RATIONALIST INTERNATIONAL

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Denkfest: Premiere in Zürich

Sanal Edamaruku

Sanal Edamraruku
Konferenzfotos: Subodh Sinha

Das Ereignis wurde seinem Namen gerecht. Anfang September fand in Zürich die Premiere des Denkfestes statt. Unter Regie der Schweizer Freidenker wurde es zu einer strahlenden Zelebration kritischen und wissenschaftlichen Denkens auf hohem Niveau. Die Idee war, eine Brücke zwischen akademischer Welt und kritischer Öffentlichkeit zu schlagen. Das Ziel war, herauszufinden, was heute als gesichertes Wissen gelten kann und muss – eine herausfordernde Frage, die einige klare und brillante Antworten zeitigte. Das kompakte, vielfältige Programm präsentierte vierzig profilierte Referenten, die besten Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet. Auf der Tagesordnung standen top-aktuelle Themen der Wissenschaft, skeptische Untersuchungen und bahnbrechende Projekte. Schließlich zoomte sich eine Podiumsdiskussion auf das kritische rationale Denken ein und zog die „feine Linie zwischen Skeptizismus und dem Leugnen von Fakten“. Die Teilnahme war nichts geringeres als ein intellektuelles Abenteuer.

Sanal Edamaruku and Edzard Ernst
Sanal Edamaruku und Edzard Ernst, der auf dem Denkfest über Homöopathie sprach

Obwohl es unmöglich ist, all den exzellenten Rednern gerecht zu werden, hier ein kurzer Blick aufs Programm. Da gab es eine Podiumsdiskussion zum Thema “Skeptic Blogging”, die einige der interessantesten jungen Wissenschafts-Blogger aus aller Welt zusammenführte. Einige Vorträge nahmen populäre Therapien skeptisch unter die Lupe, darunter Chi und Brain Gym. Edzard Ernst, Inhaber des ersten britischen Lehrstuhles für Komplementärmedizin, präsentierte eine zwingende Argumentation gegen die Homöopathie. Die Diskussion verschiedener Aspekte der Psychologie seltsamer Überzeugungen und Aberglauben vermittelte tiefe neue Einsichten. Es gab faszinierende Vorträge über neurobiologische Mechanismen im „gläubigen Gehirn“ und über die Neuropsychologie wahnhaften Denkens. Christine Mohr, Spezialistin für kognitive and neuropsychologische Korrelate des magischen Denkens und Glaubens, erklärte den Einfluß von Neurotransmittern auf Gehirnfunktionen und zeigte, wie Dopamin Skeptiker in Gläubige verwandeln kann.

Dann gab es äußerst informative Vorträge über Verschwörungstheorien: natürlich – wie Anfang September zu erwarten – über “9/11”, aber auch über 2012 und den obskuren “Planeten X”, der angeblich nächstes Jahr mit der Erde kollidieren soll, es jedoch bisher noch nicht auf die Radarschirme der Astronomie geschafft hat. Ein offenbar für Verschwörungstheorien besonders geeignetes und dabei besonders gefährliches Thema stellte der Immunologe Beda Stadler vor: die Impfverschwörung.

Thorsten D. Künnemann
Thorsten D. Künnemann in seinem Vortrag über die Technorama

Eine Reihe spezieller Vorträge widmete sich dem Thema “Wissenschaft für Kinder” . Dazu gab es auch einen Lehrer-Workshop. Vorgestellt wurden erfolgreiche Modelle wie Camp Quest und sein schweizer Pendant, die “Rucksackschule”, die Kinder-Universität Steyr und das berühmte schweizer Wissenschaftszentrum Technorama - das größte und bekannteste seiner Art in der ganzen Welt. In seinem inspirierenden Vortrag ließ Technorama-Direktor Thorsten D. Künnemann das Publikum Hypothesen über springende Fuss- und Tennisbälle aufstellen und experimentell überprüfen. So veranschaulichte er das Prinzip der Technorama, mit Fakten und Beobachtungen, nicht aber Theorien und indoktrinierenden „Geschichten“ den Geist der Wissenschaft zu wecken und Kinder in junge Forscher zu verwandeln.

An jedem der vier Konferenztage gab es eine Sitzung zu top-aktuellen Wissenschaftsthemen, unter anderem zu Trends in Immunobioemgineering und zum Blue-Brain-Projekt, das das Funktionieren des Gehirns mit Hilfe von Supercomputern untersucht. Ueli Straumann, Experimentalphysiker and Leiter des Collaboration Boards des Large Hadron Collider-Experiments erklärte, was es mit Quarks, Leptonen, Antimaterie and Higgs auf sich hat und diskutierte die Frage nach den Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis über den Aufbau der Materie und des beobachtbaren Universums.

Eugenie Scott, Sanal Edamaruku and Deepali
Eugenie Scott nach ihrem Vortrag über Kreationismus, mit Sanal Edamaruku und einem Mitgled der indischen Delegation, Diballi

Ich sprach über meine Bemühungen, das Geheimnis des indischen Fakirs Prahlad Jani aufzudecken, der für seine absurde Behauptung berühmt wurde, er habe sieben Jahrzehnte lang nichts gegessen und getrunken. Er wurde zweimal von einem medizinischen Forschungsteam getestet, das es jedoch vorzog, ihn nicht als Betrüger zu entlarven, sondern als Musterbeispiel für die gefährliche Pseudowissenschaft „Bretharianism“ (oder „Lichtfasten“) zu feiern, die in der westlichen Welt viele Anhänger hat. Während ich die Hintergründe des Falles darlegte, fand ich mich einem wunderbaren Publikum gegenüber, das meine Ausführungen mit reger Aufmerksamkeit, reichlich Beifall und einigen interessanten Fragen honorierte. Wie sich herausstellte, wußten die meisten Teilnehmer bereits recht gut über meine Arbeit und über die Aktivitäten der Indian Rationalist Association Bescheid und nutzten die Gelegenheit, ihrer Begeisterung für meine „Tantra Challenge“ mit einem herzlichen Extra-Applaus Ausdruck zu verleihen. Ich war gerührt.

Luigi Garlaschelli
Luigi Garlaschelli präsentierte seine Replik des Turiner Grabtuches

Den Programmpunkt “skeptische Untersuchungen religiöser Behauptungen” teilte ich mit der amerikanischen Anthropologin Eugenie Scott, die einen interessanten Bericht über die Spielarten von Kreationismus und Intelligent Design in den USA gab, und mit dem italienischen Chemieforscher Luigi Garlascelli, bekannt für seine Laborkopie des Blutes des St.Januarius. Hier präsentierte er seine Replik des Turiner Grabtuches und erklärte in allen Einzelheiten, wie das mittelalterliche Original vermutlich hergestellt worden ist.

Andreas Kyriacou
Andreas Kyriacou, Präsident der Züricher Freidenker, war der Initiator und hervoragende Organisator des Denkfestes

Das Publikum im vollbesetzten Großen Hörsaal des historischen Volkshauses kam aus ganz Europa, aus den USA und aus Indien (mit mir reiste eine kleine indische Delegation). Die Veranstalter zählten mehr als 400 Registrierungen. Viele der Teilnehmer waren sehr gebildet, die meisten zeigten einen hohen Grad von Bewußtsein und weitgefächerte Interessen, viele waren jung, und alle waren außergewöhnlich ernsthaft und konzentriert bei der Sache. Sie schätzten die hohe Qualität und die erfrischende intellektuelle Offenheit von Vorträgen und Diskussionen. Jeder, mit dem ich sprach, fühle sich immens bereichert und inspiriert, manchmal regelrecht begeistert. So ging es auch mir. Was für eine glänzende Konferenz! *)

Herzlichen Glückwunsch an die Schweizer Freidenker für diesen großen Erfolg! Und ganz besondere Anerkennung für Andreas Kyriacou, den jungen und dynamischen Präsidenten der Züricher Freidenker, der die Vorstellungskraft und die Energie besaß, diese Premiere des Denkfestes Wirklichkeit werden zu lassen! Möge es ein regelmäßessiges Ereignis werden! Ich freue mich auf ein Wiedersehen in Zürich!

*) Man erinnere sich an die muffigen Clubs selbsternannter Weltverbesserer und Hobby-Ethiker, die sich mit Selbstbeweihräucherung und Resoltionenschreiben befriedigen, und fuehle den Unterschied!