RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 177 (13. Juli 2008)

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IN DIESER AUSGABE

Australien: Papstbesuch kurbelt das Sex-Gewerbe an

Papst-Mobil: Benedikts Ankunft in Australien
Papst-Mobil: Benedikts Ankunft in Australien

Als der Papst in Darwin landete, war Sydneys Sex-Gewerbe auf einen großen Aufschwung vorbereitet. Die Bordelle hielten für die 125.000 ausländischen Besucher, die diese Woche zu den Feiern des Welt-Jugend-Tages (WJT) in Sydney erwartet wurden, spezielle “Papstbesuch-Sonderangebote” bereit. Bordelle und Sexshops in der ganzen Stadt erwarteten sensationelle Umsätze. Viele der Elablissements stellten neues Personal ein, um der gesteigerten Nachfrage nach sexuellen Leistungen während des Ereignisses nachkommen zu können. Einige waren besonders stolz, ihr frommes internationales Klientel in einer weiten Skala von Sprachen willkommenheißen zu können, da ihre Sexarbeiter französisch, spanisch, italienisch, griechisch, arabisch, thailändisch, koreanisch, nepalesisch und sogar Madarin sprechen. Der “Xclusive Gentlemen’s Club” bot offiziell akkreditierten WJT-Besuchern 10 % Discount. Der Club, eines der größten Häuser am Randwick Racecourse, hoffte von seiner Nähe zum Schauplatz der Open-Air-Abschlußmesse des Papstes besonders zu profitieren, zu der man eine halbe Million von Pilgern erwartete. Die großen Erwarungen des Gewerbebereiches “Verbotene Frucht” gründen sich auf solide Erfahrung: Als sich das Weltkonzil der Kirchen in den Neunzigern zu einer Konferenz im australischen Canberra traf, haben wir das beste Geschäft aller Zeiten gemacht, sagte ein Sprecher der australischen Erwachsenen-Gewerbegruppe Eros Association.

Wenn religiöse Massenveranstaltungen in vollem Gange sind, scheint Sex in der Luft zu liegen. Als der WJT in Rom im Jahre 2000 nach einer Woche des Feierns mit der Open-Air-Messe Papst Pauls II auf dem Vergata-Feld geschlossen hatte, fanden die Mülltruppen am nächsten Morgen Tausende von gebrauchten Kondomen in den Trümmern des Festplatzes. Medienberichte, die den Fund dokumentierten, wurden damals vom Vatikan verärgert als Falschmeldungen abgetan. Doch die Kritiker der doktrinären vatikanischen Haltung gegen Geburtenkontrolle, außereheliche Sexualbeziehungen und die “schwere Sünde” der Empfängnisverhütung hörten niemals auf, darüber zu spotten. Sie sagen, es zeige, daß junge Katholiken die reaktionären Lehren des Vatikans frohen Herzens mißachteten – eine wirklich großartige Nachricht, falls es stimmt.

Protest gegen den Papstbesucht

Links: Ein Pilger interessiert sich für ein NoToPope-T-shirt
Rechts: Kardinal George Pell auf dem Weg zu einer Pressekonferenz über Fälle von klerikalem Kindesmißbrauch

In Sydney hat sich eine "NoTo Pope"-Koalition geformt, der Gruppen von Rationalisten, Atheisten und Säkularisten angehören. Sie verteilen Kondome gratis an die Teilnehmer des WJT, um Diskussionen über die hypokritische Haltung des Vatikans zu Sexualität und individueller Freiheit in Gang zu setzen. Sie protestieren auch gegen den großzügigen Regierungsbeitrag von 160 Millionen Dollar Steuergeldern zum WJT und gegen neue Verordnungen der Regierung von NSW, die die Polizei zum WJT mit drakonischen Befugnissen ausstatt: Sie kann jeden, der den besuchenden Papst "potentiell verärgert", zu einer Geldstrafe von 5000 Dollar verdonnern - eine schwerer Angriff auf die Meinungsfreiheit. www.NoToPope.com

Broken Rites, die Gruppe, die die Opfer klerikalen Mißbrauchs vertriff, legt neues Beweismaterial dazu vor, wie der höchste Kirchenmann des Landes, Kardinal George Pell, mit Mißbrauch-Anzeigen gegen einen Priester in Sydney umging. www.brokenrites.alphalink.com.au

Die NoToPope-Koalition von NSW hat eine friedliche Protestdemonstration für Samstag, den 19. Juli um 12 Uhr mittags am Taylor Square, Darlinghurst angekündigt.

Rumänien: Kruzifixe in Schulen sind in Ordnung, sagt das Oberste Gericht

In Rumänien stehen die Zeichen gegen Säkularismus. Der Oberste Gerichtshof hat gerade den Schulen seinen Segen dazu erteilt, alle religiösen Symbole, die ihre Klassenräume schmücken, hübsch an ihrem Platz zu lassen. Die Entscheidung hebt das Urteil auf, das im vergangenen Jahr von einem Berufungsgericht erteilt wurde: daß religiöse Symbole aus den Schulen zu entfernen seien, da sie Atheisten und Menschen anderen Glaubens diskriminieren. Die Römisch-Orthodoxe Kirche feiert das neue Urteil. Gegenwärtig zählen die Bischöfe rund 80% der Bevölkerung zu ihren Schafen. Das ehemals kommunistische Land erlebt ein Wiedererwachen der Religion.

Frankreich: Gericht hält den "Jungfrauen-Prozeß" in der Schwebe

Französische Justizministerin Rachida Dati

Ist Jungfräulichkeit eine “essenzielle Qualität” einer Braut? Sollten Ehemänner die Möglichkeit haben, gerichtlich auf sie zu bestehen? Und falls sich in der Hochzeitsnacht herausstellt, daß sie verlustig ist - sollten sie das Recht haben, die Ehe für nichtig zu erklären und die Braut wie eine beschädigte Ware zurückzugeben? Das ist gegenwärtig in Frankreich Gegenstand heißer Debatten.

Ein französisches Paar - beide Muslime, er Ingenieur um die 30, sie Krankenschwester in der Ausbildung - heiratete 2006. Als er auf dem Hochzeitsbett fand, daß sie keine Jungfrau mehr war, verkündete er es unverzüglich den noch feiernden Hochzeitsgästen und schickte sie zu ihren Eltern zurück. Letzten Monat wurde die Ehe auf Wunsch des Ehemannes annulliert, nachdem ein Gericht seine Beschwerde anerkannte, daß seine Frau ihn bezüglich ihrer Jungfräulichkeit angelogen habe. Nach französischem Zivilrecht kann Lügen über eine "essenzielle Qualität" der Beziehung als Grund für die Annullierung einerr Ehe gelten.

Der Fall entfachte eine heiße öffentliche Debatte. Feministinnen sprachen von einer Fatwa gegen die individuelle Freiheit von Frauen. Justizministerin Rachida Dati - mit Rückendeckung von Präsident Sarkozy für ihre Entscheidung - ließ den Staatsanwalt gegen die Annullierung appellieren, um einen Präzedenzfall zu vermeiden, der Jungfräulichkeit als rechtlich einklagbare Ehevoraussetzung etabliert. Der Fall ist in der Schwebe, die Ehe wieder gültig - bis auf weiteres and mindestens bis zur Entscheidung des Berufungsgerichtes, die für September erwartet wird.

Diese Wende hat jedoch eine recht absurde Situation geschaffen, denn keiner der beiden Protagonisten ist bereit, die Ehe aufrechtzuerhalten, die da um der Prinzipien willen wiederhergestellt wurde. Die Frau widersprach der Entscheidung und ließ durch ihren Anwalt erklären, sie wünsche nur, daß die Ehe zu Ende sei und sie mit ihrem Leben weitermachen könne.

Frankreich: Zehn Stiche, die ein Leben retten können

Plastische Chirurgen in Frankreich bieten Frauen, die ihre Jungfräulichkeit aus Heirats-, sozialen oder religiösen Gründen nachweisen müssen, ein neues, intaktes Hymen. Die Operation, die ambulant in einigen Privatkliniken durchgeführt wird - nur ein kleiner Schnitt und zehn Stiche -, kostet eine halbe Stunde und zwei- bis dreitausend Dollar. Aber für die meisten Klientinnen eröffnet sie ein neues Leben.

Das Französische Kollegium der Gynäkologen steht der Hymenoplastik “aus moralischen, kulturellen und gesundheitlichen Gründen” ablehnend gegenüber, wie es recht zynisch verlautbart. Aber die Nachfrage steigt rapide und immer mehr private Kliniken führen die Operation durch. Frankreich hat eine Muslim-Bevölkerung von fünf Millionen. Unter den Klientinnen sind ausländische Studenten, die trotz akademischer Zertifikate nicht in ihr Heimatland zurückkehren könnten, solange ihr Hymen nicht intakt ist. Dabei geht es um weit mehr als eine gute Voraussetzung zum Heiraten – ihr Leben hängt davon ab.

In zwei kürzlich aus Ägypten berichteten Fällen haben Männer ihre Braut in der Hochzeitsnacht getötet, weil sie sie nicht deflorieren konnten (in einem der Fälle zeigte die Obduktion, daß der Mord ein “Irrtum” war – das Opfer war tatsächlich noch Jungfrau gewesen). In vielen muslimischen Ländern werden Frauen von Vätern und Brüdern getötet oder grausam bestraft, wenn sie die “Familienehre” mit vorehelicher sexueller Erfahrung befleckten. Aber auch muslimische Französinnen aus Immigrantenfamilien erleiden Druck und Verfolgung von ihren traditionellen Familien und Gemeinschaften. Gefangene zwischen zwei Welten – der liberalen europäischen Gesellschaft und der tief religiösen und restriktiven ihrer Familien – ist diese Operation oft ihr letzter Ausweg.

Mehr zum Thema Jungfräulichkeit

Lesen Sie mehr zum Thema Religion & Jungfräulichkeit in der neuen Ausgabe von Modern Freethinker – Magazine of the Indian Rationalist Association.

Modern Freethinker kommt zwölfmal im Jahr heraus. Wenn Sie Interesse an einem Abonnement haben, senden Sie bitte eine E-mail mit Ihrer vollständigen Adresse an MF@indianrationalist.org.

Sprechen Sie polnisch?

Wir freuen uns ankündigen zu können, daß das Rationalist International Bulletin von dieser Ausgabe an auch auf Polnisch erhältlich sein wird. Es wird von Małgorzata Koraszewska übersetzt, einem aktiven Mitglied der polnischen Rationalisten-Assoziation. Wenn Sie oder Ihre Freunde die polnische Ausgabe regelmäßig zugeschickt haben möchten, schicken Sie eine Mail an Polski_Rationalist-subscribe@yahoogroups.com.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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