RATIONALIST INTERNATIONAL

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Der Wunderheiler von Janakpuri

Rationalisten im Under-Cover-Einsatz

Janakpuri, eine der größten Wohnkolonien Asiens, liegt am Stadtrand von Neu Delhi. Dort lebt Sunderlal Bhargav, in einer Seitengasse eines der großen Wohnblöcke. Von hinter dem Bambusvorhang, der seine ebenerdige Veranda verdeckt, steigen weiße Rauchwolken in die Luft. Heilige Mantras werden rezitiert. Vor dem Feuer, mit vor Aufregung glänzendem Gesicht, sitzt die blonde Alison, eine Fernsehmoderatorin aus Australien. Ihr gegenüber ein jovialer, fettleibiger Herr in Weiss, unermüdlich heilige Worte skandierend: das ist Bhargav. Er ist ein heiliger Mann. Bhargav und Alison haben einen Deal abgeschlossen.

Nach Darstellung des Gurus kreieren die Mantras, die er da singt, ganz besondere Schallwellen. Die steigen auf in den Himmel und werden dort von riesigen Satelieten der NASA aufgeschnappt. Aufgrund der Erdrotation werden sie bald genau über der Stadt Sydney in Australien wieder zu Boden gehen. Dort lebt ein naher Verwandter von Alison, der an Krebs leidet. Die Mantra-Wellen werden auf ihn niedersinken und ihn auf der Stelle heilen.

The remote-healing begins....
Die Fernheilung beginnt....

Der Deal kam zwei Tage vor diesem ereignisreichen Nachmittag zustande, als Alison, zusammen mit ihrer indischen Freundin Deepali, Bhargavs Verandatempel zu ersten Mal besuchte. Deepali kam als rationalistische „under cover“ Agentin, von Sanal Edamaruku als Alisons Führerin und Verhandlungsassistentin deputiert. Der Guru sicherte den beiden Frauen garantierte Heilung des unheilbar kranken Krebspatieten zu. Dafür verlangte er den Gegenwert von zwei Luxusautos in bar.

Bhargav ist einer von Hunderten von Wunderheilern und Astrologen in Delhi, die ihre Dienste in Anzeigen in verschiedenen Medien sowie im Internet anbieten. Die Indian Rationalist Association erfaßt all diese Gurus und hält die Listen auf dem neuesten Stand. Wunderkuren gegen Krankheiten anzupreisen ist in Indien ein Verbrechen. Doch das entsprechende Gesetz (der Magical Remedies Objectionable Advertisement Act) vermag nichts daran zu ändern, daß Wunderkuren weiterhin in Zeitungs- und Fernsehanzeigen, auf Werbeflächen und im Internet feilgeboten werden. Oft finden Gurus und Astrologen ihre Kunden durch Surrogat-Inserate, die offiziell für etwas anderes werben und nur mit vagen Andeutungen auf die eigentlich angebotenen Dienste hinweisen. So können sie nicht leicht gesetzlich belangt werden. Außerdem pflegen sich die Großen Fische unter ihnen durch Hightech-Ausrüstungen und Bodyguards gegen das Auge der Öffentlichkeit abzuschirmen. Viele halten sich ihre Schläger wie Mafiabosse.

Das wagemutige Unternehmen, das Sunderlal Bhargav entlarven sollte, war von langer Hand geplant. Es bedurfte mehrerer Wochen Vorbereitung, Training und Feldstudien. Das Team war gut ausgerüstet für eine Geheimoperation. Die beiden „Kundinnen“ trugen Rekorder und versteckte Kameras unter ihrer Kleidung. Die Verhandlungen mit Bhargav und seine Beteuerungen, daß er den Krebspatienten über Satelit fernheilen könne, wurden aufgenommen und dokumentiert. Es war mit diesem Beweismaterial in der Hand, daß Sanal Edamaruku nun auf den Plan trat.

The nervous guru calls for help. Sanal warns: \
Der nervöse Guru ordert Hilfe. Sanal warnt: „Hören Sie besser erst mal zu, bevor Sie weiterreden...“
Curious audience
Neugierige Zuschauer

Die Mantras verstummten, als er plötzlich auf der Veranda stand, direkt vor dem erschrockenen Guru. Bhargav erkannte den Herausforderer sofort, denn Sanals Gesicht ist in Indien von mehren hundert Fernsehprogrammen bekannt, in denen er in den vergangenen Jahren auftrat, um „heilige“ Scharlatane zu entlarven und der Öffentlichkeit ihre „Wunder“ zu erklären.

Bhargav faßte sich rasch und forderte Sanal freundlich auf, sich zu ihm zu setzen. Er wollte ihm weismachen, daß hier nur ein harmloses kleines Pooja-Ritual für eine ausländische Anhängerin abgehalten wurde. Offenbar hatte er keine Ahnung, daß er bereits in der Falle saß. Doch nun erklärte Alison öffentlich die Situation und enthüllte den abgeschlossenen Deal. Was sie noch nicht verriet war, daß die ganze Geschichte vom todkranken Krebspatienten erfunden war, als Köder, um den Betrüger zu überführen. Sie spielte sehr überzeugend die enttäuschte und wütende spirituelle „Kundin“, die versteht, daß sie betrogen wurde. Sanal stellte den Guru über dessen unmoralische und kriminelle Handlungen zur Rede und wies auf die rechtlichen Konsequenzen hin. Inzwischen hatte die laute Auseinandersetzung auf der Veranda Nachbarschaftspublikum angezogen.

Der Guru wurde wütend. Zuerst rief er den Vorsitzenden der Anwohner-Sozialorganisation zu Hilfe. Ein älterer Herr erschien und versuchte Sanal zu beruhigen und den Guru zu verteidigen. Doch während der Diskussion mit ihm kam eine schockierende Geschichte ans Licht: seine eigene Frau war vor einigen Jahren tödlich an Krebs erkrankt. Der Guru hatte damals eine große Summe für ihre Heilung gefordert - doch kurz darauf verstarb sie.

Sanal draws the attention of the guru’s strong men to the cameras
Sanal weist des Gurus starke Männer auf die Fernsehkameras hin
The cameras are rolling.....
Die Kameras laufen.....

Die Menschenmenge, die sich um die Veranda versammelte, wuchs. Der Guru bekam Angst, griff nach dem Handy und bellte Befehle. Innerhalb weniger Minuten rollten mehrere feine Autos in die Gasse und ein paar starke Männer erschienen. Sie positionierten sich an den Eingängen und beobachteten die Szene. Aber die Rationalisten waren gut vorbereitet. Sanal zog seine Trumpfkarte: er wies ruhig auf die beiden Fernsehteams hin, die die ganze Episode – vom Guru unbemerkt - von Anfang an gefilmt hatten. Jetzt klickten zusätzlich Presse-Kameras. Und natürlich standen hinter den Bambusvorhängen ganz diskret einige von Sanals gut trainierten rationalistischen Beschützern und warteten auf ihr Signal.

In dieser spannungsgeladenen Situation wendete sich Sanal an die Zuschauer und erklärte, was vor sich ging. Einige Leute traten vor und bezeugten, daß vor Alison mehrere andere Opfer in ähnlicher Weise ausgebeutet worden waren. Die beobachtenden Nachbarn hatten sich, wie sie nun zugaben, hilflos gefühlt, da der Guru starke Männer um sich hatte. Nun drohte Sanal dem Guru, ihn hinter Gitter zu bringen. Alison könnte im Polizeirevier Anzeige erstatten. Bhargav sah sich in die Enge getrieben und gab schließlich auf. Er war bereit, sich vor laufenden Fernsehkameras bei Alison zu entschuldigen. Und er versprach auch, nie wieder Wunderheilungen zu versprechen. Natürlich ist ihm nicht zu trauen. Aber während sich der geschlagene Bhargav reumütig in sein Haus zurückzog, kamen einige junge Männer zu Sanal und schüttelten ihm die Hand. Sie waren beeindruckt von seiner mutigen Operation und versprachen, in Zukunft ein scharfes Auge auf die Ereignisse in Bhargavs Verandatempel zu haben.

Sunderlal Bhargav in Janakpuri ist nur einer von Hunderten von Wunderheilern in Delhi. An diesem Nachmittag gelang es Sanals Team, noch einem weiteren das Handwerk zu legen: Guru Dev Rajkumar in Sagarpur. Die Rationalisten ziehen den “heilgen” Männern den Boden unter den Füßen weg – einem nach dem anderen....

Sanal talks to the audience
Sanal wendet sich an das Publikum
End of a bad day for the guru
Für den Guru geht ein schlechter Tag zu Ende

[10. März, 2012]