|
Die außerordentliche Bedeutung von Rationalismus für unsere Zeit
Indien ist im Begriffe zum Testfall für die Bedeutung von Rationalismus für die Zukunft der Menschheit zu werden. Als ein Land mit mehr als einer Billion Einwohner repräsentiert es eine reiche multikulturelle Einheit. Es ist die Heimat vielfältiger sprachlicher Enklaven und wettstreitender religiöser Traditionen. Viele sind Jahrhunderte und Jahrtausende alt und tief verwurzelt in sozialen Strukturen. Auf der Suche nach den geeignetsten Methoden, neue Wahrheiten zu entdecken, komplexe menschliche Probleme erfolgreich zu lösen und menschliche Bedürfnisse und Werte zu realisieren, haben Rationalisten und säkulare Humanisten den Einsatz von Vernunft, Wissenschaft und freier Untersuchung zur Erziehung der indischen Öffentlichkeit und der Machtinstitutionen in der Gesellschaft identifiziert. Große Teile der indischen Bevölkerung dürften damit nicht einverstanden sein, denn sie sind sich der Implikationen oder der Bedeutung von Rationalismus nicht bewußt. Sie glauben, altertümlicher Hinduismus sollte den Grundramen des Lebens darstellen. Ihnen steht der Islam konkurrierend gegenüber, der eine große Minderheit innerhalb Indiens repräsentiert und Pakistan und Bangladesch, früher Teile Indiens, dominiert. Andere bedeutende Minderheiten wie die Sikhs, Buddhisten und Christen haben andere Glaubenssysteme. Während Fundamentalismus wächst, scheint Uneinigkeit zu brodeln und Zersplitterung fortzuschreiten. Wie läßt sich drohender Aufruhr in der Zukunft verhindern? Wie kann sozialer Friede gewahrt werden? Indien ist die größte parlamentarische Demokratie der Welt. Es ist seit seiner Gründung ein säkularer Staat, obwohl die Trennung von Religion und Staat immer wieder durch ernsthafte Spannungen auf die Probe gestellt wird. Indien sieht sich enormen sozialen Problemen gegenüber: einer rapide wachsenden Bevölkerung, ökologischer Vergiftung, der Erschöpfung natürlicher Reserven, hoher Arbeitslosenzahlen, die Spannungen in den Städten verursachen, Armut, Analphabetismus, mangelnder Gesundheitsversorgung, der Gefahr nuklearer Auseinandersetzung etc. Die Verteidiger des Rationalismus sind überzeugt, daß es von der Anwendung seiner Prinzipien abhängen wird, ob Indien seine Probleme lösen und Fortschritte machen kann. Die Indian Rationalist Association ist für die Führungsrolle zu beglückwünschen, die sie in diesem Kampf spielt. Es gibt in Indien viele Humanisten-, Atheisten, Säkularisten, Skeptiker- und Rationalisten-Organisationen, die auf verschiedenen Gebieten wichtige Arbeit leisten. Ich bin jedoch überzeugt, daß der Rationalisten-Bewegung eine besondere und vermutlich außerordentlich wichtige Rolle zufällt, denn sie kann dazu beitragen, Indien ins 21. Jahrhundert und in das postindustrielle Informationszeitalter zu bringen. Ich sage dies, weil es den Kern des Rationalismus ausmacht, daß er beides gleichermaßen betont: wissenschaftliche Untersuchung und säkularen Humanismus. Was zeichnet heute die rationalistische Weltanschauung im Wesentlichen aus? Erstens: Zeitgenössischer Rationalismus ist einer Untersuchungsmethode verpflichtet, das heißt, er geht davon aus, daß die besten Methoden der Wissenschaft eingesetzt werden müssen, um Natur und menschliches Verhalten zu verstehen. Althergebrachte Überzeugungen sollten als Versuchshypothesen betrachtet werden, solange sie nicht durch Beweise, Gründe und ihre experimentellen Schlußfolgerungen getestet sind. Sofern sie auf Glauben, Mystizismus abstrakter Spekulation, Autorität oder Gefühl beruhen, sind sie nicht hinreichend und nicht angemessen. Ihre Darstellung mag zuweilen ästhetischen oder poetischen Wert besitzen, aber sie haben keine emipirische, faktische Grundlage. Die große Herausforderung unserer Zeit ist es, sich Teilnahmslosigkeit und engstirniger Tradition zu widersetzten und die Methoden des Verstandes und des kritischen Denkens auf alle Bereiche auszudehnen, die von menschlichem Interesse sind. Nach großen Durchbrüchen in den Naturwissenschaften, in Biologie und Verhaltensforschung, drängt es Rationalisten, ähnliche Methoden in anderen Bereichen anzuwenden. Den großen Wert solchen Vorgehens haben die Revolutionen im industriellen, technologischen und Informations-Sektor bewiesen, die wesentlich zur Verbesserung menschlicher Bedingungen beigetragen haben. Es ist die wichtigste Herausforderung, der sich die globale Gemeinschaft gegenübersieht, den Genuß der Früchte solcher Forschung von den reichen und Mittelklasse-Gesellschaften auf die riesige Unterklasse der Welt auszudehnen. Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, muß Erziehung die höchste Priorität für Rationalisten haben. Dazu gehört die Kultivierung kritischen Denkens in Studenten auf allen Ebenen ihrer Ausbildung, aber auch in den Massenmedien. Jedes Individuum in der Gesellschaft muß einbezogen werden. Das grundlegende moralische Prinzip ist, dass jeder, unabhängig von Klasse und Herkunft, ein Recht auf kulturelle Bereicherung hat. Denkenlernen ist essentiell für jede Demokratie. Eine gebildete und kritische Öffentlichkeit ist die beste Garantie gegen Tyrannei. Zweitens: Das wesentliche revolutionäre Ergebis der Anwendung der Methoden der Wissenschaft ist, daß sie unser Verständnis der Natur umgewandelt hat. Seit das Universum nicht mehr auf der Grundlage altertümlicher spiritualistischer Metaphysik betrachtet wird, können wir plötzlich erkennen, daß es grundsätzlich physikalisch-chemischen Charakter hat und evolutionären Veränderungsprozessen unterworfen ist. Unsere heutige kosmische Orientierung legt ein expandierendes Universum mit Billionen von Galaxien nahe. Seit Darwin begreifen wir, daß die Biosphäre auch als Teil eines evolutionären Prozesses zu verstehen ist. Es gibt keine besondere göttliche Rolle für die menschliche Art, nur die, die wir uns selbst zuschreiben. Die moderne Wissenschaft hat altertümliche Lehren von einer selbständigen Seele, Reinkarnation und Unsterblichkeit verworfen. Die nächsten Stationen menschlicher Evolution hängen zum Teil von unserem eigenen Handeln ab, denn wir haben die Macht, ihren Kurs zu verstehen und zu beeinflussen. Indem wir unser Verstehen des Universums ausdehnen, verbessern wir unsere Fähigkeit, die menschliche Interessenssphäre zu vergrößern und Bürger des Universums zu werden. Das befähigt uns, bornierte, chauvinistische und anthropozentrische Illusionen zu überwinden. Drittens: Sowohl die Methoden der Wissenschaft als auch ihr kosmischer Ausblick an den Frontlinien unseres Wissens haben uns neue Kräfte und Möglichkeiten gegeben. Ihren Früchten kommt große ethische Bedeutung zu. a) Wir können Verstand und Wissenschaft nutzen, unsere Wertbegriffe zu rekonstruieren, sie den tatsächlichen Gegebenheiten angemessener zu machen. Altertümliche spiritualistische Lehren raten oft zu Rückzug und Selbstverleugnung oder sind auf Erlösung ausgerichtet. Die neue säkulare Moral sucht Freude und Verwirklichung in diesem Leben hier und jetzt. Zu ihren wesentlichen Bestandteilen gehören Bildung, kritisches Denken, Entfaltung der Talente und Verwirklichung der Möglichkeiten der Person sowie Entwicklung von Selbstbestimmung und Bewußtsein der Macht über das eigene Schicksal. a) Wir können Verstand und Wissenschaft nutzen, unsere Wertbegriffe zu rekonstruieren, sie den tatsächlichen Gegebenheiten angemessener zu machen. Altertümliche spiritualistische Lehren raten oft zu Rückzug und Selbstverleugnung oder sind auf Erlösung ausgerichtet. Die neue säkulare Moral sucht Freude und Verwirklichung in diesem Leben hier und jetzt. Zu ihren wesentlichen Bestandteilen gehören Bildung, kritisches Denken, Entfaltung der Talente und Verwirklichung der Möglichkeiten der Person sowie Entwicklung von Selbstbestimmung und Bewußtsein der Macht über das eigene Schicksal. Wir müssen uns zuständig erklären für das Schicksal der menschlichen Art, für die Ökologie von Natur und Gesellschaft, und für die ungleiche Verteilung des Reichtums in verschiedenen Teilen unseres planetarischen Lebensraumes, die wir versuchen sollten auszugleichen. Dramatische Konsequenzen aus der rationalistischen und säkular humanistischen Agenda sind heute: daß wir den Gebrauch von Vernunft, Wissenschaft und kritischem Denkens auf der ganzen Welt anregen und ermutigen, daß wir Pflugscharen schmieden aus unseren Waffen, daß wir uns zusammensetzen und nachdenken und unsere Differenzen jenseits von mitgebrachten nationalistischen und religiösen Vorurteilen austragen. Wir sollten neue Versuche unternehmen, gemeinsame Grundlagen zu finden. Vielleicht verlangen wir zu viel von anderen, wenn wir fordern, daß sie ihre tiefsitzenden religiösen Überzeugungen aufgeben sollen. Aber wir müssen zumindest versuchen, sie dazu zu bringen, diese im Licht der Vernunft zu verändern und Dogmen durch Toleranz und Bereitschaft zu ersetzen, andere zu verstehen. Das ist das Wichtigste: daß wir alle Menschen überzeugen, sich gegenseitig zu respektieren und zumindest die Freiheit zuzugestehen, zu glauben oder nicht zu glauben: das ist das vornehmste Prinzip einer demokratischen Gesellschaft sowie eines den gesamten Planeten einbeziehenden Humanismus. Es liegt auf der Hand, daß die Rationalisten-Bewegung in Indien hierbei eine bedeutende Rolle spielen kann und spielen sollte. Denn der springende Punkt ist nicht einfach, falsche Aberglauben zurückzuweisen, sondern auf der Grundlage der Vernunft neue Werte und Prinzipien zu schaffen. Dies ist keine negative Weltanschauung für Neinsager, sondern positiv und konstruktriv. Denn ihr Ziel ist nicht, zu zerstören, sondern eine bessere Welt aufzubauen, die sich auf Wissen gründet anstatt auf Mutmaßungen und Lügen. Ideen haben machtvolle Konsequenzen, und die Ideen und Werte von Rationalismus und säkularem Humanismus haben bereits weitreichende Transformationsergebnisse erziehlt. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes die moderne, säkulare Welt kreiert und werden diesen Prozeß in der Zukunft fortsetzen. Diese Umsetzung der machtvollen Botschaft des Rationalismus wird, wie ich erwarte, im Brennpunkt dieser Internationalen Rationalisten-Konferenz stehen. Paul Kurtz ist Ehrenmitglied von Rationalist International; Vize-Praesident der Rationalist Press Association, Professor Emeritus (Philosophie) der Staatsuniversitaet New York in Buffalo, Vorsitzender des Center for Inquiry International und Gründer des Council for Secular Humanism. |