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Science : Wenn sich Menschen hilflos fühlen, blüht der Aberglaube

Monkey Man Allahs Worte auf einer Aubergine
Großstadt-Mythen: der indische "Monkey Man" – Allahs Worte auf einer Aubergine

Wenn Menschen das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, versuchen sie verzweifelt, der Situation einen Sinn zu geben. Sie nehmen Muster wahr, die nicht existieren, und ziehen es vor, nach irgendeiner schnellen und einfachen Erklärung zu greifen – wie absurd sie auch sein mag – als in Erwägung zu ziehen, dass es keine geben könnte. Das ist das Ergebnis einer Studie, erschienen in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Science, die neues Licht auf die Psychologie des Aberglaubens, Großstadt-Mythen und Verschwörungstheorien wirft.

Die Management-Spezialistin Jennifer Whitson (University of Texas, Austin) und der Sozialpsychologe Adam Galinsky (Northwestern University in Evanston, Illinois) stellen sechs Experimente vor, an denen mehr als 200 Studenten beteiligt waren. Den Testpersonen der einen Gruppe war durch Konditionierung das Gefühl vermittelt worden, dass sie keine Kontrolle über die Situation hatten (wir wollen sie k.K. Gruppe nennen). Das wurde erreicht, indem man sie dazu brachte, sich an hilflose Situationen zu erinnern, oder sie frustrierende Übungen machen ließ, die in undurchschaubarer Weise mit Belohnungen und Bestrafungen honoriert wurden. Die Testpersonen der zweiten Gruppe wurden so konditioniert, dass sie sich in voller Kontrolle der Situation fühlten (i.v.K.). Während der Experimente zeigten die k.K.Testpersonen eine erhöhte Tendenz, illusionäre Muster wahrzunehmen – das heißt, sie identifizierten Ordnungen und bedeutungssignifikante Beziehungen innerhalb einer Gruppe von unzusammenhängenden Reizen. Z.B. sahen sie nicht existierende Objekte und Gesichter in 43% der ihnen vorgelegten „Bilder", die mit Hilfe eines Zufallsgenerators produziert worden waren (und verstreute Punkte oder flimmerndes „Schneegestöber" zeigten), während die andere Gruppe diese nicht wahrnehmen. Ein Experiment aus den 70er Jahren stellte eine ähnliche Veränderung der visuellen Wahrnehmung bei  Fallschirmspringern unmittelbar vor dem Absprung fest.

K.K.Testpersonen zeigte auch eine Neigung, nicht-existente kausale Beziehungen zwischen verschiedenen Aktivitäten und darauf folgenden Ereignissen zu phantasieren, Verschwörung hinter unklaren oder mehrdeutigen Geschichten zu wittern, die ihnen zum Lesen gegeben wurden, und dem Aberglauben zu verfallen.

In einem der Experimente wurden die Testpersonen aufgefordert, sich sich selbst als erfolgreiche Verkäufer vorzustellen, die einen Misserfolg erlitten, nachdem sie es versäumt hatten, ihr gewohntes Ritual auszuführen (nämlich vor einem entscheidenden Treffen dreimal mit dem Fuß auf den Grund zu stampfen). Bei Personen der k.K. Gruppe war es wahrscheinlicher, dass sie eine abergläubische Deutung der Situation bevorzugten, während die der i.v.K. Gruppe eher davon überzeugt waren, dass es sich um bloßen Zufall handelte.

Whitson wies darauf hin, dass frühere Forschung bereits ein Ansteigen von Aberglauben in Zeiten ökonomischer Ungewissheit festgestellt habe. In der momentanen Situation z.B. könnten sich mehr von der Astrologie leiten lassen als bisher, erwartet sie. Galinsky kommentierte: In Situationen, in denen sich Menschen nur in bescheidenem Maße ohne Kontrolle fühlen, mögen sie sich verrückten, aber harmlosen Aberglauben zuwenden – etwa Glückssocken tragen oder auf Holz klopfen.  Aber in Zeiten schwerer Krise können Individuen oder gar Gesellschaften ein Verhalten adoptieren, das ruinöse Konsequenzen hat: z.B. Juden oder Araber für globale Missstände verantwortlich machen oder unüberlegt Kriege erklären.

Interessanterweise verloren k.K. Testpersonen das Gefühl, keine Kontrolle zu haben und auch die erhöhte Tendenz, illusionäre Muster wahrzunehmen, nach einer Phase von Selbstbestätigung, während derer sie gebeten wurden, über Aspekte ihres Lebens nachzudenken, die sie für bedeutend hielten. Dies immunisierte sie gegen irrationale Tendenzen und neutralisierte alle Unterschiede zu denen, die sich in voller Kontrolle der Situation fühlten.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern