RATIONALIST INTERNATIONAL

Bulletin (10. März 2010)

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IN DIESER AUSGABE

Indien: Halbmond über Hyderabad

Gewalttätige Protesten führen zum Arrest von drei Rationalisten in der Kontroverse um ein Buch mit Rushdie- und Taslima-Texten

Matcha Laxmaiah, Dichter, Rationalist und Bürgerrechts-Aktivist im indischen Staat Andhra Pradesh (AP), bekannt unter dem Pseudonym ‘Kratikar’, wurde in der letzten Februarwoche festgenommen. Er ist Herausgeber und Verleger des Buches ‘Halbmond über der Welt – Segen oder stiller Holocaust’. Dieses Buch, das angeblich die Gefühle von Muslimen verletzt, enthält Texte von Salman Rushdie, Taslima Nasreen, Aayan Hirshi Ali, Ibn Warrack und anderen kritischen Islam-Spezialisten. Nach Krantikars Arrest in der Stadt Khammam nahm die Polizei auch noch Dr N. Innaiah aus Hyderabad, Vorsitzender des indischen Zweiges des Center for Inquiry, und Mr. Subba Rao fest. Die Namen der beiden waren im Buch als Vertreiber angegeben. Dr Innaiah, der früher seinerseits Bücher einiger der betreffenden Autoren in die lokale Sprache Telugu übersetzt und veröffentlicht hatte, wies auf einer Pressekonferenz jede Verbindung zu Krantikars Buch zurück, als er am 4. März gegen Kaution freigelassen wurde.

Krantikar leistete keine Kaution und sitzt weiterhin im Gefängnis. Anklageschriften gegen ihn und die beiden angeblichen Vertreiber wurden für den 11. März 2010 angekündigt.

Inzwischen hat die Polizei in Khammam einige tausend Exemplare des zweibändigen Buches an verschiedenen Orten beschlagnahmt. Der Polizeikommissar kündigte an, man werde versuchen, auch der bereits in andere Distrikte versandten Exemplare habhaft zu werden.

Die Arreste folgten massiven und gewalttätigen Protesten von Fundamentalisten in Khammam und in Hyderabad . Angeblich enthält das Buch Auszüge aus Rushdies ‘Satanischen Versen’ und Taslima Nasreens ‘Lajja’ sowie enige der umstrittenen dänischen ‘Mohammed-Karikaturen’. Die ‘Satanischen Verse’ sind in Indien verboten; Lajja ist es nicht (obwohl das in diesem Zusammenhang fälschlich behauptet wird). Der Streit um das Buch wurde von der fundamentalistischen All India Majlis-e-Ittehadul Muslimeen (AIMIM, 'Rat der Vereinten Muslime') im Parlament von AP auf den Tisch gebracht. Ministerpräsident K. Rosaiah (Kongresspartei) beugte sich – mit Blick auf die muslimische Wählerschaft – bereitwillig ihren Forderungen und gab grünes Licht für “harte Maßnahmen”. Obwohl im nationalen Maßstab eine recht kleine Partei, besitzt die radikale AIMIM in Hyderabad beachtliche Macht. Grundlage des einzelnen Sitzes, den sie seit 25 Jahren im Indischen Parlament innehält, ist ihre Hochburg im Charminar-Bezirk der muslimischen Altstadt von Hyderabad. Dort hat sie mit rund 75 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit hinter sich.

Die AIMIM hat Hyderabad in den letzten Jahren zu einem gefährlichen Ort gemacht. Im August 2007 führten drei Parlamentsabgeordnete der AIMIM einen physischen Angriff auf Taslima Nasreen an. Ein Mob attackierte sie während einer von Dr. Innaiah organisierten Buchvorstellung im Presseklub von Hyderabad mit Bouquets, Blumentöpfen und Stühlen.

Um neue Gewaltausbrüche zu verhindern, hielt sich die Polizei in Hyderabad und Khammam in Alarmbereitschaft und stellte zusätzliche Einsatztruppen in Hyderabads Altstadt bereit, wo Imame und Kleriker Krantikar und seine Unterstützer in ihren Freitags-Sermonen verurteilten.

Türkei: Lebend begraben zu Ehren ihrer Familie

Medine Memi war 16 Jahre alt, als ein Familienrat sie im November 2009 zum Tode verurteilte. Sie gruben ein zwei Meter tiefes Loch unter dem Hühnerstall an ihrem Haus und zwangen Medine, ihre Hände auf dem Rücken zusammengebunden, sich hineinzusetzen. Dann begruben sie sie bei lebendigem Leib. Sie warfen einen Spaten voll Erde nach dem anderen auf sie hinunter, bis sie vollständig bedeckt und das Loch gefüllt war. Medine war nicht betäubt und stand nicht unter Drogen; sie starb bei vollem Bewußtsein. Sie versuchte zu schreien und rang nach Luft. Erde füllte ihren Mund, geriet in ihre Luftröhre, in ihre Speiseröhre, in ihre Lungen und in ihren Magen. Sie starb einen langsamen und grausamen Tod.

Da ist nichts mehr, was an Medines kurzes Leben erinnerte. Nicht einmal ein Foto von ihr scheint zu existieren. Es ist als hätte sie nie gelebt. Eines von zehn Kindern in der Familie, war sie in Kahata in der Adiyaman-Provinz im Südosten der Türkei geboren und hat diesen Ort niemals verlassen. Sie durfte nicht in die Schule gehen. Ihr Vater und ihr Großvater pflegten sie brutal zu verprügeln, wenn sie den Verdacht hatten, daß sie mit Dorfjungen ihres Alters gesprochen hätte. Während ihrer letzten Monate fürchtete Medine um ihr Leben. Sie suchte Hilfe in der Polizeistation, versuchte eine Beschwerde gegen Vater und Großvater einzureichen, flehte um Hilfe und Asyl. Aber sie wurde gezwungen, zu ihren Peinigern zurückzukehren. Dies wiederholte sich dreimal; danach wurde sie nie wieder gesehen. Im Dezember wurde ein Nachbar mißtrauisch. Die Behörden öffneten den frisch zementierten Platz unter dem Hühnerstall und fanden Medines Leiche. Sie nahmen Vater und Großvater fest, doch klagten sie zunächst nicht an.

Der grausame Mord an Medine ist kein Einzelfall. ‘Ehrenmorde’ haben in der Türkei Rekordhöhen erreicht. Offizielle Regierungsangaben bestätigen mehr als 200 Fälle im Jahr – das ist die Hälfte aller im Lande begangenen Morde. Die Schätzungen von Menschenrechtsgruppen liegen weit höher. Die Ermittlungen sind in der Regel schwierig; viele dieser Morde bleiben Familiengeheimnisse. Im kurdisch-dominierten Südosten der Türkei, der Region um Medines Heimatprovinz Adiyaman, ist die Konzentration der ‘Ehrenmorde’ am höchsten. Vor vielen Jahrzehnten war Adiyaman eine Hochburg der islamisch-fundamentalistischen Naksibendi-Sekte gewesen, die 1925 von Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, verboten wurde, in den letzten Jahren jedoch neuen Grund gewonnen zu haben scheint.

Seit der Reform des türkischen Strafrechtes im Jahre 2005 sind lebenslange Freiheitsstrafen ‘Ehrenmörder’ gesetzlich vorgeschrieben. Vorher entkamen sie oft mit geringen Strafen – wenn nicht gar ganz ohne – wenn sie “Provokation” vorschützten. Selbst heute ziehen viele ‘Ehrenmörder’ Vorteile aus laxen Ermittlungen und der Nachsicht der Behörden, denn viele Polizeibeamte, Staatsanwälte und sogar Richter teilen ihre Ansichten. Selbst im Gefängnis pflegen sie hohes Ansehen und Privilegien zu genießen. Es ist eine gängige Strategie vieler Familienräte, den Mord durch das jüngste männliche Mitglied ausführen zu lassen, um die Vorteile des Jugenstrafrechtes zu nutzen. Die neuen Bestrebungen der Regierung, härtere gesetzliche Maßnahmen zu treffen, haben noch eine andere überraschende Wende gebracht: während die Zahl der ‘Ehrenmorde’ zu sinken scheint, läßt sich eine Welle von ‘Ehren-Selbstmorden’ beobachten: Um rechtlicher Verfolgung zu entkommen, zwingen Familien ihre Opfer, sich selbst zu toeten. Nach UN-Schätzungen gibt es in jedem Jahr mehr als 5000 solcher Fälle. Aber das ist möglicherweise nur die Spitze des Eisberges. Die meisten Fälle scheinen einen fundamentalistisch-islamischen Hintergrund zu haben, doch ähnlich barbarische Traditionen sind auch unter Hindus, Sikhs und Christen aktiv, letzteres zum Beispiel in Sizilien.

Italien: Im Konjunktur-Tief lebt die Astrologie am besten

Während Italien verzweifelt versucht, die größte Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg in den Griff zu bekommen, zeigt eine neue Untersuchung des Europäischen Verbraucher-Verbandes, daß sich jetzt immer mehr Italiener auf Astrologen und Wahrsager verlassen, wenn’s um die Finanzen geht, und nicht auf Bankfachleute. Mit zunehmender Arbeitslosigkeit und wachsender Sorge um die Staatswirtschaft hat das Jahresbudget für Wunder und magische Lösungen die Sechs-Milliarden-Euro-Grenze überschritten, sagt die Studie, die in Zusammenarbeit mit Telefono Antiplagio entstand, einer nicht-komerzionellen Hilfsorganisation, die Berichte von Betrugsopfern sammelt.

Das Geschäft blüht fuer geschätzte 20,000 Magier und Wundertuer im Lande, die ihren Lebensunterhalt mit der weitverbreiteten Leicht- und Abergläubigkeit ihrer Mitbürger bestreiten. Nach der Studie geben jeden Tag mehr als 30,000 Italiener – 53 Prozent davon Frauen – Geld für okkulte Leistungen aus. Die Preise staffeln sich dabei von den üblichen rund 50 Euros bis 600 Euros und mehr. Der arme und unterentwickelte Süden ist der abergläubischste Teil des Landes, aber die reichen Regionen im Norden und im Zentrum Italiens sind die großzügigsten Kunden okkulter Finanzberatung. Ganz oben auf der Liste steht mit 90 Millionen Euro im Jahr die Lombardei (einschließlich der italienischen Finanzmetropole Milano), dicht gefolgt von Lazio, der Gegend um Rom.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern


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