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Türkei: Lebend begraben zu Ehren ihrer Familie

Medine Memi war 16 Jahre alt, als ein Familienrat sie im November 2009 zum Tode verurteilte. Sie gruben ein zwei Meter tiefes Loch unter dem Hühnerstall an ihrem Haus und zwangen Medine, ihre Hände auf dem Rücken zusammengebunden, sich hineinzusetzen. Dann begruben sie sie bei lebendigem Leib. Sie warfen einen Spaten voll Erde nach dem anderen auf sie hinunter, bis sie vollständig bedeckt und das Loch gefüllt war. Medine war nicht betäubt und stand nicht unter Drogen; sie starb bei vollem Bewußtsein. Sie versuchte zu schreien und rang nach Luft. Erde füllte ihren Mund, geriet in ihre Luftröhre, in ihre Speiseröhre, in ihre Lungen und in ihren Magen. Sie starb einen langsamen und grausamen Tod.

Da ist nichts mehr, was an Medines kurzes Leben erinnerte. Nicht einmal ein Foto von ihr scheint zu existieren. Es ist als hätte sie nie gelebt. Eines von zehn Kindern in der Familie, war sie in Kahata in der Adiyaman-Provinz im Südosten der Türkei geboren und hat diesen Ort niemals verlassen. Sie durfte nicht in die Schule gehen. Ihr Vater und ihr Großvater pflegten sie brutal zu verprügeln, wenn sie den Verdacht hatten, daß sie mit Dorfjungen ihres Alters gesprochen hätte. Während ihrer letzten Monate fürchtete Medine um ihr Leben. Sie suchte Hilfe in der Polizeistation, versuchte eine Beschwerde gegen Vater und Großvater einzureichen, flehte um Hilfe und Asyl. Aber sie wurde gezwungen, zu ihren Peinigern zurückzukehren. Dies wiederholte sich dreimal; danach wurde sie nie wieder gesehen. Im Dezember wurde ein Nachbar mißtrauisch. Die Behörden öffneten den frisch zementierten Platz unter dem Hühnerstall und fanden Medines Leiche. Sie nahmen Vater und Großvater fest, doch klagten sie zunächst nicht an.

Der grausame Mord an Medine ist kein Einzelfall. ‘Ehrenmorde’ haben in der Türkei Rekordhöhen erreicht. Offizielle Regierungsangaben bestätigen mehr als 200 Fälle im Jahr – das ist die Hälfte aller im Lande begangenen Morde. Die Schätzungen von Menschenrechtsgruppen liegen weit höher. Die Ermittlungen sind in der Regel schwierig; viele dieser Morde bleiben Familiengeheimnisse. Im kurdisch-dominierten Südosten der Türkei, der Region um Medines Heimatprovinz Adiyaman, ist die Konzentration der ‘Ehrenmorde’ am höchsten. Vor vielen Jahrzehnten war Adiyaman eine Hochburg der islamisch-fundamentalistischen Naksibendi-Sekte gewesen, die 1925 von Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, verboten wurde, in den letzten Jahren jedoch neuen Grund gewonnen zu haben scheint.

Seit der Reform des türkischen Strafrechtes im Jahre 2005 sind lebenslange Freiheitsstrafen ‘Ehrenmörder’ gesetzlich vorgeschrieben. Vorher entkamen sie oft mit geringen Strafen – wenn nicht gar ganz ohne – wenn sie “Provokation” vorschützten. Selbst heute ziehen viele ‘Ehrenmörder’ Vorteile aus laxen Ermittlungen und der Nachsicht der Behörden, denn viele Polizeibeamte, Staatsanwälte und sogar Richter teilen ihre Ansichten. Selbst im Gefängnis pflegen sie hohes Ansehen und Privilegien zu genießen. Es ist eine gängige Strategie vieler Familienräte, den Mord durch das jüngste männliche Mitglied ausführen zu lassen, um die Vorteile des Jugenstrafrechtes zu nutzen. Die neuen Bestrebungen der Regierung, härtere gesetzliche Maßnahmen zu treffen, haben noch eine andere überraschende Wende gebracht: während die Zahl der ‘Ehrenmorde’ zu sinken scheint, läßt sich eine Welle von ‘Ehren-Selbstmorden’ beobachten: Um rechtlicher Verfolgung zu entkommen, zwingen Familien ihre Opfer, sich selbst zu toeten. Nach UN-Schätzungen gibt es in jedem Jahr mehr als 5000 solcher Fälle. Aber das ist möglicherweise nur die Spitze des Eisberges. Die meisten Fälle scheinen einen fundamentalistisch-islamischen Hintergrund zu haben, doch ähnlich barbarische Traditionen sind auch unter Hindus, Sikhs und Christen aktiv, letzteres zum Beispiel in Sizilien.

Übersetzung: Ursula-Charlotte Dunckern