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Eine Welle von Aberglauben in Indien!
Indien ist in diesen Tagen Schauplatz einer Serie von Massen-"Wundern". Sie brechen - eines nach dem anderen - aus wie Seuchen und stürzen wechselnde Bevölkerungsgruppen in Wahnvorstellungen. Sanal Edamaruku führt die bisher größte rationalistische Gegenkampagne. Er schlägt die Köpfe der Hydra ab, sobald sie erscheinen. Kriegsschauplatz ist die indische Fernseh-Landschaft, insbesondere die zahlreichen hindi-sprachigen Sender*), über die die "Wunder" als Breaking News und Sondermeldungen aus dem ganzen Land hereinbrechen. Was geht da vor sich? Es begann am 18. August - in der Nacht nach dem Freitag - in Mahim in der Nähe von Mumbai (früher Bombay). Junge Muslime, die nach den Freitagsgebeten die Mahim Dargah besuchten, die Grabstätte eines islamischen Heiligen an der Küste, entdeckten, daß das Wasser in der Bucht süß geworden war. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und innerhalb von wenigen Stunden kamen Hunderte, bald Tausende von Leichtgläubigen, um Allahs großes Wunder zu sehen. Sie sprangen in das angeblich süße Seewasser und begannen, es zu trinken! Es entstand eine gefährliche Situation, denn die Bucht von Mahim gehört zu den verschmutztesten und verseuchtesten Gewässern Indiens. Täglich fließen 1000 Millionen Liter Abwasser hinein und machen das Wasser absolut ungenießbar. Aber die Leute schluckten es wie besessen und fütterten sogar kleine Babies damit. Noch in der Nacht, um 1.30 Uhr, startete Sanal Edamaruku eine non-stop Fernsehkampagne für Vernunft. Er warnte davor, das schmutzige Wasser zu trinken, forderte die Behörden auf, den Zugang zur Bucht zu kontrollieren, gab eine wissenschaftliche Erklärung für die Geschmacksveränderung (die jedes Jahr im Monsun zu beobachten ist). Gegen Samstagmittag schlug die Situation allmählich um. Gegen Abend waren die hysterischen Menschenmassen zu einer kleinen Gruppen von Fanatikern zusammengeschmolzen. Das "Wunder", das vermutlich für Tausende von Menschen gesundheitliche Langzeitschäden nach sich ziehen wird, war vorüber. Gleich am nächsten Tag jedoch feierten die Hindu-Tempel in Uttar Pradesh, Madhya Pradesh, Bihar und Delhi ihr eigenes Wunder. Die Statuen der Hindugottheiten tranken wieder Milch, wie sie es bereits im Jahre 1995 getan hatten! Als das neue Milchwunder sich anschickte, dem Druck von Sanal Edamarukus Erklärungen und Demonstrationen zu weichen, die er in nahezu allen größeren Fernsehsendern gab, schlug die Stunde der christlichen Wunderhuber: Die Jungfrau Maria vergoß Tränen in einer Kirche in Cochin, im südlichen Kerala. Bald erschien auch das Bildnis des hinduistischen Heiligen Shirdi Sai Baba (nicht identisch mit dem wuschelköpfigen "Godman"!) in den Wasserflecken, die eingesickerter Regen auf der Wand eines mehrstöckigen Hauses in Surat (Gujarat) hinterlassen hatte. Und in der vergangenen Nacht erblühte ein Olivenbaum in einem Kloster in Madhya Pradesh zur Unzeit und zwei junge Mädchen in Uttar Pradesh wuren von bösen Geistern besessen... Während der vergangenen Woche entmystifizierte Sanal Edamaruku - Tag und Nacht im Dauereinsatz - in mehr als vierzig Fernsehprogrammen Schlag auf Schlag die verschiedendsten, angeblich übernatürlichen Erscheinungen. Die meisten Programme wurden live gesendet, viele wurden mehrere Male wiederholt. Unter den Millionen von indischen Fernsehzuschauern dürfte es nur recht wenige geben, die seine Erklärungen, Vorführungen, Warnungen und seine Ermutigungen nicht gesehen haben, transzendentalen Versuchungen aller Art zu widerstehen. [Im englischen Original folgt die Ankündigung einer Diskussionssendung mit Sanal Edamaruku über die neue Wunderwelle in Indien, die am vergangenen Wochenende im Hindi-Sender NDTV India gezeigt wurde und an der auch zwei führende indische Astrologen und ein Wissenschaftler teilnahmen.] *) Hindi wird neben diversen Regionalsprachen in ganz Indien von der großen Mehrheit gesprochen, während Englisch die Sprache einer relativ kleinen städtischen Elite ist. Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern |
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