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Indien: Stoppt den “Yoga-Evangelisten" Swami Ramdev

Sanal Edamaruku Swami Ramdev
Sanal Edamaruku Swami Ramdev

Swami Ramdev erwartet in diesem Jahr Einnahmen in Höhe von 40 Millionen Dollar. Indiens antike, vorwissenschaftliche Vorstellung von Gesundheitsfürsorge und Heilung zu verkaufen – meu verpackt und aufgemotzt als ganz speziellen Markenartikel – ist ein gutes Geschäft. Dank seinem rückhaltlosen Marketing gelten Pranayama (traditionelles Training in Atemkontrolle) und Ayurveda als große Hits in Indiens ständig wachsender und prospernder Mittelschicht. Seine tägliche Frühmorgenschau im Fernsehen soll 20 Millionen Zuschauer haben. Seine 500 Krankenhäuser im Lande verzeichnen angeblich täglich 30.000 Patienten. Sein neues Headquarter in der “heiligen Stadt” Haridwar könnte bald das weltgrößte Zentrum für Yoga und Ayurveda sein.

Swami Ramdevs Atemübungen als solche mögen ebenso harm- wie nutzlos sein. Aber sie kommen mit der phantastischen Behauptung, Krankheiten aller Art zu kurieren, einschließlich Krebs und HIV/Aids. Sein Marken-Yoga, so geht das pseudomedizinische Argument, steigert den CD4-Count. Solch haltlose und unverantwortliche Behauptungen, die eine riesige Anzahl von Patienten, die medizinischer Behandlung bedürfen, in falscher Sicherheit wiegen, machen Swami Ramdevs Yoga-Mission zu einem verhängnisvollen Unternehmen.

“Swami Ramdev ist ein gefährlicher Mann”, sagte Sanal Edamaruku in einer Presseerklärung. “Es ist höchste Zeit, daß die Behörden seinen Aktivitäten einen Riegel vorschieben. Solche Absurditäten zu verbreiten verstößt gegen das Gesetz. Der Magic Remedies Act von 1954 (Gesetz, das die Anpreisung magischer Drogen und Heilmittel unter Strafe stellt) wurde eingeführt, um Leute wie Baba Ramdev daran zu hindern, ihre gefährlichen Vorstellungen über die Heilung von Krebs und anderen tödlichen Krankheiten zu verbreiten. Aber die Politiker haben Angst vor ihm und vor der Gegenreaktion, die seine rechtliche Verfolgung entfesseln könnte.”

Der folgende Artikel mit Zitaten von Sanal Edamaruku erschien im Guardian.

Fernseh-Swami bietet Heilung aller Übel an

Yoga-Evangelist hält Millionen in Abhängigkeit,
aber Kritiker behaupten, die Gläubigen werden betrogen

Randeep Ramesh
The Guardian, Samstag, 14. Juli 2008

Um fünf Uhr morgens hinter den Shivalik-Hügeln [Shivaling: heiliges Phallussymbol der Hindus] sitzt Swami Ramdev mit gekreuzten Beinen und in safrangelbe Roben gewicket und kommandiert die hingebungsvolle Aufmerksamkeit von 500 Anhängern seiner Marke von Yoga. Die Menge besteht größtenteils aus Indern der Mittelklasse, viele leiden unter chronischen Beschwerden, für die die traditionelle Medizin wenig mehr als Trost zu bieten scheint.

Jeder “Patient” hat zwischen 7,000 und 40,000 Rupien (etwa 114 bis 630 Euro) bezahlt, um unter den ersten zu sein, die eine Woche im neuesten Unternehmen des Swami zubringen: ein Dorf mit 300 Bungalows, das spirituellen Rückzug im Schatten von Eukalyptusbäumen bietet. Swami Ramdevs Lockangebot ist, daß Pranayama, die altindische Kunst der Atemkontrolle, angeblich ein erstaunliches Spektrum von Krankheiten kurieren kann. "Asthma, Arthritis, Sichelzellen-Anämie, Nierenprobleme, Schilddrüsen-Erkrankungen, Hepatitis und Bandscheibenschäden. Und es entblockt auch jeden Eileiter”, erzählt er seinen Zuhörern im Yoga-Dorf, die Schlange stehen, um ihr Blut testen zu lassen und heilende Kräuter in Empfang zu nehmen.

Obwohl Indien eine lange Tradition mystischer Gurus hat, stellt Swami Ramdev ein neues Phänomen dar: den Fernseh-Yoga-Evangelisten. Fast seine gesamte Gemeinde wurde durch Programme im Sender Aasta zusammengetrommelt. Jeden Morgen erscheint der Swami im Fernsehen mit seinem Gebetssingsang und erklärt, daß Krankheiten, körperliche wie seelische, mit etwas behandelt werden können, das offensichtlich nicht viel mehr ist als scharfes Einatmen und schmerzhaft aussehende Körperverrenkungen. Mehr als 20 Millionen schalten das Programm allein in Indien jeden Tag ein. Der Fernsehguru, der als Baba Ramdev bekannt ist, ist rund um die Welt zu haben, einschließlich Großbritanien. Gerade hat er auf einer Yoga-Kreuzfahrt von Indien nach China gelehrt, die – obwohl von einige großen Firmen gesponsort – immer noch £1,000 (etwa 1260 Euro) pro Ticket von seinen Anhängern verlangt. Im vergangenen Jahr trat er in Westminster auf, um britischen Politikern die Chance zu geben, seine yogische Weisheit zu kosten.

Ludy Mantri, eine Hausfrau von Mauritius, hat 40.000 Rupien bezahlt und ist 4,000 Meilen gereist, um “ihren Swami” im Yoga-Dorf bei Haridwar zu sehen. Sie hofft, er kann ihr helfen, ein Heilmittel gegen Diabetes zu finden.

"Seit 23 Jahren habe ich jeden Tag Medikamente genommen. Das Singen von Om hat eine erstaunliche Wirkung und Ramdevs Worte geben einem den ganzen Tag hindurch Energie.”

In eine nordindische Bauernfamilie hineingeboren, hat er sich einen Hang zum Einfachen erhalten, macht derbe Späße in schlichtem Hindi. Der Guru kombiniert dies mit einer sanften Umgangsart und einem ausgesprochenen Talent für Public Relations. Er verkauft sich selbst als Ein-Personen-Gesundheitsdienst. Er sagt, er nehme nur von den Reichen Geld, die Armen bekämen seine Medizin umsonst. Er hat 500 Krankenhäuser in Indien, die mehr als 30.000 Menschen dienen.

Es ist nicht erstaunlich, daß viele Vertreter der indischen Elite – darunter Richter, Minister und Bollywood-Stars – seine Camps besucht haben. Er ist so beliebt, daß die indische Armee seine Techniken in ihr Training aufnahm, mit der Behauptung, sie verwandelten sie in eine “tödlichere Kampftruppe”.

Oft spricht Ramdev weniger von Spiritualismus und mehr von der Notwendigkeit, sein Land durch Yoga zu entwickeln. Er portraitiert sich gerne als indischen Nationalisten. Er greift die Multinationals dafür an, daß sie Profite aus Indien herauszuziehen suchen. Er sagt, Coke and Pepsi seien nur gut zum Kloputzen.

In einem Land, in dem Entsagung als eine beinahe göttliche Tugend gesehen wird, verkündet Ramdev, daß er Sex lange aufgegeben hat – denn es “ist nicht Liebe”. Welche Verehrung er weckt, konnte man im Jahre 2006 sehen, als indische Kommunisten den Guru anklagten, menschliche Knochen und Bestandteile von Tieren in den ayurvedischen Produkten zu verwenden, die in seiner Pharmazie hergestellt werden. Seine Anhänger randalierten und griffen den Hauptsitz der Partei an. Die Kommunistische Partei beugte sich, als sie sah, wo die Sympathien lagen. In einem Interview mit dem Guardien sagte Ramdev, das Problem mit den Kommunisten sei, daß sie “keinen Glauben in die Spiritualität besitzen und philosophisch gegen Religion sind. Meine Heilmittel sind sauber, aber die Kommunisten haben eine Agenda.”

Es gibt wenig Kontroversen um seine grundsätzlichen Behauptungen. 30 Minuten am Tag seinen Yoga-Lehren zu folgen, zusammen mit einer vegetarischen Diät aus roher oder leicht gekochter Nahrung und ohne Alkohol und Tabak, sagt er, reinige verstopfte Arterien, verringere den Blutzucker und senke den Blutdruck.

Derselbe Swami jedoch verteidigt seine eher extravaganten Behauptungen, daß Yoga tödliche Krankheiten wie Krebs heilein könne. Er behauptet auch, Beweise dafür zu haben, daß Atemübungen Aids-Patienten helfen gesund zu werden, indem sie eine Steigerung der Anzahl der Zellen ermöglichen, die der HIV-Virus zerstört.

Ramdev hat eine Erklärung für seinen angeblichen Erfolg mit Krebs: daß Yoga das Blut mit Sauerstoff anreichere, was den Tumor töte. "Yoga ist Selbstheilung und Selbstrealisation. Ich habe viele Fälle von Krebs, die ich vorlegen kann, wo Leute gesund geworden sind. Wir haben Blut-, Eierstock-, Uterus- und Kehlkopfkrebs mit Yoga geheilt.”

Im Falle von HIV sagt er, die Wissenschaftler “haben es nicht ordentlich verstanden”. Er sagt daß Leute durch Yoga und Veränderung ihres Lebensstils ihren CD4-Count erhöhen können [die Zellen, die der HIV-Virus angreift]. “Die Wahrheit, zum ersten Mal betrachtet, sieht wie ein Wunder aus.”

Derartige Behauptungen haben viele Ärzte aufgebracht. Mohammed Abbas, der Präsident des Indischen Medizinerverbandes, sagt: Yoga, obwohl eine “gute Übung, darf nicht benutzt werden, um lächerliche Behauptungen über die Heilung von HIV oder Krebs aufzustellen. Dies ist falsche Hoffnung für kranke Menschen.”

Der Swami sagt, die Patienten seien getestet worden und die Verbesserung von “unabhängigen Ärzten” gemessen. Auf die Frage, ob er irgendwelche Tests angewandt habe, die Behandlung zu analysieren, bietet er ein Buch mit Zeugenaussagen von Anhängern an, die überzeugt sind, daß sie von Krebs, Zirrhose und Nierenversagen geheilt wurden.

Einige haben dazu aufgerufen, den Swami gerichtlich zu verfolgen für das “Feilbieten von Quacksalberei höchster Ordnung”.

"Solche Absurditäten zu behaupten verstößt gegen das Gesetz”, sagte Sanal Edamaruku von der Indian Rationalist Association. "Der Magic Remedies Act von 1954 wurde eingebracht, um Leute wie Baba Ramdev daran zu hindern, gefährliche Vorstellungen über die Heilung von Krebs und dergleichen zu verbreiten.”

"Die Politiker haben Angst vor diesem Mann und vor der Gegenreaktion, die solch eine rechtliche Verfolgung freisetzen könnte.”

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern