“Kopftuch war antikes Sex-Symbol”

Türkei: Historikerin vom Vorwurf freigesprochen, religiösen Ha? zu schüren

Freigesprochen: Muazzez Ilmiye Cig
Freigesprochen: Muazzez Ilmiye Cig

"Das Verfahren gegen mich wurde zum Werkzeug, die Stärke der säkularen Tradition gegen die Fundamentalisten in der Türkei zu demonstrieren. Leute wie mich wird dies ermutigen, mehr zu denken, mutiger zu handeln und ihren Widerspruch offener zum Ausdruck zu bringen", sagte Muazzez Ilmiye Cig, 92-jährige Historikerin, nachdem ein Gericht in Istanbul sie am 1. November nach einer halbstündigen Verhandlung vom Vorwurf freisprach, religiösen Ha? zu schüren.

Frau Cig, eine anerkannte Spezialistin für sumerische Kultur und Geschichte, war angeklagt worden, weil sie behauptete, da? das Kopftuch, wie es im Islam getragen wird, in vor-islamischen Zeiten ein Sexsymbol gewesen sei. Vor 5.000 Jahren, erklärte sie in einer wissenschaftlichen Schrift, war so ein Kopftuch das Erkennungszeichen für die Tempelpriesterin, die zur Feier der Fruchtbarkeit sexuelle Rituale mit jungen Männern ausübte. Daher sei es nicht sehr passend, heute die Moral einer Frau anzuzeigen, schlo? sie. Diese Darstellung provozierte Yusuf Akin, einen fanatischen islamischen Rechtsanwalt, ein Verfahren gegen sie und ihren Verleger Ismet Ogutcu anzustrengen. Im Falle einer Verurteilung hätten den beiden Gefängnisstrafen von bis zu 18 Monaten gedroht.

Muazzez Ilmiye Cig ist eine überzeugte Säkularistin in der Tradition Mustafa Kamal Ataturks, des Gründers der Türkischen Republik, und hat sich bereits zuvor gegen das Tragen von islamischen Kopftüchern ausgesprochen. In der Türkei sind Kopftücher in Schulen, Universitäten und allen staatlichen Einrichtungen verboten. Premierminister Erdogans Frau Ermine bleibt wegen ihres Kopftuches von offiziellen staatlichen Auftritten ausgeschlossen. Frau Cig kritisierte sie öffentlich dafür, da? sie ein schlechtes Vorbild gäbe und die moderne türkische Frau mißrepräsentiere.

Seit die gegenwärtige Regierung unter Premierminister Erdogan 2002 an die Macht kam, sind Säkularisten besorgt über den wachsenden Einflu? der Islamisten. Erdogan, ein frommer Muslim, versprach das Kopftuchverbot aufzuheben, scheiterte jedoch am harten Widerstand der säkularen Kräfte, die das Militär und andere Institutionen beherrschen. Er förderte auch religiöse Schulen und besetzte hohe Verwaltungsposten mit Islamisten. Es wird erwartet, da? er versuchen wird, zum nächsten Präsidenten gewählt zu werden. Die säkularen Kräfte wollen ihn aufhalten. Am 4. November marschierte eine Protestdemonstration mit 12.000 Teilnehmern durch die Hauptstadt Ankara mit dem Slogan: Die Türkei ist säkular und wird säkular bleiben! Sie endete vor dem Anitkabir, dem Mausoleum Ataturks.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern