RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin Nr. 178 (27. September 2008)

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IN DIESER AUSGABE

Richard Dawkins Website von Gericht in der Türkei gesperrt

Prof. Richard Dawkins
Prof. Richard Dawkins

Falls Sie in der Türkei sind und versuchen, Richard Dawkins Website www.richarddawkins.net zu besuchen, werden Sie gegenwärtig nichts anderes als den Hinweis finden: „Der Zugang zu dieser Website wurde auf gerichtliche Anordnung gesperrt.“ Istanbuls zweiter „Kriminalgerichtshof des Friedens“ gab Order an die türkische Telekom, die außerordentlich populäre Site zu blockieren. Damit entsprach er der Beschwerde von Adnan Oktar alias Harun Yahya, der behauptete, die Site enthalte beleidigende Bemerkungen über ihn und sein Arbeit.

Harun Yahya ist ein messianischer Streiter für eine islamische Version von Kreationismus, der versucht, Darwins Theorie der Evolution als größten Betrug in der Geschichte der Wissenschaft zu „entlarven“. Dieser unermüdliche Eiferer gegen die Wissenschaft verfügt über enorme Geldmittel aus unbekannten Quellen. Er versucht, seine zahlreichen Bücher, Artikel und Filme gegen die Evolution in verschiedenen Sprachen über das Internet zu verbreiten. 2006 produzierte er ein gewichtiges Hochglanz-Opus von 800 Seiten mit dem Namen Atlas der Schöpfung und versandte 10.000 Exemplare davon an Wissenschaftler, Journalisten, Medien und Schulen in ganz Europa. Einer der Empfänger war Prof. Richard Dawkins. Der prominente Evolutionsspezialist beschrieb das Buch auf seiner Website als „grotesk“ und bemerkte, es gelänge ihm nicht, „den Wert der aufwendigen und glänzenden Produktion dieses Buches mit der atemberaubenden Dummheit seines Inhaltes in Einklang zu bringen“ (Richard Dawkins, Venomous-Snakes-Slippery-Eels-and-Harun-Yahya). Oktar verklagte den Oxford-Professor auf Schadensersatz fuer seelischen Schmerz in Höhe von 8000 YTL (etwa 4000 Euro).

Früher hatte Adnan Oktar bereits vergeblich versucht, die türkische Ausgabe von Richard Dawkins beühmtem Buch The God Delusion [deutsch: Der Gotteswahn] verbieten zu lassen. Der türkische Verleger wurde angeklagt und freigesprochen. Oktars Behauptung, das Buch sei blasphemisch, wurde vom Gericht zurückgewiesen. Das Buch wurde ein Bestseller in der Türkei. Dawkins Buch The Ancestor’s Tale [deutsch: Geschichte vom Ursprung des Lebens] – entstanden vor dem Gotteswahn, aber in der Türkei erst danach veröffentlicht - war bereits am Tage seines Erscheinens restlos ausverkauft.

Richard Dawkins: Geschichte vom Ursprung des Lebens - auf türkish
Richard Dawkins: Geschichte vom Ursprung des Lebens auf türkish

Nachdem in der Türkei im Mai 2008 ein neues Internet-Gesetz eingeführt wurde, greift Zensur im Internet ungezügelt um sich. Seither wurden bereits mehr als 850 Websites blockiert. Websites können aus verschiedensten Gründen verboten werden: wenn ihr Inhalt als schädlich für Kinder, als drogen-, glücksspiel-, prostitutions- oder selbstmordfördernd erachtet wird, oder wenn er als politische Unterstützung der Kurden oder als Beleidigung von Kamal Atatürk, dem Gründer der Türkei betrachtet wird. Die Video-verbreitende Site YouTube zum Beispiel ist in der Türkei seit vier Monaten verboten, da sie angeblich Videos enthält, die das Andenken an Atatürk beleidigen. Für Adnan Oktar und seine Verbündeten ist das neue Zensurgesetz ein „Geschenk des Himmels“. Bevor sie Richard Dawkins Website sperren ließen, gelang es ihnen bereits, Google Groups und WordPress.com mit der Behauptung lahmzulegen, einige Gruppen beziehungsweise Blogs auf diesen Sites enthielten beanstandbares Material.

Oktar führt gegenwärtig ein Berufungsverfahren gegen seine Verurteilung zu drei Jahren Gefängnis wegen Gründung einer illegalen Organisation zum Zwecke persönlicher Bereicherung.

Die Steinigung der Soraya M.

Filmregisseur Cyrus Nowrasteh / Bilder aus dem Film
Filmregisseur Cyrus Nowrasteh / Bilder aus dem Film

Auf dem Internationalen Filmfestival in Toronto wurde in diesem September der auf einer wahren Geschichte beruhende Film „The Stoning of Soraya M“ von Regisseur Cyrus Nowrasteh vorgestellt. Er konfrontierte die Zuschauer mit allen grausamen und schockierenden Einzelheiten eines barbarischen Rituals, das im Iran heute immer noch stattfindet.

Offiziell gibt es im Iran keine Steinigungen mehr, nachdem Justizchef Ayatollah Mohmoud Hashemi-Shahroudi 2002 auf Druck internationalen Protestes ein Moratorium gegen Steinigungen anordnete. Trotzdem wurden seither jedoch mehrere Menschen zu Tode gesteinigt. Im Juli 2007 löste der Fall von Jafar Kiani, zu Tode gesteinigt in Qazvin (Nordost-Iran), internationale Empörung aus. Im Mai 2006 wurden Abbas H and Mahbubeh A Mashhad (Nordost-Iran) durch Steinigung hingerichtet. Im Jahr 2007 bestätigte der Islamische Oberste Gerichtshof von Iran mehrere Todesurteile durch Steinigung. Im Januar 2008 forderte Amnesty International den Iran auf, Hinrichtungen durch Steinigung abzuschaffen. Zu diesem Zeitpunkt warteten mindestens neun Menschen, verurteilt zum Tod durch Steinigung, auf ihre Hinrichtung. In den nächsten Monaten forderte eine starke Protestbewegung im Iran und im Ausland, diese Todesurteile zu ändern – aber es ist nicht klar, ob die Opfer tatsächlich gerettet sind. Inzwischen berichten der Nationale Iranische Widerstandsrat (NCRI) und iranische Menschenrechtsorganisationen von zwei neuen zum Tod durch Steinigung Verurteilten: Gilan Mohammadi, eine 30jährige Frau, und Gholamali Eskandari, ein Mann aus Afghanistan, sehen im Gefängnis von Isfahan im Mitteliran ihrer Hinrichtung entgegen.

"Die Steinigung der Soraya M." ereignete sich vor etwa zwanzig Jahren und wurde 1990 von dem französisch-iranischen Journalisten Freidoune Sahejan in seinem gleichnamigen Buch beschrieben. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, Mutter von neun Kindern, die von ihrem Mann Ali verleumderisch des Ehebruches angeklagt wird, da er sie loswerden und ein sehr junges Mädchen heiraten will, das ihm angeboten wurde. Plötzlich ist die unschuldige und hilflose Soraya aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen, ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt. Gezeichnet wie ein Opfertier, ist sie dazu bestimmt, das Objekt eines mörderischen und blutrünstigen Rituals zu werden, das die verschworene Männergemeinschaft des Dorfes in der Zerstörung des Bösen vereinigt, das sie nun zu verkörpern scheint.

Der Film rollt langsam von Detail zu Detail: die Steine werden gesammelt – nicht zu große, denn sie sollen nicht zu schnell töten, ihr Körper wird rituell gewaschen, in weißes Leintuch gehüllt und auf einer Bare zum Steinigungort getragen, ihre Hände auf dem Rücken gefesselt. Dort wird sie bis an die Achseln eingegraben – und das markabre Ritual nimmt seinen Lauf. Ihre beiden Söhne werden gezwungen, sie zu verleugnen und beim Steinewerfen mitzumachen.

Der Film wurde von Leuten gemacht, die ihre persönlichen Erfahrungen mit der Angst vor dem Fundamentalismus an der Macht haben. Regisseur Cyrus Nowrasteh ist Amerikaner iranischer Herkunft; seine Familie mußte den Iran nach der Revolution fliehen. Als die Hauptdarstellering Shohreh Aghdashloo, ebenfalls irangebürtige Amerikanerin, einmal zu einem Reporter in den USA über Folteropfer im Iran sprach, nahm die iranische Polizei zu Hause ihren Bruder fest und hielt ihn für ein Jahr im Gefängnis.

Indische „Godmen“ unter der Lupe: Asaram Bapu

Asaram Bapu
Asaram Bapu

Ein fünfjähriger Junge wurde tot – seinen Kopf in einem Eimer mit Wasser – in der Toilette einer Ashram-Schule gefunden, die von dem „Godman“ Asaram Bapu in Chhindwara, Madhya Pradesh, geführt wird. Nur drei Tage zuvor war ein weiterer Junge unter ähnlichen Umständen gestorben. Und Anfang Juli wurden in einem ausgetrockneten Flußbett die Leichen von einem 9- und einem 10-jährigen Jungen gefunden, beide Schüler einer in Ahmedabad, Gujarat, von demselben „Godman“ geführten Schule. Bei einer der Leichen fehlten Leber und Brustbein, die andere hatte keine Ohren mehr – ein Umstand, der daraufhinzudeuten schien, daß es sich um ein Menschenopfer handeln könnte. Als die Polizei versuchte, die Fälle zu vertuschen, und als die Unterstützer des Godman ihn mit gewalttätiger Agitation zu „verteidigten“ suchten und Journalisten angriffen, die die Angelegenheit untersuchen wollten, brach in der Nachbarschaft der Ashrams wütender Aufruhr aus.

Asaram Bapu, 68, ehemaliger Fahrradshop-Arbeiter, ist einer der reichsten und mächtigsten indischen „Godmen“. Mit mehr als 100 Ashrams im ganzen Land und 1200 Gebetszentren rund um die Welt, zählt er etwa 20 Millionen Anhänger, und sein Empire wird auf einen Wert von einer halben Milliarde Rupien (mehr als 180 Millionen Dollar) geschätzt. Er regiert mit Terror und Gewalt. Seine Gläubigen haben Angst und werden zu absoluter Unterwerfung geprügelt. Er vergleicht sich selbst mit Shiva, dem Hindu-Gott der Zerstörung, und droht, jeden mit seinem Fluch zu vernichten, der ihn zur Rechenschaft zieht oder kritisiert. In seinem Buch Gurubhakti befiehlt er seinen Anhängern, Gewalt gegen seine Kritiker anzuwenden, ihnen sogar die Zungen herauszuschneiden!

Inzwischen behauptet die Polizei, die Morde im Ashram von Chhindwara seien von einem 14-jährigen Schüler verübt worden, aber Skeptik bleibt. In Ahmedabad ging Praful Varghese, der Vater eines der beiden toten Jungen, in Hungerstreik, um eine unabhängige Untersuchung zu erzwingen. Der Ministerpräsident hat eine versprochen - aber bis jetzt gibt es keine Ergebnisse.

Was auch immer die Untersuchungen als Ursachen hinter der neuen Kette schockierender Morde in seinen Ashrams herausfinden oder nicht herausfinden werden – sie haben eine Welle öffentlichen Zornes gegen Asaram Bapu ausgelöst. Die Leute sind nicht länger bereit, ihre Augen vor den Verbrechen „heiliger Männer“ zu verschließsen. „In diesem Land entwickelt sich gegenwärtig ein neues Bewußtsein, und ich bin sehr, sehr froh darüber. Das ist der Grund, warum mehr und mehr „Godmen“ entlarvt werden, kommentierte Sanal Edamaruku in einem Interview mit CNN IBN.

Sehen Sie zwei Features in CNN IBN:

1. Framed or foul play - Asaram followers left wonderung (Nilanjana Bose, CNN IBN) 2. Godmen under increasing scrutiny (Samkhya Edamaruku, CNN IBN)

Im Andenken an Joseph Edamaruku

Joseph Edamaruku (1934 - 2006)
Joseph Edamaruku (1934 - 2006)

Das Rationalist Centre in Neu Delhi lud seine Freunde ein, den Geburtstag des verstorbenen Joseph Edamaruku zu feiern. Joseph Edamaruku war ein berühmter Rationalist, vielseitiger Gelehrter und Autor, ehemaliger Präsident der Indian Rationalist Association und Ehrenmitglied der Rationalist International. Den Gedenkvortrag hielt Paul Kurtz, Professor Emeritus der Philosophie an der Staatsuniversität New York in Buffalo, Vorsitzender des Center for Inquiry - Transnational und Ehrenmitglied der Rationalist International. Prof. Kurtz sprach zum Thema „Wssenschaftliche Grundeinstellung und Säkularismus: Kursnehmen auf eine neue planetarische Ethik“ ("The Scientific Temper and Secularism: Towards a New Planetary Ethics".

Im Rationalist Centre in Neu Delhi: Prof. Paul Kurtz sprichjt im Andenken an Joseph Edamaruku (von links: Innaiah Narisetti, Prof. Paul Kurtz, Sanal Edamaruku, V S Kumaran)
Während der International Rationalist Conferenz 2000 in Trivandrum: Joseph Edamaruku (Mitte) überreicht den International Rationalist Award an Prof. Paul Kurtz (links: Sanal Edamaruku)

Prof. Paul Kurtz ist seit vielen Jahren ein Freund der Indian Rationalist Association (IRA). 2000 eröffnete er die Feier zum fünfzigjährigen Bestehen der IRA während der Internationalen Rationalistenkonferenz in Trivandrum, Kerala. Er würdigte die wertvollen Beiträge der IRA zur Erklärung und Entlarvung angeblich übernatürlicher Vorgänge und Kräfte, nicht nur in Indien, sondern – durch häufige Berichte in US-Medien über die Arbeit der IRA - auch in Amerika („In Praise of Rationalism"). Prof. Kurtz wurde mit dem Internationalen Rationalistenpreis 2000 ausgezeichnet, der ihm während der Konferenz in Trivandrum von Joseph Edamaruku, damals Präsident der IRA, überreicht wurde.

Henry Morgentaler mit dem Orden von Kanada ausgezeichnet

Dr. Henry Morgentaler
Dr. Henry Morgentaler

Dr. Henry Morgentale rwurde mit dem Orden von Kanada ausgezeichnet, der höchsten Ehrung des Landes. Ein Überlebender der Konzentrationslager in Auschwitz und Dachau, widmete Morgentaler sein ganzes Leben einem langen und harten Kampf für die Legalisierung der Abtreibung in Kanada – die 1998 erreicht wurde, als der Höchste Gerichtshof das Abtreibungsgesetz, der Berufung Morgentalers stattgebend, aus Menschenrechtsgründen abschaffte. Dr. Morgentaler, der dem Gesetz mutig den Kampf angesagt und mehr als 35 Jahre lang Abtreibungen durchgeführt hatte, um Frauen in Kanda einen würdigen, sicheren und schmerzfreien Weg zum Abbruch unerwünschter Schwangerschaften zu bieten, mußte für seine Überzeugungen große persönliche Opfer bringen. Er erlitt Verfolgungen durch religiöse Fanatiker und mußte zehn Monate im Gefängnis verbringen, obwohl schließlich alle gegen ihn angestrengten Gerichtsverfahren mit Freispruch endeten. Seine Auszeichnung löste im Lager der Abtreibungsgegner einen Feuersturm von Ärger aus.

Die Verleihung des Ordens von Kanada an Dr. Morgentaler erfolgte in Anerkennung seiner Entschlossenheit, in Kanada die öffentliche Abtreibungspolitik zu verändern, und seiner führenden Rolle in humanistischen und Bürgerrechts-Organisationen. Dr. Morgentaler ist Ehrenmitglied der Rationalist International.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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