-Theokratie darstellt). Auch die Monarchen von Jordanien und Marokko haben große Macht. Recht bemerkenswert ist die Zählebigkeit der Monarchien im modernen Europa. Aufgeklärte, demokratische Länder wie Belgien, Dänemark, Liechtenstein, Luxemburg, Monaco, die Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden und Großbritanien tragen immer noch stolz die Eierschalen aus ihren Stammeszeiten mit sich herum. Wäre es nicht an der Zeit, daß sie dem Beispiel Nepals folgten?

Die letzten Monarchien der Welt
Die letzten Monarchien der Welt (entnommen von English Wiki / Wikipedia):
Konstitutionelle Monarchie * Commonwealth-Reiche * Semi-konstitutionelle Monarchie * Absolute Monarchie * Monarchie in einigen sub-staatlichen Gebieten

Indien / Kerala: Die Büchse der Pandora wird ausgefegt

Der südindische Staat Kerala ist mit Säuberungsarbeiten beschäftigt. Zielobjekt der großen Putze ist eine spezielle neue Marke von “Gottmenschen” und Sterndeutern, der es gelungen ist, in den letzten Jahren ein florierendes Gewerbe aufzubauen, ohne die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen. Tatsächlich hatten die meisten Bewohner Keralas keine Ahnung von der Existenz von “Gottmenschen” in ihrem Staat – mal abgesehen von dem allumarmenden “Weltstar” Mata Amrithanandamayi. Aber plötzlich öffnete sich die Büchse der Pandora.

Es began mit einem Medienbericht in der ersten Maiwoche – erschienen in der prominenten malayalam-sprachigen Wochenzeitschrift Kerala Sabdam. Interpol in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), hieß es darin, habe einen dringenden Haftbefehl auf einen gewissen Santhosh Madhavan aus Kerala ausgestellt. Ermittlungen der örtlichen Medien richteten das Scheinwerferlicht auf den “Gottmann” Amrutha Chaitanya und seinen feudalen Ashram in der Hafenstadt Kochin, in dem er lokale Politiker, Filmstars, Geschäftsleute und höhere Polizeibeamte zu empfangen pflegte. Unter Druck nahm die Polizei von Kerala ihn fest und durchsuchte seinen Ashram und seine Wohnung. Neben verschiedenen Dingen, deren Besitz strafbar ist – wie Sandelholz, Ganja, ein Tigerfell und eine Polizeiuniform – wurde dabei eine Sammlung von Porno-CDs gefunden, die dokumentierten, wie der “Gottmann” minderjährige Mädchen vergewaltigte, die in einem von ihm betriebenen karitativen Kinderheim lebten. Neun Mädchen sagten aus, von ihm vergewaltigt worden zu sein. Untersuchungen von Madhavans Finanzverhältnissen brachten ans Licht, daß er ein dubioses Immobiliengeschäft im Umfang von vielen Millionen Dollar betrieb, bei dem er als Frontmann für einige bis jetzt noch ungenannte prominente Persönlichkeiten auftrat.

Santhosh Madhavan, ein niederer Tempelpriester mit abgebrochener Schulausbildung, machte sich in den späten Neunzigerjahren mit Astrologie vertraut, ließ sich einen eindrucksvollen Bart wachsen und began eine lukrative Karriere als “Gottmann”.. Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihm, ein Klientel von Prominenten aufzubauen und sich politische Protektion zu sichern. Er genoß quasi Immunität, bevor die erzürnte Öffentlichkeit seine Festnahme erzwang.

Nach Madhavan entlarvten Rationalisten und Medien weitere verborgene “Gottmenschen” und –Astrologen mit hohen Verbindungen und mutmaßlich kriminellem Hintergrund. Seit einem Monat berichten die Medien fast täglich über neue Skandale. Inzwischen laufen Ermittlungen gegen rund 60 Personen. Einige von ihnen sind untergetaucht. Wie berichtet wird, treffen sie ihre Klienten nun im Ausland. Nachdem Rationalisten und progressive Medien einmal den Trend gesetzt hatten, sprangen die Jugendorganisationen der politischen Parteien auf den fahrenden Zug und jagten begeistert nach “Gottmenschen” – bevorzugt nach solchen, die der politischen Konkurrenz nahestanden. Die hindu-konservative BJP sorgte dafür, daß auch muslimische “Gottmenschen” und christliche Wunderheiler nicht vergessen wurden. Das Ergebnis: der spirituelle Sumpf wurde weitgehend trockengelegt. Die große Überlebenskünstlerin bleibt – bis auf weiteres – die “göttliche” Umarmerin. Doch auch Amrithanandamayi hat beschlossen, auf Nummer sicher zu gehen. Sie hat Kerala verlassen und sich auf eine ausgedehnte Auslandstournee begeben.

Großbritanien: Jetzt können falsche Behauptungen Astrologen, Tantriks und Wunderheiler ins Gefängnis bringen

In Großbritanien können Astrologen jetzt im Gefängnis landen, wenn sie es versäumen, ihre möglichen Kunden zu warnen, daß ihre Leistungen “nicht experimentell nachgewiesen” sind und “nur zur Unterhaltung” dienen. Das gleiche gilt für Tantriks, Tarot-Karten-Leser, christliche Glaubens-Heiler, Okkultisten, Wahrsager, Hellseher, Medien, Mantra-Heiler und Wundertuer aller Art

Seit dem 26.Mai 2008 wird das florierende Geschäft mit der Spiritualität im Lande – das nach Schätzungen jährliche Einnahmen von vierzig Millionen Pfund verzeichnet – unter die Lupe neuer Kundenschutzbestimmungen genommen. Diese Bestimmungen sind Ergebnis der größten Revision der britischen Verbrauchergesetze seit vierzig Jahren und setzen die von der Europäischen Union im Mai 2005 verabschiedete “Direktive gegen unfaire Geschäftspraktiken” um, die bald die Verbrauchergesetze in ganz Europa regulieren wird.

Neben Tür-zu-Tür-Verkäufen, Kinderwerbung usw. zielt das neue britische Gesetz auf Wunderkrämer aller Art und Hintergründe ab – ganz gleich ob sie Briten oder reisende Inder sind. Es verpflichtet sie, in einer Ausschlußklausel darauf aufmerksam zu machen, daß ihre Leistungen “nur zur Unterhaltung” dienen und ihre Ergebnisse nicht als “experimentell nachgewiesen” zu betrachten sind. Eine solche Ausschlußklausel muß für alle potentiellen Kunden gut sichtbar auf Geschäftsschildern, Rechnungen, in gedruckten Geschäftsbedingungen, Inseraten und Internetseiten angebracht sein. Falls der Unterhaltungscharakter der Leistungen einem Kunden nicht vor der Sitzung klargemacht wird, können sie vor Gericht gestellt und zu Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren sowie Geldstrafen von bis zu 5000 Pfund verurteilt werden.

Kenya: Massenverhaftung nach “Hexen”-Mord

Im Kisii-Distrikt in West-Kenya wurden gleichzeitig acht ältere Frauen und drei Männer brutal getötet, die der Hexerei verdächtigt wurden. Ein wütender Mob zerrte sie aus ihren Häusern und verbrannte sie –einzeln - bei lebendigem Leib. Die Polizei nahm in Verbindung mit den Morden 86 Dorfbewohner fest.

Hexenglaube ist in der Gegend weit verbreitet, und es gab bereits in der Vergangenheit einige Fälle, in denen der Hexerei Verdächtigte angegriffen und getötet wurden. Aber nie zuvor wurden so viele Opfer zur gleichen Zeit getötet. Während der Ermittlungen wurde von einigen Zeugen aufgedeckt, daß man in der örtlichen Grundschule ein Heft gefunden hatte, das angeblich ein Sitzungsprotokoll eines geheimen Hexentreffens enthielt. Das Heft enthielt nach diesen Aussagen nicht nur eine Liste der Teilnehmer des Treffens, sondern auch die Namen derer, die sie als nächstes zu verhexen planten.

Die Ermittlungen laufen noch, sagte ein Polizeisprecher. Die Festgenommenen könnten des Mordes angeklagt werden, in einigen Fällen auch des gewalttätigen Raubes. Fünf von ihnen wurden im Besitz von Eingentum und Vieh einiger der Opfer gefunden. Wer des Mordes für schuldig befunden wird, kann zum Tode verurteilt werden. Eine baldige Eröffnung der Gerichtsverhandlung wird erwartet.

Urbi & Orbi: Tony Blair öffnet den ganz großen Klingelbeutel

Neo-Katholik Blair & Papst Benedikt Neo-Katholik Blair & Papst Benedikt
Neo-Katholik Blair & Papst Benedikt

Der britische Ex-Premier Tony Blair stellte am 30. Mai 2008 in New York seine “Tony Blair Faith Foundation” vor. Die ambitionierte Stiftung bemüht sich um einen Fond von Hunderten von Millionen Dollar, um die Religion zu retten und als Macht des Guten zu präsentieren. Im Fokus ihrer Aktivitäten soll der Dialog zwischen den Religionen stehen – nach 9/11 in der westlichen Welt ein Bestseller.

Mit Hauptsitz in New York und einem “Interreligiösen Dialog- und Konferenz-Zentrum” in London ist die neue Stiftung nach Angaben von Tony Blair recht erfolgreich darin, von beiden Orten aus Geld zu beschaffen. Unterstützer sprechen von einem achtstelligen Dollar-Startkapital.

Tony Blair pflegte sich bezüglich seines religiösen Eifers bedeckt zu halten, solange er Premierminister war, um die überwiegend säkulare britische Gesellschaft nicht gegen sich aufzubringen. Sein damaliger Sprecher Alastair Campbell wies einmal Reporter mit dem Satz ab “We don't do God" (wir sprechen nicht über Gott). Aber sein Biograph Anthony Seldon beschrieb ihn als “profund religiöse Figur”, deren Glaube immer erheblichen Einfluß auf seine Politik gehabt habe. Im vergangenen Jahr erzählte Blair Fernseh-Talk-Show-Master Michael Parkinson, er habe zu Gott gebetet als er entschied, ob Truppen in den Irak geschickt werden sollten.

Im Dezember 2007 konvertierte er von der Anglikanischen Kirche zur Römisch-Katholischen. Der Vatikan, sagt Blair, sei eine große Unterstützung für sein neues inter-religiöses Unternehmen.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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