RATIONALIST INTERNATIONAL

http://www.rationalistinternational.net

Die Türkei verabschiedet sich von einer Symbolfigur des Säkularismus

Prof. Dr. Turkan Saylan
Prof. Dr. Turkan Saylan

Turkan Saylan, die berühmte Vorkämpferin für Säkularismus und Frauenrechte, die das Leben Tausender armer Mädchen in der ländlichen Türkei änderte, indem sie ihnen zu Erziehung und Berufsausbildung verhalf, ist am 18. Mai im Alter von 74 Jahren gestorben. An ihrer Bestattung in Istanbul nahmen Tausende von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten teil, viele unter ihnen Frauen, die um ihre Mutter und Wohltäterin trauerten. „Du, meine liebe Tochter, hör auf Dich zu fragen: 'warum bin ich nur als Mädchen geboren?' und versuche das Beste aus Dir zu machen, was Du kannst“, heißt es in Turkan Saylans Brief an die Mädchen der Türkei, der auf der Trauerfeier verlesen wurde. Sie hatte ihn kurz vor ihrem Tode für ein noch unveröffentlichtes Buch geschrieben.

Turkan Saylan war Dermatologin, ehemalige Professorin an der Universität von Istanbul und Beraterin der WHO. Sie kämpfte gegen Lepra, baute die türkische Lepra-Hilfe-Gesellschaft auf und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Internationalen Lepra-Union. 1986 erhielt sie für ihre Arbeit in diesem Bereich den Internationalen Gandhi-Preis. 1989 gründete sie einen gemeinnützigen Verein mit dem Namen Cagdas Yasam Destekleme Dernegi (CYDD; das heißt: Gesellschaft zur Förderung zeitgemäßen Lebens) und widmete sich der Ausbildung armer Kinder. Seither hat die Organisation ungefähr 58.000 Kindern – die meisten von ihnen Mädchen – durch Verschaffung von Studienzuschüssen und Stipendien eine Ausbildung ermöglicht. Aysel Celikel, ehemalige Justizministerin und Prof. Saylans rechte Hand, wird ihre Nachfolgerin in der Organisation sein.

Trauernde in Sisli, Istanbul, 19.Mai 2009
Trauernde in Sisli, Istanbul, 19.Mai 2009

Turkan Saylan litt seit 19 Jahren, also während der gesamten Zeit ihrer unermüdlichen Arbeit für die Ausbildung der Armen, unter Brustkrebs. Ende vergangenen Jahres verschlechterte sich ihre körperliche Konstitution dramatisch. Den größten Teil der letzten fünf Monate ihres Lebens musste sie im Krankenhaus verbringen, wo sie sich einer Chemotherapie unterzog. Was sie während dieser Zeit jedoch noch mehr geschwächt haben dürfte als ihre Krankheit, war die brutale Verfolgung durch die regierende islamistische 'Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei'. Als entschiedene Säkularistin war sie dieser seit langem ein Dorn im Auge gewesen. Nun musste sie mehrmals vor dem Staatsanwalt erscheinen und sich gegen die absurde Anklage verteidigen, sie sei eine Verschwörerin, die einen Militärputsch gegen die Regierung plane. Als ihre Ärzte ihr in der zweiten Aprilwoche erlaubten, ein Wochenende zu Hause zu verbringen, nutzte das rechte Lager die Gelegenheit, ihr einen brutalen Schlag zu versetzen. An diesem Wochenende führte die Polizei eine Razzia in ihrer Wohnung und in ihren Büroräumen durch, und Dr. Saylan, krank und gebrechlich wie sie war, musste hilflos zusehen, wie private und professionelle Dokumente beschlagnahmt und zerstört wurden. Auch ihre Kollegen wurden bespitzelt; 17 Büros der CYDD wurden durchsucht und es verschwanden Stipendien-Dokumente für etwa 500 Mädchen, die nun vorerst keine finanzielle Hilfe bekommen werden. In einer Erklärung auf der Website der CYDD (www.cydd.org.tr) bestand Dr. Saylan darauf, dass ihre Organisation weder einen Militärputsch noch Islamisches Recht unterstütze, sondern die säkularistischen Ideale des Vaters der Türkei, Mustafa Kemal Ataturk. Sie legte ihre Position dann noch einmal in einem live Fernsehinterview klar und klage die Türkische Regierung für die Ungerechtigkeit an, die gegen sie und ihre Organisation verübt wurde. Die Öffentlich war schockiert und wütend.

Wut gegen die Regierung und nachdrückliches Bekenntnis zum Säkularismus klang auch während Turkan Saylans Trauerfeier durch und machte sie zu einem politischen Ereignis. Neben Dankbarkeit und Respekt, die ihr als Ärztin im Kampf gegen Lepra und als Erzieherin im Kampf gegen Armut und Gender-Ungleichheit bezeugt wurden, wurde sie als Symbolfigur säkularistischen Widerstandes gegen den Angriff des islamischen Fundamentalismus gefeiert. „Wenn ihre Aktivitäten als Unterstützung eines Putsches gewertet werden, dann sind wir alle Putschisten!“ sagte Aysel Celikel unter donnerndem Beifall. „Die Türkei ist säkularistisch und wird säkularistisch bleiben!“ skandierten die Leute immer wieder in den Straßen. Die Armee legte einen Kranz mit der Inschrift nieder: „Wir sind alle Ataturks Soldaten“, und die Nationalflagge wurde um ihren Sarg drapiert. Die Regierung wagte nicht, einen Vertreter zu entsenden und schwieg still.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern