Spanien: Das moralische Monopol der Römisch-katholischen Kirche wird gebrochen Wenn im September das neue Schuljahr beginnt, werden die Kinder in Spanien ein neues Unterrichtsfach haben, das die Römisch-Katholische Kirche auf die Barrikaden gehen läßt: säkularen Bürgerkunde-Unterricht. Die Erziehung in Bürgerkunde wird Ethik, Bürgerrechte und Menschenrechte beinhalten. Auf der Grundlage der Werte, denen die Verfassung von 1978 verpflichtet ist, soll sie Schüler an staatlichen Grund- und Aufbauschulen darauf vorbereiten, selbstbestimmte, verantwortliche und tolerante Bürger einer modernen pluralistischen Demokratie zu werden. Die Römisch-Katholische Kirche (RKK) hat das Fach als Bedrohung ihres moralischen Monopols identifiziert und einen wütenden Feldzug dagegen angetreten. Die Bischofskonferenz alarmierte katholische Eltern, daß der Bürgerkundeunterricht ihr verfassungsmäßiges Recht verletze, die „Moralausbildung" ihrer Kinder zu bestimmen, und daher mit allen legalen Mitteln bekämpft werden müsse. Der Erzbischof von Madrid drohte, das Spanische Verfassungsgericht anzurufen, damit es diesem „religionsverneinenden ethisch-moralischen Erziehungsprogramm" Einhalt gebiete. Aber die Regierung ließ sich nicht beeindrucken. „Kein religiöser Glaube kann sich dem Gesetz aufzwingen," sagte Premierminister José Luis Rodríguez Zapatero im Juli in einer Ansprache auf einem Jugendkongreß. „Spanien ist ein säkulares Land, und seine säkularen Prinzipien garantieren Pluralismus und Toleranz." Am explosivsten an dem neuen Erziehungsprogramm ist für die Bischöfe, daß es unter anderem Themen wie Geschlechter, Sexualität und Familie einschließt. Es ist eines seiner erklärten Ziele, Kinder zur Zurückweisung „bestehender Diskriminierung auf der Grundlage von Geschlecht, Herkunft, sozialer Unterschiede, gefuehlsbezogen-sexueller oder anderer, ganz gleich welcher Art" zu erziehen und zu „kritischer Bewertung sozialer und geschlechtsbezogener Arbeitsteilung und rassistischer, ausländerfeindlicher, sexistischer und homosexuellen-feindlicher sozialer Vorurteile" anzuregen. Die Bischöfe nennen das: „Kinder mit der sexuellen Ideologie und sozialen Agenda der Linken indoktrinieren" – oder kurz: „Sodom and Gomorrah! " Als die sozialistische Regierung im März 2004 ihr Amt antrat, veränderte sie – sehr zum Ärger der RKK – mit einer Serie neuer politischer Entscheidungen das soziale Klima in Spanien. Sie schlug bestehende Pläne für religiösen Pflichtunterricht in öffentlichen Schulen nieder, beschnitt die finanzielle Untestützung der Regierung für katholische Einrichtungen, lockerte das Scheidungs- und das Abtreibungsrecht und erkannte gleichgeschlechtliche Ehen an. Trotz des erzbischöflichen Aufschreis, Madrid sei „Sodom und Gomorrah" geworden, genoß Zapateros liberales soziales Modell breite Unterstützung in der Bevölkerung. In einer Umfrage des Zentrums für Soziologische Forschung in Madrid begrüßten z.B. im Juli mehr als zwei Drittel der Befragten die Gesetzgebung bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehen, obwohl sich 77 Prozent von ihnen als Katholiken bezeichneten (von denen allerdings nach eigenen Angaben nur 16 Prozent jede Woche zur Kirche gingen und 55 Prozent fast nie). Der Einfluss der RKK verblaßt in dem ehemals katholischsten Land Europas. Aber das Erziehungssystem ist noch eine ihrer Hochburgen: etwa ein Viertel der Kinder des Landes werden in katholischen Schulen erzogen, die rund die Hälfte ihrer Finanzen vom Staat beziehen, die andere von nicht-staatlichen Quellen. Aber sogar unter den Schülern und Eltern, die von der katholischen Vereinigung Privater Erziehungseinrichtungen in Madrid repräsentiert werden, haben 94 Prozent keinerlei Bedenken gegen den neuen Bürgerkundeunterricht. Tatseachlich droht der wütende Widerstand der katholischen Bischöfe gegen die Lehrpläne nach hinten zu feuern. Die Regierung scheint nur darauf zu warten, daß die Zeit reif wird, die RKK in ihre Schranken zu weisen. Der Mann, der hinter dem neuen Bürgerkunde-Programm steht, ist Gregorio Peces-Barba Martínez, Professor der Rechtsphilosophie an der Universität von Madrid und einer der Väter der Verfassung von 1978. In einem Artikel in der spanischen Tageszeitung El Pais warnt er die lautstarken Bischöfe, „nicht zu fest am Strick zu reißen." Er kritisiert sie für ihre „extreme Arroganz, ihre Unverfrorenheit und ihr unerträgliches Gefühl der Überlegenheit, abgeleitet aus der vermeintlichen Tatsache, daß sie `höhere Wahrheiten` verabreichen." Und er klagt sie an, sich „den legitimen Autoritäten entgegenzustellen: der Verfassung und dem Gesetz, und zu versuchen, ihre Kriterien über das Gemeinwohl zu stellen und über die Souveränität des Volkes, die im Parlament wohnt." Er macht sie verantwortlich für „Agitation, die den Frieden gefärdet." Wenn die RKK nicht in der Lage sei, sich an das neue soziale Klima zu gewöhnen, „wird es in der nächsten Legislatur nötig werden, sich mit den Handlungen und der Situation der Kirche auseinanderzusetzen und einen neuen Status für sie einzurichten, der sie in ihre Schranken weist und die Selbstbestimmung und Autonomie der zivilen Autorität respektiert." Den Ausführungen Prof. Peces-Barbas wird aufgrund seines Einflusses in der spanischen Regierung große Bedeutung beigemessen. Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern |